Der Verlust der Unschuld
In der bislang wohl prüdesten und daher sexbesessensten Epoche der Menschheitsgeschichte, dem 19. Jahrhundert, brachen unzählige Forscher auf zu Expeditionen in die Frühgeschichte der menschlichen Sexualität. Bei den Urvölkern Afrikas, Asiens, Australiens und Amerikas suchten sie, was sie finden wollten Anm.:die einen den Beweis für die Natürlichkeit der Monogamie, der Einehe, andere die Promiskuität, die scham- und schrankenlose Geschlechterpaarung im unverdorbenen sexuellen Paradies, z. B. auf den Gesellschaftsinseln. Dort wählten sich die Mädchen ihre vorehelichen Sexualpartner aus, den Jungen war es nicht gestattet, einem bestimmten Mädchen den Vorzug zu geben. Da aber für männliche Jugendliche - wie überall auf der Welt und noch heute - die Geschlechtsbefriedigung und nicht eine Partnerwahl dringend war, funktionierte das System problemlos. Nigel Davies, Weltgarten der Lüste, Düsseldorf 1985, S. 73 Die schöne Wilde. Aus Wie lecker war mein Franzose, Nelson Pereira Dos Santos, 1971

Imponierender Penisschutz, Afrika, 20. Jh.

Die Berichte über das Liebesleben ferner Völker waren oftmals verblüffend, aufregend, phantastisch und bewiesen allesamt doch nur eins: Im Bereich der Sexualität gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Hier fand sich völlige sexuelle Freiheit für Mädchen, und Jungfräulichkeit wurde als Schande empfunden, dort war homosexueller Geschlechtsverkehr für Männer selbstverständlich, wenige Tagereisen entfernt dagegen mit der Todesstrafe bedroht, E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 339 jene tauschten ihre Frauen Anm., die wiederum Fremde auf ihr Lager einluden Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 80 , auf Tahiti kopulierte man zwar öffentlich miteinander Anm., aber aß getrennt nach Geschlechtern Edward M. Brecher, Vom Tabu zum Sexlabor, Reinbek 1971,  S. 27 , bei den Beni Amer schienen Mann und Frau ihre Rollen gewechselt zu haben, darüber hinaus forderten sie voreheliche Keuschheit und führten als Verheiratete eine äußerst freie Ehe Herbert Lewandowski, Ferne Länder, fremde Sitten, Stuttgart 1958,  S. 292 , manche Blutsbrüderschaften lebten in vollständiger Gütergemeinschaft einschließlich des Gutes Frau Leopold Hellmuth, Die germanische Blutsbrüderschaft, Wien 1975,  S. 147 , und sogar Gruppenehen ließen sich nachweisen. Germaine Greer, der weibliche Eunuch, Frankfurt 1971,  S. 24f. In Afrika durften sogar amerikanische Kinder nackte Brüste sehen. Um 1950

Amerikanische Afrikareisende um 1950

Penis, zur Reizerhöhung mit Stäbchen durchbohrt, Indonesien

Noch in den Dreißigerjahren unseres Jahrhunderts glaubten die Bellonesen auf den Salomoninseln, dass die einzige Funktion des Geschlechtsverkehrs das Vergnügen sei Martin Dannecker, Das Drama der Sexualität, Frankfurt 1987,  S. 41f.,  und auch australische Ureinwohner kannten bis unlängst noch nicht den Zusammenhang von Kopulation und Zeugung. Für sie war eine Frau einfach ein Wesen, das während einer langen Zeit ihres Lebens in gewissen Abständen Kinder gebärt. Marielouise Janssen-Jureit, Sexismus, München 1976,  S. 123
Dass Mütter unter solchen Voraussetzungen eine herausragende Rolle spielen, ist leicht einsichtig. Sie schaffen menschliches Leben, sind fruchtbar wie die Natur. Diese unverstandene Fruchtbarkeit gebot Ehrfurcht, Verehrung. Die gebärfähige Frau und nicht der jagende Mann bildete den Mittelpunkt frühmenschlicher Gesellschaften, ihrer Kulturen. Die ältesten Plastiken (25 000 v. Chr.) zeigen seltenTiere und noch seltener Männer, sondern fast gesichtslose Frauenkörper mit riesigen Brüsten und breiten Becken. Mary Jane Sherfey, Die Potenz der Frau, Luxembourg 1974,  S. 220 Die vermeintliche Abhängigkeit der Frau vom Mann als Versorger, Schutzherr entstammt neuzeitlichem patriarchalischem Selbstverständnis.
Venus von Willendorf, ca. 30 000 v. Chr.

