Auch Tiere tun es nicht viel anders
Wir erleben Sexualität oft als komplizierte, verwirrende Angelegenheit. Nehmen Sie nur Ihre Nase. Ob sie nun groß oder klein, spitz oder platt, krumm oder glatt, rot oder bleich sein mag, sie ist ein jederzeit vorzeigbarer Teil Ihres Körpers, und sie müssen sich ihrer nicht schämen, dürfen sie sogar in der Öffentlichkeit anfassen, abwischen, wenn sie tropft, und jederzeit entleeren. Gewiss gilt es als unfein, sie mit den Händen zu reiben oder gar in ihr zu bohren, doch was immer Sie mit Ihrer Nase treiben, Sie brauchen die Verdammnis nicht zu fürchten. Ihr Umgang mit Ihrer Nase führt Sie weder ins Gefängnis noch in die Hölle (es sei denn, Sie sind eine Frau und leben unter ideologischen Bedingungen, die das Vorzeigen einer weiblichen Nase in der Öffentlichkeit verbietet).
Fast überall bedecken hingegen müssen Sie Ihr Geschlecht, über das nur zu sprechen in der Öffentlichkeit wieder einmal verpönt ist. Wer es gar ungebeten vor seinen Mitmenschen entblößt, wird dies in einem Gefängnis oder einer Heilanstalt büßen. Handelt es sich bei Ihrem Geschlechtsteil um einen Penis, darf er auf Fotos oder in Filmen zur Zeit schlimmstenfalls im Hängezustand vorgeführt werden, erigiert gilt er als pornographisch. Als Unding hat er nicht einmal einen würdigen deutschen Namen. Glied ist eine gschamige Verbrämung, Schwanz anatomisch falsch und Rute nur eine von unzähligen umgangssprachlichen Gewaltmetaphern, die viel über eine Gesellschaft und nichts über das Organ aussagen. Penis, auf Verlangen der Hamburger Staatsanwaltschaft entfernt
Noch sprachloser macht das Geschlecht einer weißen Frau. Sein Anblick gilt in jedem Zustand als pornographisch Anm. , legal dürfen es - und dies auch erst seit wenigen Jahrzehnten - nur Frauenärzte und Hebammen sehen. Als Vagina, deutsch Scheide, reduziert es unser Sprachgebrauch auf den lustlosesten Teil, einen dehnbaren Schlauch, und die Bezeichnung Vulva für die äußeren Geschlechtsorgane zeugt nur von mangelnden Lateinkenntnissen, heißt Vulva doch Gebärmutter. Dümmer ist nur noch die Benennung des weiblichen Geschlechts als Scham. Die umgangssprachlichen Bezeichnungen wie Fotze, Fud, Loch, Möse triefen vor Verachtung. Vagina, auf Verlangen der Hamburger Staatsanwaltschaft entfernt
Eine Nase, ein männliches, ein weibliches Geschlecht. Warum das eine Organ vorzeigbar, das andere widerwärtig sein soll, ist so leicht nicht zu verstehen. Selbstverständlich sind alle Körperöffnungen des Menschen mehr oder minder stark tabuiert, erinnern sie uns doch an unsere verdrängte Animalität. Ein scheißender Christus, eine furzende Maria sind nicht nur für gläubige Christen unerträgliche Vorstellungen, und je zivilisierter wir sind, desto mehr bemühen wir uns, ganz Geist oder zumindest Seele zu sein. Wir zeigen lächelnd unsere Zähne, aber verbergen auch bei größter Müdigkeit unseren Schlund hinter vorgehaltener Hand. Da unsere Geschlechtsorgane auch Ausscheidungsorgane sind oder zumindest in deren Nähe liegen, könnte man vermuten, deren schmutzbehaftete Bedeutung hätte sich auf diese übertragen. Nun war aber die Entleerung des Körpers noch vor wenigen Jahrhunderten keineswegs so peinlich, wie wir sie heute empfinden. Man schiss und pisste öffentlich, noch Freud spuckte in hohem Bogen aus, und wer sich schneuzt, sucht dafür in der Regel nicht eine Toilette auf. Die Tabuierung der Sexualorgane ist wahrscheinlich älter als die der Körperöffnungen allgemein, und die Einschätzung der menschlichen Körpersäfte eine Bewusstseinsangelegenheit. Erkennbar wird dies an der weiblichen Brust. Enthält sie keine Milch, empfinden viele Männer sie als sexuell, zumindest die Brustwarze musste und muss normalerweise auch heute noch bedeckt sein. Andererseits galt es auch in Zeiten strengster sexueller Prüderie (und gilt es heute noch in Ländern, in denen Frauen Gesichtsschleier tragen müssen) nicht als verwerflich, ein Kind öffentlich zu säugen. Entsexualisiert darf eine Mutterbrust gezeigt werden, obwohl sie Körpersäfte - allerdings positiv besetzte - ausscheidet.
