Aretino, dessen "Sonetti lussuriosi“ zu den unverfrorensten Erzeugnissen der pornographischen Literatur zählen, denunzierte Michelangelo wegen dessen "Jüngstes Gericht": "Es geht so weit, daß selbst in einem Bordell sich die Augen schließen würden. Ihre Art würde einem unzüchtigen Badehaus wohlanstehen, nicht einem erhabenen Chor." Zit. n. Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 165 Nicht genug damit, Aretino gibt auch noch einen dezenten erpresserischen Hinweis auf Michelangelos Homosexualität. Bereits 1555 wollte Papst Paul IV. das Werk vernichten lassen, ein Proteststurm konnte dies verhindern, nicht aber die alsbald begonnene Übermalung.
Selbstverständlich läßt Aretino, dieser Speichellecker des Papstes, in seinen Hetärengesprächen keine Gelegenheit aus, die sexuellen Verfehlungen des Klerus auflagenfördernd zu geißeln:

ANTONIA: Wenn du doch zur Sache kämst!  Ich habe eine Ungeduld in mir, wie's Kindchen, das darauf wartet, daß die Amme ihm die Brust ins Mündchen schiebe.  Mir läuft das Wasser im Munde zusammen wie am Osterabend beim Eierschälen, wenn man das lange Fasten hinter sich hat.

NANNA: Es kommt ja schon!  Ich war also allein geblieben; in den Baccalaur hatte ich mich schon verliebt, denn es schien mir nicht recht, es anders zu machen, als es im Kloster Brauch war.  Da dachte ich denn dran, was ich in den fünf oder sechs Stunden seit meinem Eintritt ins Kloster gesehen und gehört hatte; und in der Hand hielt ich die Glasstange.  Ich äugelte mit ihr wie jemand, der zum ersten Mal die greuliche Eidechse erblickt, die in der Chiesa del Popolo aufgehängt ist, und ich war über das Ding verblüffter als über die ungeheuerlichen Gräten jenes Riesenfisches, der bei Corneto auf den Sand geworfen war.  Ich konnte mir nicht erklären, warum die Schwestern so große Stücke darauf hielten.  Während ich mich nun mit solchen Gedanken beschäftigte, hörte ich auf einmal ein schallendes Gelächter, das einen Toten hätte aufwecken können.  Das Lachen wurde immer lauter, und ich beschloß daher nachzusehen, woher es wohl käme.  Ich stand also auf und legte erst ein Ohr an eine Ritze; dann, da man im Dunkeln mit einem Auge besser sieht als mit zweien, machte ich das linke zu und guckte mit dem rechten durch ein Loch zwischen zwei Ziegeln, und da sah ich - Ha ha ha!

ANTONIA: Was denn?  Was sahst du denn?  Bitte bitte, sag’ mir’s doch!

NANNA: Ich sah in der Nebenzelle vier Nonnen, den Ordensgeneral und drei Mönchlein wie Milch und Blut, die zogen dem ehrwürdigen Vater den Priesterrock aus und bekleideten ihn dafür mit einem Atlaswamms.  Auf die Tonsur setzten sie ihm eine goldgewirkte Haube und darüber ein Sammtbarett, das über und über mit Glasperlen besetzt und mit einem weißen Federbusch geschmückt war.  Dann gürteten sie ihm ein Schwert um, und der selige General lallte trunkene Worte und ging breitbeinig wie Held Bartolomeo Coglioni in der Kammer auf und ab.  Unterdessen hatten die Nonnen ihre Röcke und die Mönche ihre Kutten ausgezogen, und drei von den Nonnen zogen die Mönchskutten, die Mönche aber zogen die Nonnenkleider an.  Die Vierte aber legte den Talar des Generals an und setzte sich mit feierlicher Würde hin und spielte den Kirchenfürsten, der den Klöstern ihre Gesetze gibt.

ANTONIA: Eine schöne Orgie!

NANNA: Wart nur - jetzt fängt es ja erst an schön zu werden.

ANTONIA: Wieso denn?