Venus von Lespugue, 20000 v. Chr.

Lange hat man sich um die Jahrhundertwende bemüht, die Existenz matriarchalischer Staaten bis hin zur absoluten Umkehr geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung je nach Interessenlage zu beweisen Ursula Scheuch, Wir werden nicht als Mädchen geboren - wir werden dazu gemacht, Frankfurt 1977,  S.30 bzw. zu widerlegen. Marielouise Janssen-Jureit, Sexismus, München 1976,  S. 142 Doch fanden sich keine Hinweise, dass der Mutterkult anfangs nur von Frauen getragen und den Männern erst nachträglich aufgezwungen wurde. Christoph Türcke, Sexus und Geist, Frankfurt 1991,  S. 34f. Die Männer teilten ihn wohl ganz selbstverständlich, und in vielen Kulturen tragen Priester noch heute Frauenkleider, wenn sie eine heilige Handlung vollziehen. Walter Böckmann, Botschaft der Urzeit, Düsseldorf 1979,  S. 219. S. a. G. R. Taylor, Im Garten der Lüste, Frankfurt 1970,  S. 222
Um so erschütternder muss auf den Mann die aus der Naturbeobachtung gewonnene Ahnung gewirkt haben, dass er an der Entstehung eines Kindes nicht unbeteiligt ist. Als Vater hatte er plötzlich nicht nur ein Recht an seinem Kind, sondern einen Nachfolger und - als die Entstehung von Eigentum die Zukunft über die eigene Lebenserwartung hinaus verlängerte - auch einen Erben. Fatalerweise gab es für den Mann nur eine Möglichkeit sicherzustellen, dass ein Kind auch sein Kind ist: Der in seiner Sexualität beschränkte Mann musste die sexuell weitaus potentere Frau zwingen, geschlechtlich ausschließlich ihm zur Verfügung zu stehen. Anm.
Venus, 18000 v. Chr.

Geburt, Felsbild im Tassili-Gebirge, ca. 8 000 v. Chr.

Erst das Wissen um die Folgen sexuellen Vergnügens vollendete die Vertreibung aus dem Paradies, dem Ort der Unschuld. Was vorher nur Lust war, wurde zu einem sozialen Akt mit Folgen für Frau und Mann: Die Privatisierung sexueller Verhältnisse zwecks Gewährleistung einer Abstammungsgarantie führte zur Monopolisierung der Frau (und damit zu ihrer Entsexualisierung in der Öffentlichkeit). Die dadurch hervorgerufene Reduzierung des Frauenangebotes aber förderte nicht nur die Entwicklung masturbatorischer und homosexueller Techniken, sondern führte auch zur Entstehung der Prostitution, dem keineswegs ältesten Gewerbe, gewiss jedoch der ersten Form einer Verdinglichung (weiblicher) Menschen.
Wir wissen nicht, wann und wie sich diese ebenso gewaltige wie gewalttätige Veränderung im Verhältnis der Geschlechter ereignet hat, wir kennen nur ihre Folgen, die Entstehung von Hochkulturen mit ihrem schrecklichen Frauenhass. Kate Millett, Sexus und Herrschaft, München 1974,  S. 156 5000 Jahre, so schätzt man, dauerte die Unterwerfung der Frau. Spuren dieses Kampfes, der mit der Entstehung städtischen Lebens um ca. 7000 v.Chr. entschieden gewesen sein dürfte, finden sich noch Jahrtausende später. Herodot berichtete seinen staunenden Zuhörern, dass in Ägypten, wo alles anders sei als im (bereits männerrechtlich)zivilisierten Griechenland, die Frauen stehend und die Männer sitzend urinieren. M. Vaerting, Neubegründung der Psychologie von Mann und Weib, Karlsruhe 1921,  S. 40 Noch um 2400 v. Chr. konnte eine Ägypterin einem heiratsfähigen Jüngling einen gar nicht untertänigen Heiratsantrag machen: "Mein schöner Freund, es ist mein größter Wunsch, als Dein Weib die Herrin all Deiner Besitztümer zu werden." Johanna Fürstauer, Eros im alten Orient, Stuttgart 1965, S. 61  Alte ägyptische Eheverträge bestätigen das Recht der Frau, ihren Mann zu verstoßen M. Vaerting, Neubegründung der Psychologie von Mann und Weib, Karlsruhe 1921,  S. 14 , und in den 19 Liedern der sogenannten Londoner Handschrift (1400 v. Chr.) nennen 15 die Frau als Liebeswerberin des Mannes, nur viermal führt der Mann das Wort. M. Vaerting, Neubegründung der Psychologie von Mann und Weib, Karlsruhe 1921,  S. 5 Ägypterinnen praktizierten bereits Empfängnisverhütung: Eine Mixtur fein gemahlener Akazien und Datteln, vermischt mit Honig, wurde auf einem Wollpfropfen aufgetragen. Durch das Einführen eines solchen Pfropfens in die Vagina sollte 1-3 Jahre lang eine Schwangerschaft verhindert werden. Das Mittel dürfte sogar - wenn auch mehr schlecht als recht- funktioniert haben, denn durch die Fermentation der Akazie entsteht eine Art Milchsäure mit tatsächlich spermizider Wirkung. NZZ 19.2.98, S. 48 Aber bereits im babylonischen Reich konnten Frauen und Kinder wie jeder Besitz verpfändet werden. Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 29 Strenge Sexualgesetze und die niedrige Stellung der Frau begleiteten dieStaatenbildung in einer sich festigenden Männerherrschaft.
König zwischen zwei Göttinnen, 14. Jh. v. Chr.