William Jordan hat gewiss recht, wenn er behauptet: „Wir können unsere Lüsternheit nur hinter verschlossenen Türen ausleben, weil die Illusion, wir seien nach Gottes Ebenbild geschaffen, uns daran hindert, den Geschlechtstrieb in aller Öffentlichkeit auszuleben.“ William Jordan, Wenn Möven auseinandergehen, Hamburg 1993, S. 31 Doch das Vorzeige-, ja Benennungstabu unserer Geschlechtsorgane ist nicht mit einer Theorie der Körperöffnungen oder allgemeiner der menschlichen Überheblichkeit gegenüber der Natur zu erklären. Denn nicht die Funktion dieser Organe und auch nicht deren Anwendung sind die Ursache der Verdrängung, die Sexualität selbst ist das Problem, seitdem uns Menschen der Zusammenhang von sexueller Lust und Zeugung bewusst wurde.
Biologisch betrachtet unterscheidet sich die Sexualität des Menschen kaum von der anderer hochentwickelter Säugetiere und schon gar nicht von der Sexualität der Schimpansen, deren genetischer Bauplan von unserem um weniger als 2% Richard E. Leaky und Roger Lewin, Der Ursprung des Menschen, Frankfurt 1993,  S. 107 abweicht und die daher näher verwandt sind mit uns als mit Gorillas. Richard E. Leaky und Roger Lewin, Der Ursprung des Menschen, Frankfurt 1993,  S. 108 Für alle Lebewesen gilt: „Die Arterhaltung und die Weitergabe der Gene ist der einzige Zweck von Individuen einer Art.“ Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 99

Also paaren sich Tiere, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet, zwecks Weitergabe ihrer Gene. Je höher freilich ein Lebewesen entwickelt ist, desto mehr wird das Kriterium der Quantität durch das der Qualität ergänzt, sei es durch ein Wettschwimmen der Spermien in der Vagina oder durch die Rituale der Werbung oder Überwältigung.

Einem Schauspieler wird gesagt, er könne die gewünschte Rolle bekommen, wenn er bis zum nächsten Abend vierzig Pfund abnimmt. Er sucht ein luxuriöses Gesundheitsinstitut auf. Dort erklärt man ihm, das lasse sich ohne weiteres binnen 24 Stunden durch eine Behandlung erreichen, die 1000 Mark kostet, oder binnen 12 Stunden, wenn ihm die Behandlung 2000 Mark wert ist. Er wählt die billigere Kur und wird in ein großes Zimmer geführt, wo er ein nacktes Mädchen vorfindet, das ein Schild mit der Aufschrift trägt: "Fängst du mich, fickst du mich." Er beginnt zu überlegen: Wenn das die 1000-Mark-Behandlung ist, wie muss dann die doppelt so teure aussehen? Er eilt ins Büro zurück und bittet um die Behandlung, die 2000 Mark kostet. Diesmal wird er in ein kleines Zimmer geführt und die Tür hinter ihm versperrt. An der anderen Seite des Zimmers springt eine Tür auf. Ein Gorilla mit einer gewaltigen Erektion tritt ein. Er hat ein Schild umgehängt: "Fang ich dich, fick ich dich." Anm.