NANNA: Nun, der ehrwürdige Vater rief die drei Mönchlein heran und lehnte sich auf die Schulter des Einen, der ein schlank aufgeschossener zartgebauter Jüngling war.  Von den beiden Anderen ließ er sich das Hähnchen aus dem Nest holen - das ließ aber gar traurig das Köpfchen hängen.  Doch der gewandteste und hübscheste von den beiden Brüderchen legte es auf seine flache Hand und streichelte es mit der anderen Hand, wie man einer Katze den Schwanz streicht, bis sie vom Schnurren in’s Fauchen geräth und sich schließlich nicht mehr halten läßt.  Da richtete denn auch das Hähnchen sich stolz empor.  Der wackere General aber kriegte die hübscheste und jüngste von den Nonnen zu packen, schlug ihr die Röcke über den Kopf zurück und ließ sie sich mit der Stirn auf die Bettstelle aufstützen.  Dann hielt er mit seinen Händen sanft ihre Hinterbacken auseinander - es sah aus, wie wenn er die weißen Blätter seines Meßbuches aufschlüge - und betrachtete ganz hingerissen ihren Popo.  Der war aber auch weder ein spitzes Knochengerüst noch ein schwabbeliger Fettklumpen, sondern gerade die richtige Mitte: ein bißchen zitterig und schön rund und schimmernd wie beseeltes Elfenbein; die Grübchen, die man mit solchem Vergnügen an Kinn und Wangen schöner Frauen sieht, sie zierten auch diese beiden Backen, die so zart waren wie eine Mühlenmaus, die in lauter Mehl geboren und aufgewachsen ist.  Und so glatt waren alle Glieder des Nönnchens, daß die Hand, die man ihr auf die Lende legte, sofort bis an die Waden herunterfuhr, wie der Fuß auf dem Eise ausrutscht, und Haare sah man auf ihren Beinen so wenig wie auf einem Ei.

ANTONIA: Da verbrachte wohl der Vater General den ganzen Tag mit seiner andächtigen Bewunderung, heh?

NANNA: I, Gott bewahre!  Er tunkte seinen Pinsel in den Farbtopf - nachdem er ihn vorher mit Spucke gesalbt hatte - und ließ sie sich drehen und winden, wie die Weiber in den Geburtswehen sich winden oder wenn sie das Mutterweh haben.  Und damit der Nagel recht fest stäke, gab er seinem Spinatfreund, der hinter ihm stand, einen Wink; der löste ihm die Hosen, daß sie ihm auf die Hacken fielen, und setzte Seiner Ehrwürden das Klystier an.  Der General aber verschlang mit seinen Augen die beiden anderen Knaben, die sich die beiden Nonnen recht bequem über’s Bett gelegt hatten und ihnen die Sauce im Mörser verrieben.  Das war ein großer Kummer für die vierte Schwester, die ein bißchen triefäugig und etwas schwärzlich von Haut war, weshalb keiner etwas von ihr hatte wissen wollen.  Sie wußte sich aber zu helfen.  Sie füllte den gläsernen Tröster mit Wasser - man hatte dem hohen Herrn etwas zum Händewaschen warm gemacht - setzte sich auf ein Kissen, das sie auf die Erde legte, und stemmte die Fußsohlen gegen die Wand.  Dann setzte sie die Riesenschalmei an und stieß sie sich in den Leib - es war wie wenn ein Degen in die Scheide fährt!  Ich war von all der Wonne des Zuschauens ganz aufgelöst und streichelte mein Mäuschen mit der Hand, wie im Januar die Katzen auf den Dächern den Steiß aneinander reiben.

ANTONIA: Hahaha!  Und wie endete der Spaß?