Zwerg mit Familie, 2250 v. Chr.

Nofretete, 14. Jh. v. Chr.

Derälteste überlieferte Witz (2600 v. Chr.) beschreibt Frauen bereits als Lustobjekte: "Wie heitert man einen gelangweilten Pharao auf? Indem man eine Schiffsladung junger Frauen, die nur Fischernetze anhaben, über den Nil fahren lässt und zu dem Pharao zum Angeln schickt."

Es war eine Zeit des Umbruchs, das Alte ließ sich wie in der Orestie (Eumeniden) des Äschylos nicht so leicht verdrängen, dem Neuen fehlte noch die Legitimität.So überdauerte die Tempelprostitution, ein ritueller Akt, der mit einer Opfergabe verbunden war, lange die patriarchalische Wende. Herodot berichtet über eine Form der Tempelprostitution in Babylon aus der Mitte des 5. Jahrhundert vor Christi: "Einmal im Leben muss sich jede einheimische Frau im Tempelbezirk der Aphrodite niedersetzen und sich einem Fremden zur Verfügung stellen. Vor und hinter einer jeden, und rechts und links von ihr, lässt man offene Pfade, so dass die Fremden bequem hindurchgehen können, um ihre Wahl zu treffen. Wenn eine Frau sich einmal hingesetzt hat, dann steht sie nicht mehr auf, bis einer der Fremden ihr zum Zeichen seiner Wahl eine Münze in den Schoß geworfen hat, so dass sie sich mit ihm außerhalb des Heiligtums vereinige. Die Höhe des Preises bestimmt der Käufer. Er wird nie zurückgewiesen, denn das ist vom Gesetz verboten. Das Geld gehört nicht der Frau,sondern der Gottheit. Sie muss dem ersten folgen, der da kommt." Borneman interpretiert diese Form der apotropäischen Prostitution als Buße der Frau, weil sie mit ihrer Heirat das Gebot der Göttin missachtete,der Fruchtbarkeit wegen allen Männern zur Verfügung zu stehen. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 265f.