Der Vorgang selbst variiert, erinnert aber häufig - z.B. bei der Taufliege - an menschliches Verhalten: Das Taufliegenmännchen drängt sich dicht an ein Weibchen und klopft mit seinem Vorderbein auf ihren Hinterleib. Danach spreizt das Männchen seine Flügel und erzeugt durch rasche, vibrierende Schläge wohl verlockende Töne. Zeigt sich das Weibchen interessiert, leckt das Männchen ihre Genitalien, bevor er es ca. 20 Minuten lang besteigt. Eine Vergewaltigung gibt es bei der Taufliege wie bei fast allen anderen Tieren nicht, allerdings auch keinen Geschlechtsverkehr ohne Zeugungszweck. Männchen riechen für gewöhnlich, wenn ein Weibchen bereits begattet wurde und vergeuden in einem solchen Fall weder Zeit noch Sperma. Ralph J. Greenspan, Gene, Gehirn und Verhalten bei der Taufliege. In: Spektrum der Wissenschaft, 6/95,  S.42ff. Will ein Taufliegenmännchen trotzdem noch einmal, schlägt das Weibchen mit ihrem Legeapparat ernüchternd auf seinen Kopf. Jean-Didier Vincent, Biologie des Begehrens, Reinbek 1990, S. 128


So vielfältig die Rituale auch sein mögen, ihre Funktion ist immer, dem Weibchen / der Frau Rückschlüsse auf die Gesundheit des Männchen / des Mannes zu ermöglichen. Denn im Unterschied zum männlichen Lebewesen, das über eine fast unbegrenzte Anzahl von Spermien verfügt (jeder Samenerguss enthält 200-500 Millionen Samenzellen), die es nach dem Gießkannenprinzip möglichst breit streuen soll, besitzen weibliche Lebewesen nur eine begrenzte Anzahl von Eiern, mit denen sie haushalten müssen (von den 30 000 Eibläschen einer Frau zu Beginn ihrer Pubertät werden nur ca. 500 voll ausgebildet). Ihr Bemühen gilt daher nicht so sehr der Quantität des Samens als der Qualität des Spenders. Während das Männchen / der Mann seinen Samen verschleudert, um möglichst häufig seine Gene weiterzugeben, wählt das Weibchen / die Frau - soweit nicht schon der Auslesekampf der Männchen untereinander die Samenqualität optimierte - unter ihren möglichen Begattern aus, um ihre durch die relativ geringe Zahl der Eier reduzierte Weitergabechance ihrer Gene durch hohe Qualitätsanforderungen an den Samen möglichst optimal zu nutzen. Dies sind selbstverständlich - wie überall in der Natur - keine bewussten, ja nicht einmal gezielte Vorgänge; was uns als Ziel erscheinen mag, nämlich möglichst viele bzw. möglichst überlebensfähige Nachkommen zu hinterlassen, ist vielmehr nur eine Funktion der Effektivität. Das Weibchen wählt nicht aus, um kräftigeren Nachwuchs zu gebären, sondern jene Weibchen bekommen kräftigeren Nachwuchs, die sorgfältig auswählen. Daher wird sich bei Weibchen das Prinzip Auswahl, bei Männchen das Prinzip Vielzahl (bzw. Schnelligkeit) durchsetzen, bis sich durch die Effektivitätssteigerung die Bedingungen (z. B. durch eine Überpopulation) so weit geändert haben, dass andere Kriterien der Weitergabe der Gene förderlicher sind. Anm.
Da es sich dabei um ein Naturgesetz wie das der Schwerkraft handelt, muss es auch die menschlichen Verhältnisse, vor allem die Rollen von Mann und Frau bestimmen. Der eher aktive, um sich spritzende Mann, der (durch Stärke / Muskeln = Gesundheit) Eindruck schindet, um befruchten zu dürfen, und die eher abwägende, prüfende Frau, die (durch Körperformen / Fettgewebe = Gesundheit) Aufmerksamkeit weckt als Gebärmutter, sind nicht Erfindungen des Patriarchats. Erschreckend an dieser Tatsache, doch kaum zu widerlegen ist, dass die üblichen Rollenklischees letztlich nicht gesellschaftliche, sondern natürliche Ursachen haben. Hoffnungsvoll kann da nur stimmen, dass diese naturgegebenen Bedingungen, wie wir noch erkennen werden, nicht ewig gelten müssen.
Die beiden Liebhaber, 16. Jh.