NANNA: Nachdem er nun 'ne halbe Stunde lang raus- und reingerutscht war, sagte der Prälat: »Wir wollen's jetzt alle zusammen machen.  Komm her, mein Junge, und küsse mich, und auch du, meine Taube!« Die eine Hand hielt er nun an die Dose der Engelsnonne, mit der anderen liebkoste er die Hinterbacken des hübschen Jungen und dabei küßte er bald ihn, bald sie, und machte dazu ein so schmerzverzogenes Gesicht, wie auf Belvedere die Marmorfigur von dem Mann, der inmitten seiner beiden Söhne von den Schlangen getötet wird.  Schließlich fingen sie alle zusammen an zu schreien: die Nonnen und die Mönchlein auf dem Bett und der General nebst Unterlage und Rückendeckung und auch die Überzählige mit der venezianischen Glasrübe.  Taktmäßig wie Kurrendesänger oder wie Schmiede, die auf das Eisen hämmern, schrieen sie los: »Ach!  Ach!« und »Küsse mich!« und »Dreh dich besser zu mir her!« »Die süße Zunge!« »Gib mir sie doch!« »Da hast du sie!« »Stoß feste!« »Wart, es kommt schon!« »Oh, da ist's!« »Drücke mich!« »Hilf mir doch!« - und das Alles bald halblaut, bald in den höchsten Tönen und in allen Klängen der Tonleiter.  Und das war ein Augenverdrehen, ein Stöhnen, ein Schieben und ein Strampeln, daß Bänke und Schränke und Bett und Tisch und Stühle hin und her schwankten wie Häuser bei einem Erdbeben.

ANTONIA: Fein!

NANNA: Und auf einmal da gab's gleichzeitig acht Seufzer tief aus Leber, Lunge, Herz und Seele des Ehrwürdigsten Undsoweiter, der Nonnen und der Mönche.  Und diese Seufzer machten einen so starken Wind, daß sie acht Fackeln würden ausgeblasen haben.  Und mit diesem Seufzer sanken sie alle erschöpft zu Boden wie Betrunkene, die der Wein niederwirft.  Ich war von all dem Zugucken ganz kreuzlahm; vorsichtig zog ich mich von der Spalte zurück, setzte mich aufs Bett und sah mein Glasding an.

ANTONIA: Halt mal 'n bißchen!  Das mit den acht Seufzern ist doch kaum glaublich!

NANNA: Du klaubst zu sehr am Wort herum; höre doch nur weiter!

ANTONIA: Na, dann bitte.

NANNA: Als ich nun das Glasding ansah, fühlte ich mich ganz aufgeregt - und das war wohl auch kein Wunder, denn beim Anblick solcher Sachen, wie ich sie gesehen, hätte sich wohl selbst bei den Eremiten von Camaldoli was geregt.  Und von dem Betrachten des Glasdings fiel ich IN TENTATIONE, ET  LIBERA NOS A MALO. Ich konnte dem Stachel des Fleisches, der mich aufs Blut peinigte, nicht länger widerstehen.  Leider hatte ich kein warmes Wasser wie die Nonne, der ich die richtige Anwendung des krystallenen Stengels abgesehen hatte; aber Not macht erfinderisch: ich pinkelte ganz einfach in das Ding hinein.

ANTONIA: Wie machtest du denn das?

NANNA: Es war ein Löchelchen drin, um das warme Wasser hineingießen zu können.  Na, um die Sache nicht allzu lang zu machen: fix hob ich mir die Röcke hoch, stemmte das dicke Ende der Stange gegen den Bettrand und setzte mir die Spitze an; dann ließ ich sachte, sachte den Stachel eindringen.  Es juckte mächtig, denn das Ding hatte einen dicken Kopf, ich fühlte daher zugleich Schmerz und süße Wonne.  Aber die Wonne überwog und nach und nach belebte sich der gläserne Stachel.  Und ganz von Schweiß überströmt faßte ich mir einen Löwenmut und stieß ihn mir so tief hinein, daß er aufs Haar gänzlich in meinen Tiefen verschwunden wäre.  Und wie er so hineindrang, da glaubte ich Todes zu sterben, aber dieser Tod war süßer als das ewige Leben.
 

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Aretino, Die Gespräche der göttlichen P. A., übersetzt von H. Conrad, Leipzig 1903 Zurück zum Kapitel Die neue Lust