Die Liebenden und der Tod. Kupferstich von Hans Sebald Beham, 1529
Eine der lächerlichsten Übergangserscheinungen war das Männerkindbett, Herodot und andere Griechen beschrieben diesen absurden Versuch, weibliche Fruchtbarkeit zu imitieren, sich auch noch die Last des Gebärens anzueignen: Wenn dieFrau entbindet, legt sich der Mann schluchzend ins Bett, windet sich in eingebildeten Wehen, stöhnt, lässt sich pflegen und gilt - wie die Gebärende - bis nach dem ersten Bad als unrein. Sir Galahad, Mütter und Amazonen, München 1932,  S. 104 Sogar die Geschichte der Götter wurde um Männergeburten ergänzt: Hesiod berichtete von der Geburt der Athene aus dem Kopf des Zeus. Und nach späterer Überlieferung war Zeus sogar ein zweites Mal schwanger. Als ihn die thebanische Königstochter Semele, der er - wie üblich inkognito - ein Kind gemacht hatte, zwang, ihr seine wahre Identität zu enthüllen, tötete er sie, entnahm ihrem Leib den sechs Monate alten Embryo und pflanzte ihn in seinen Oberschenkel ein. Nach drei Monaten gebar er Dionysos. NZZ-Folio 3/98, S. 27Anm. Zeus´ Kopfgeburt der Athene, 1618
Ein Sudanese auf der Suche nach einem Paar Schuhe murmelt vor sich hin: "Ich wünschte, ich könnte ein Paar Schuhe finden, das aus demselben Material ist wie die Geschlechtsorgane der Frauen. Sie sind unzerstörbar: Gleichgültig, wieviel man in sie hineinschneidet und wie oft man sie wieder zusammennäht, sie sind immer so gut wie neu!"
Gar nicht komisch, weil wohl von Rachegelüsten getrieben, ist die in Ägypten aufkommende Mädchenbeschneidung. Die immer grausame, manchmal tödliche Verstümmelung, der sich heute noch zum "Schutz" vor Vergewaltigung und Gewährleistung der Jungfraulichkeit jährlich 2 Millionen Mädchen unterziehen müssen FAZ v. 4.3.97, S. 6 , reicht von der Entfernung der Klitorisvorhaut (milde Sunna) überdie Entfernung der Klitoris (modifizierte Sunna) und der inneren Schamlippen (Clitoridectomie) bis zum Vernähen der äußeren Schamlippen mit Ausnahme einer winzigen Öffnung für Urin und Blut. Text Knaben wurden bereits seit der Jungsteinzeit beschnitten, manche meinen, um ihre Erektion zum Vergnügen der Frau länger halten zu können. Aus medizinischen Gründen jedenfalls ist dieser vor allem bei den Juden (auch Christus war beschnitten) und islamischen Völkern übliche Brauch nicht zu erklären. Griechen und Römer praktizierten die Beschneidung nicht, da sie die Vorhaut als Zierde betrachteten. In Griechenland war es sogar üblich, die Vorhaut durch regelmäßiges Ziehen zu verlängern. Beschneidung Christi, Meister des Tucheraltars, um 1450
Während heute immer noch jede 500ste, manche meinen sogar jede 50ste Beschneidung zu Komplikationen führt, war eine solche Operation vor Jahrtausenden lebensgefährlich. Männer werden sich ihr kaum freiwillig unterzogen oder die Anwendung bei ihren Söhnen gefordert haben. Die Beschneidung dürfte daher aus einer Zeit ungewöhnlicher Frauenmacht stammen. Mary Jane Sherfey, Die Potenz der Frau, Luxembourg 1974,  S. 140. S. a. Nigel Davies, Weltgarten der Lüste, Düsseldorf 1985, S. 55 Als nun der Mann triumphierte, beraubte er die Frau ihrer sexuellen Lust, zumal die Vielweiberei nur ohne Befriedigungserwartung der Frauen ein Vergnügen ist. Die Frau, ursprünglich Gespielin und Gebärerin, wurde zum Lustobjekt und Reproduktionsmittel des Mannes denaturiert, Ägypterinnen und Phönizierinnen verwendeten alsbald Lippenrot, um ihren Mund wie ein zweites Geschlechtsorgan erscheinen zu lassen. Anm.
Allmählich werden uns die Verhältnisse vertrauter. Schon im 6. Jh. v.Chr. beziehen reiche Bürger in Babylon wie später in Griechenland ansehnliche Einkünfte aus der Prostituierung ihrer Sklavinnen Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 31 , deren Benutzung den Tagelohn eines Handwerkers kostete. Ann Saitow u. a., Die Politik des Begehrens. Sexualität, Pornographie und neuer Puritanismus in den USA, Berlin 1985, S. 145
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Belebung des Phallus (Fellatio), Ägypten, ca. 1500 v. Chr.
 

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