Nun erleben wir Menschen Sexualität nicht nur als Weitergabe unserer Gene, sondern als Lust und - seltener - Befriedigung. Nicht nur der Mensch, sondern auch zahlreiche höher entwickelte Säugetiere können ihre Sexualität durchaus von der Zeugungsfunktion trennen. Bullen und Hengste z. B. masturbieren, indem sie mit einem Hinterfuß so lange auf ihr Genital einschlagen, bis ein Samenerguss erfolgt. Albert Moll, Das Sexualleben des Kindes, Berlin 1909,  S. 27 Affen haben es dank ihrer instrumental ausgebildeten Hände leichter, sie erlauben auch Weibchen zu masturbieren. So wurden weibliche Affen beobachtet, die beim Betrachten der Männerakte in der Zeitschrift „Playgirl“ sich selbst befriedigten. Eine Äffin nahm die Hand ihres menschlichen Betreuers und führte sie zu ihren Genitalien. Midas Dekkers, Geliebtes Tier, München 1994, S. 75 Nicht nur bei Schoßhündchen, sondern bei fast allen höheren Säugetieren konnte Oralverkehr beobachtet werden, auch gleichgeschlechtliche Beziehungen sind durchaus natürlich. Lesbische Beziehungen kommen vor u.a. bei Hunden, Katzen, Ratten, Mäusen, Hamstern, Meerschweinchen, Kaninchen, Stachelschweinen, Mardern, Kühen, Antilopen, Ziegen, Pferden, Schweinen, Löwen, Schafen.... Shere Hite, Hite Report, München 1976,  S. 352, s. a. Jean-Didier Vincent, Biologie des Begehrens, Reinbek 1990, S. 342 Weiße Ratten ohne Weibchen kopulieren untereinander, Tauben und Möwen nehmen gelegentlich gleichgeschlechtliche Beziehungen auf und bilden über Monate ein Paar. Nigel Davies, Weltgarten der Lüste, Düsseldorf 1985, S. 281 Kinsey, der eine Vielzahl sexueller Spiele bei Tieren beschrieb, stellte fest: "Die Annahme, dass die unter dem Menschen stehenden Säugetiere sich mehr oder weniger auf heterosexuelle Betätigung beschränken, ist eine Entstellung der Tatsachen, die mehr aus einer Weltanschauung als aus spezifischen Beobachtungen des Verhaltens der Säugetiere entstanden ist. Biologen und Psychologen, die den Grundsatz vertreten, dass die einzige natürliche Funktion der Sexualität die Fortpflanzung ist, haben die Existenz sexueller Betätigung, die nicht der Fortpflanzung dient, einfach übersehen." Zit. n. Shere Hite, Hite Report, München 1976,  S. 351 u. S. 506

Nicht nur Homosexuelle haben allen Ideologen zum Trotz die Sexualität von ihrer Fortpflanzungsfunktion befreit und als pures und - in repressionsfreien Gesellschaften - billigstes Vergnügen entdeckt. Auch unter heterosexuellen Paaren ist der Zeugungswunsch oder auch nur eine Zeugungsbereitschaft wohl das seltenste Motiv geschlechtlicher Vereinigung. Vielleicht jeder 1000ste Geschlechtsverkehr führt in den Industriestaaten zu einer Befruchtung, und längst nicht jede der wenigen Schwangerschaften ist gewollt. Im gleichen Maße aber, wie die Sexualität ihre Zeugungsfunktion verlor durch die Anwendung der nur dem Menschen möglichen bewusste Empfängnisverhütung, gewann ihre soziale Funktion an Bedeutung. Sogar schon unsere nächsten Verwandten, die Bonobos, haben die Sexualität als einen wesentlichen Bestandteil ihres Sozialgefüges entdeckt. Nach einem Kampf umarmen sich die Männchen und küssen sich auf den Mund, manchmal tauschen sie sogar Zungenküsse aus Midas Dekkers, Geliebtes Tier, München 1994, S. 144 , Weibchen reiben sich die Genitalien bis zum Orgasmus, gelegentlich führen sie Oralverkehr bei anderen Weibchen aus oder massieren deren Geschlecht. Da solche sexuelle Vielfalt in Zoos häufiger beobachtet werden kann als in der Natur Donald Symons, The Evolution of Human Sexuality, New York 1979,  S. 82f. , erfreuen sich Tiergärten in Zeiten sexueller Repression und hoher Pornographiekosten ihrer größten Beliebtheit. Zwar sind die meisten höheren Säugetiere im Unterschied zu den allzeit bereiten Bonobos-Weibchen Frans B. M. de Waal, Die Bonobos und ihre weiblich bestimmte Gemeinschaft. In: Spektrum der Wissenschaft 5/95,  S. 76ff. und zu Kaninchen, Frettchen und Nerz, bei denen ein Eisprung erst durch die Paarung ausgelöst wird Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 312 , nur für einen kurzen Zeitraum im Jahr oder - wie bei den Schimpansen - sogar nur alle fünf bis sieben Jahre paarungsbereit, doch wenn es soweit ist, kommen die Zoobesucher auf ihre Kosten. Denn Tierweibchen sind keineswegs so spröde, wie oft behauptet wird. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 315 Weibliche Primaten tun fast alles, um in der Woche höchster Brunst möglichst viele Paarungen zu erreichen: Manchmal sind sie am Ende ihrer Östrusperioden völlig erschöpft und mit Wunden bedeckt, die ihnen, um sie abzuwehren, verausgabte Männchen zugefügt haben. Mary Jane Sherfey, Die Potenz der Frau, Luxembourg 1974,  S. 181f. Sherfey ergänzte solche Beobachtungen weiblicher Unersättlichkeit in der Tierwelt: „Ich möchte meinen, dass, hielte die Zivilisation sie nicht zurück, ein nicht unähnliches Verhalten von der Frau zu erwarten wäre.“ Mary Jane Sherfey, Die Potenz der Frau, Luxembourg 1974,  S. 181f.

Kopulierende Wildkatzen
Ein kraftstrotzender Ehemann mit einem herkulischen Körperbau hat eine Frau, die sich weigert, für ihn zu kochen oder das Haus in Ordnung zu halten. Er beschließt, sich ihrer zu entledigen, indem er sie zu Tode fickt. Am nächsten Freitag stärkt er sich nach der Arbeit in einem Restaurant mit zwei deftigen Beefsteaks und einem Viertel Wein, dann rast er nach Hause, geht mit seiner Frau ins Bett und vögelt sie ohne Unterlass bis zum Montagmorgen. Bevor er, selbst kaum imstande zu gehen, die Wohnung verlässt, wirft er noch einen letzten Blick auf seine Frau - sie liegt splitternackt und schweißtriefend im zerwühlten Bett, streckt alle viere von sich und ist offenbar bewusstlos. Als er am Abend wieder zurückkommt, sieht er schon von der Straße aus frisch gewaschene Gardinen in den Fenstern, die Türschwelle ist gescheuert, überhaupt macht die ganze Wohnung einen blitzsauberen Eindruck, und er vermutet, die Nachbarinnen seien gekommen, hätten den Leichnam seiner Frau fortgeschafft und dann die Wohnung in Ordnung gebracht. Schuldbewusst tritt er ein und findet statt dessen seine Frau, noch nackt, nur angetan mit einem kleinen Fähnchen von Schürze und in hochhackigen Schuhen am Herd stehend, wie sie ein Menü kocht. "Was geht hier vor?" fragt er verblüfft, "die neuen Gardinen, du am Herd, überhaupt das alles?" "Siehst du, mein Schatz", antwortet sie und stellt sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss zu geben, "du bist gut zu mir - und ich bin gut zu dir."

Bornemann ging noch einen Schritt weiter und bekräftigte die Meinung alter Männer über die sexuelle Unersättlichkeit der Frau, indem er die Potenz weiblicher Primaten mit der Behauptung Masters und Johnsons verknüpfte, fast jede Frau sei zu 50 aufeinander folgenden Orgasmen fähig: „Fünfzig Paarungen am Tag sind für solche Weibchen durchaus normal und konstituieren mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Norm in den mutterrechtlichen Gesellschaftsordnungen der Vorzeit.“ Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 535
Auch wenn die Zahl absurd scheint (denn so unempfindlich ist die Vagina nun auch wieder nicht), macht ein häufiger Geschlechtsverkehr mit verschiedenen Partnern Sinn: Wenn bei einem einzigen Schimpansenweibchen bis zu 20 Männchen geduldig warten, bis sie an der Reihe sind Marvin Harris, Menschen, München 1996, S. 165 , beteiligen sie sich ohne es zu ahnen am vergnüglichen Selektionswettstreit. Sieger in dem Sinne, dass seine Gene weitergeben werden, ist der Begatter mit den kraftvollsten und daher schnellsten Spermien, die als erste das Ei erreichen.
Wo - wie in Pavian- oder Schimpansengesellschaften - Männchen an der Spitze stehen und eine entsprechend aggressive Sexualität bis hin zu Wutkopulationen bei Gruppenbegegnungen oder eine gegenseitige Kastration bei Statuskämpfen zu beobachten ist Andreas Karsten Siems, Sexualität und Erotik in der Antike, Darmstadt 1988, S. 299 , müssen Weibchen listig sein. Da einige Oberaffen für gewöhnlich die neugeborenen Nachkommen ihrer Vorgänger (also letztlich deren Gene) töten, täuschen schwangere Schimpansinnen den Nachfolgern eine Scheinbrunst vor und wiegen so die neuen Herren im Glauben, das Nachgeborene stamme von ihnen. Lynn Margulis u. Dorion Sagan, Mystery Dance, New York 1991, S. 98 Ganz anders sind die Verhältnisse bei den sexualfreudigen, mit dem im Verhältnis zur Körpergröße längsten Penis und der größten Klitoris ausgestatteten Bonobos. Marvin Harris, Menschen, München 1996, S. 166f. Bei ihnen scheint die Gleichwertigkeit der Geschlechter zu gelten, wobei dem Weibchen eine zentrale soziale Stellung zukommt. Sie ist übrigens auch die Flexiblere. Während das Männchen zeitlebens bei seiner Herkunftsgruppe bleibt, sucht das junge Weibchen anderswo Anschluss, wobei es zunächst Kontakt zu einem oder zwei erwachsenen Weibchen einer fremden Gruppe aufnimmt, indem es immer wieder ein gegenseitiges Genitalreiben anregt und ihnen das Fell pflegt, bis es - vermittelt durch die Freundinnen - von der Gruppe akzeptiert wird. Frans B. M. de Waal, Die Bonobos und ihre weiblich bestimmte Gemeinschaft. In: Spektrum der Wissenschaft 5/95, S. 76ff.


Sozial hochentwickelt ist auch das Paarungsverhalten der Bonobos. Ein Koitus findet (häufig frontal) nur statt, wenn beide Partner lautlich und durch Mienenspiel ihre Bereitschaft haben erkennen lassen. 15 Minuten lang starren sie sich in die Augen, bevor die friedliche Begattung beginnt, während derer sie Blickkontakt halten. Marvin Harris, Menschen, München 1996, S. 168
Wie beim Menschen gibt es auch beim Affen Hinweise, dass das Sexualverhalten nicht angeboren, sondern erlernt ist. Rhesusaffen, die von Geburt an nur mit Mutterattrappen aufgewachsen sind, kopulieren nicht, nur masturbieren können sie von Geburt an. Shere Hite, Hite Report, München 1976,  S. 210 Auch Findelkinder wie der „Wilde von Aveyron“ (als 12jähriger 1800 aufgegriffen) oder Kaspar Hauser (als 16jähriger 1828 aufgetaucht) sollen - sieht man von (nur in Andeutungen überlieferten) Masturbationsakten ab - asexuell gewesen sein. Zu Recht bemerkt Shere Hite: „Sogar Schimpansen und andere Tiere müssen erst lernen, Geschlechtsverkehr zu haben. Sex und alle körperlichen Beziehungen sind etwas von uns Geschaffenes. Sie sind Formen unserer Kultur und keine biologischen Formen.“ Shere Hite, Hite Report, München 1976,  S. 390. S. a. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 150
Die sexuelle Lernfähigkeit aus Erfahrung ist bei Affen verblüffend. So wurde ein Affenweibchen beobachtet, wie es das ekstatische Grunzen eines rangniederen Männchens, mit dem es kopulierte, zu dämpfen versuchte, als sich das ranghöchste Männchen gerade in Hörweite befand. William F. Allman, Mammutjäger in der Metro, Heidelberg 1996, S. 78 Pygmäenschimpansinnen praktizieren gar, was beim Menschen Prostitution genannt wird: „Ein junges Weibchen näherte sich einem Männchen, das Zuckerrohr aß. Sie paarten sich rasch, worauf hin das Weibchen einen der beiden Zuckerrohrstengel nahm, die das Männchen in der Hand hielt, und wegging. In einem anderen Fall bot sich ein junges Weibchen einem Nahrungsbesitzer beharrlich an, der sie zuerst mit Nichtachtung strafte, sich dann aber mit ihr paarte und sein Zuckerrohr mit ihr teilte.“ Marvin Harris, Menschen, München 1996, S. 172
Bonobos beim Spiel
Wenn schon die Tierwelt keine Zucht und Scham kennt, fördert die Natur wenigstens in Ausnahmefällen die Monogamie? Tatsächlich schien es, worauf der Zoologe Ernst Haeckel triumphierend hinwies, einen Verwandten des Menschen zu geben, der absolut monogam und streng patriarchalisch organisiert lebt, den Gibbonaffen. Dass er zu den dümmsten unter den Primaten zählt, war nur ein Schönheitsfehler. Nun aber mussten thailändische Zoologen feststellen, dass männliche Gibbons gerne Seitensprünge machen und längst nicht so treu sind wie behauptet. Sogar „Ehen zu dritt“ wurden beobachtet. FAZ 11.3.98, S. N1
Nur 3-5% aller Säugetiere leben zumindest zeitweise monogam, so Gänse, Schwäne, Engelhaie, Biber und Soldatenkäfer June M. Reinisch und Ruth Beasley, Der neue Kinsey Institut Report, München 1991,  S. 95 , lebenslänglich monogam sollen die australischen Seepferdchen (Hippocampus whitei) sein, bei denen allerdings - nicht weniger ungewöhnlich als ihre Treue - die Männchen die Schwangerschaft übernehmen: Das Weibchen legt seine Eier in eine Brusttasche des Männchens, das sie drei Wochen lang mit Sauerstoff und einem nahrhaften Sekret versorgt. FAZ v. 20.11.96, S. N1 Neue molekulargenetische Untersuchungsmethoden lassen freilich an der Treue scheinbar monogam lebender Tiere zweifeln. Bei den angeblich so treuen Goldammern z. B. fanden Forscher in zwei Drittel aller Nester Jungtiere, die mit dem sie betreuenden Männchen nicht verwandt waren. Goldammerweibchen, so konnte anhand genetischer Fingerabdrücke festgestellt werden, sind schnell zu einem Seitensprung bereit, wenn ein Männchen ein leuchtenderes Federkleid trägt (und damit gesünder scheint) als der Partner. FAZ v. 2.4.97, S. N2
Wie ideologisch geprägt die Rückprojektion der bürgerlichen Einehe auf die Tierwelt ist, zeigt das lächerliche Lob des Bestsellerautors Desmond Morris für die Paarbildung bei Raubaffen: „Auf diese Weise ... konnten die Raubaffenweibchen weiter der Unterstützung durch ihre Männer sicher sein und sich selbst ganz ihren Mutterpflichten widmen. Umgekehrt waren die Männer der Treue ihrer Weiber sicher, konnten sie getrost zurücklassen, wenn es auf die Jagd ging, und konnten es vermeiden, um die Weiber kämpfen zu müssen.“ Desmond Morris, Der nackte Affe, München 1968,  S. 58 Wer es glaubt, wird vielleicht selig, aber nichts begreifen. Denn tatsächlich spielt die Paarbildung evolutionsgeschichtlich eine höchst bedeutsame Rolle, unsere eigene Gattung, der Mensch war von ihr abhängig. Nur hat sie mit Treue rein gar nichts zu tun.
Unternehmungslustiger Bonobo
Der Mensch ist das unfertigste Lebewesen, das geboren wird, viel zu früh und hilflos. Also muss es gepflegt, ernährt, gewärmt, getragen werden. Auch wenn das Gebären und Aufziehen von Kindern für weniger verzogene Frauen keine Vollzeitarbeit ist, vergrößert männliche Mithilfe zumindest die Überlebenschance für Mutter und Kind. Die Paarbildung als einfachste Form eines Sozialgefüges erwies sich daher als nützlich für den Bestand einer Population. Wie bei den Tieren dürfte freilich auch bei den frühen menschlichen Jäger- und Sammlergruppen die Paarbildung nur so lange gewährt haben, wie die Brut (das Kleinkind) versorgt werden musste. William F. Allman, Mammutjäger in der Metro, Heidelberg 1996, S. 171

Wenn Eheleute im ersten Jahr, sooft sie miteinander schlafen, eine Münze in eine Schachtel tun und in den darauf folgenden Jahren jedesmal eine Münze herausnehmen, wird es ihnen nie an Münzen mangeln. (Italienisches Sprichwort)

Unsere Vorfahren werden sich bei der Paarbildung kaum anders verhalten haben als Paviane noch heute: Das Männchen, das neu zu einer Herde stößt, starrt ein ihn interessierendes Weibchen an, blickt sofort weg, wenn das Weibchen ihn anschaut, wagt einen zweiten, dritten Blick, bis sich beider Blicke treffen. Nun versucht das Männchen, durch Mimik die Aufmerksamkeit des Weibchens zu fesseln, nähert sich ihr vorsichtig, macht Gesten, und wenn das Weibchen akzeptiert, bilden sie ein Paar. Richard E. Leaky und Roger Lewin, Der Ursprung des Menschen, Frankfurt 1993,  S. 292 Den Rest besorgt - wie beim Menschen - die Chemie. Neurosubstanzen wie Phenylethylenamin lösen einen euphorischen (Verliebtheits-) Kick aus, der beim Menschen 2-3 Jahre anhält, bis sich im Körper eine neutralisierende chemische Hürde aufgebaut hat. Bei einem Partnerwechsel setzt dieser Prozess sofort wieder ein. Die Woche v. 18.2.1993, S. 35 Anm.
Fußspuren lassen vermuten, dass sich unsere Vorfahren seit mindestens 3,6 Millionen Jahren im aufrechten Gang übten. Das älteste bisher gefundene Skelett eines aufrecht gehenden menschenähnlichen Lebewesens („Lucy“) ist 3,3 Millionen Jahre alt. Freilich war Lucy noch vom Kopf bis zu den Zehen behaart Lynn Margulis u. Dorion Sagan, Mystery Dance, New York 1991, S. 93 und besaß nur ein winziges Gehirn. Nigel Davies, Weltgarten der Lüste, Düsseldorf 1985, S. 19 Sieht man von der sich seither anbietenden frontalen Koitusstellung einmal ab, spielte das Aufrichten für die biologische Sexualität des Menschen wohl keine große Rolle. Desmond Morris freilich wagt auch in diesem Zusammenhang amüsante Behauptungen: Er glaubt, dass die permanenten Brüste der Frau durch die mit dem aufrechten Gang in Mode kommende frontale Koitusstellung entstanden seien, um die arschbackenfixierten Männer zu locken: „Die halbkugelig vorgewölbten Brüste sind sicherlich Kopien der fleischigen Hinterbacken, die scharf begrenzten roten Lippen des Mundes solche der roten Labien.“ Desmond Morris, Der nackte Affe, München 1968,  S. 111 Und Tannahill erklärt gar die Schamhaare aus der Notwendigkeit, bei der neuen Paarungsstellung von vorne die Reibung während des Geschlechtsverkehrs zu verhindern. Reay Tannahill, Kulturgeschichte der Erotik, Wien 1982,  S. 15 Eine dümmere Erklärung der Schamhaare fiel, wie wir sehen werden, nur noch Freud ein.

Nein, die Bedeutung des aufrechten Ganges liegt in der Befähigung des Menschen, unter sich immer wieder verändernden klimatischen Bedingungen und davon bestimmten Nahrungsverhältnissen besser überleben und mit seinen nun permanent als Werkzeug nutzbaren Händen künstliches Werkzeug bauen zu können. Mit dem aufrechten Gang (aber nicht unbedingt als dessen Folge) wuchsen die relative Größe und Komplexität des menschlichen Hirns gewaltig auf das (bis jetzt) Dreifache an. Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 18 Gleichzeit wurden Frau und Mann immer ähnlicher. Lassen die ältesten menschlichen Fossilien vermuten, dass die Männer etwa doppelt so groß waren wie die Frauen, so hat sich bis vor ca. 1,7 Millionen Jahren der Abstand bereits auf 10 - 20% verringert.Richard E. Leaky und Roger Lewin, Der Ursprung des Menschen, Frankfurt 1993,  S. 104 Heute sind Frauen nur mehr rund 10 cm kleiner und 10 Kg. leichter als Männer. Ihre Muskelkraft ist noch um etwa 20% niedriger, das Herz kleiner und leichter, das Lungenvolumen 20 - 30% geringer, auch haben Frauen 10% weniger rote Blutkörperchen. Heinz Dannhauer, Geschlecht und Persönlichkeit, Berlin 1973,  S.42.f. Anm. Diese Unterschiede verringern sich weiter, da körperliche Schwerstarbeit für Männer immer seltener ein Kriterium der Selektion darstellt.
Trotz des beeindruckenden Größenunterschiedes unserer männlichen und weiblichen Vorfahren kam wohl keiner von ihnen auf die Idee, Frauen das schwache Geschlecht zu nennen. Denn noch war die Rolle des Mannes bei der Zeugung unbekannt, die Frau als Gebärerin der Inbegriff des Lebens, der Fruchtbarkeit. Über sie definierten sich alle Verwandtschaftsbeziehungen.

Ein junges Mädchen möchte einen Sohn des Nachbarn heiraten, aber ihr Vater warnt sie unter vier Augen: "Du kannst den Burschen nicht heiraten. Sag es auf keinen Fall Deiner Mutter, aber er ist Dein Halbbruder." Das ereignet sich mit drei verschiedenen jungen Männern, und das Mädchen merkt allmählich, dass es nicht möglich sein wird, in der Nachbarschaft einen Mann zu finden, den sie heiraten darf. Deshalb vertraut sie sich ihrer Mutter an. "Ach, mach nur und heirate, wen Du willst", erwidert die Mutter forsch. "Bist ja mit Deinem Papa gar nicht verwandt."

Doch müßig ist es, über die Vorherrschaft eines Geschlechts, über Tabus zu spekulieren, zu wenig wissen wir über die menschliche Frühgeschichte. Feststehen dürfte: Sexualität wurde als Naturereignis empfunden, lustvoll, variantenreich, physisch beschränkt beim Mann (wenn auch nicht so beschränkt wie in den letzten zwei Jahrtausenden) Anm. , nahezu unbeschränkt bei der Frau, deren sexuelle Befriedigung mangels zivilisierter vorspielwilliger Partner eine große Zahl von Geschlechtspartnern oder die eigene Nachhilfe voraussetzte. Aber Sexualität war kein Problem, nicht einmal ein Phänomen, sondern Teil menschlichen Erlebens. Der spielerische wie soziale Umgang der Bonobos mit ihrer Sexualität dürfte dem frühgeschichtlichen Sexualverhalten der Menschen recht nahe kommen.
© 2001 Karl Pawek pawek@web.de

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