Die Kultur des Frauenhasses
Und doch unterscheidet sich die Sexualität der Ägypter und Griechen noch gründlich von unserer. Die bereits den Griechen bekannte Zweigeschlechtlichkeit des Embryos bis zur neunten Lebenswoche bestärkte sie in ihrer Auffassung von der Zweigeschlechtlichkeit des Urmenschen, rechtfertigte ihre Bisexualität. Theodor Hopfner, Das Sexualleben der Griechen und Römer, Prag 1938, S. 16 Keine Sexualtechnik war bei ihnen verpönt, solange sie nur aktiv ausgeführt wurde. Anm. So empfanden die Griechen Homosexualität weitgehend als normal - auch bei Vätern. In einigen griechischen Stadtstaaten galten Homosexuelle als ausgesprochen männlich, tapfer, heldenhaft, sogar die berühmteste griechische Elitetruppe soll nur aus männlichen Liebespaaren bestanden haben. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 241 Homoerotische Szenen (Fellatio), Griechenland 510 v. Chr.

Griechische Homosexuelle, 4. Jh. v. Chr.

Schöne, junge, unbehaarte Hintern liebten die Griechen so sehr, dass sie für diesen Körperteil eine eigene Göttin erfanden: Aphrodite Kallipygos. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 235 Und Eros war ihnen mehr als nur der Gott der Liebe. Er symbolisierte vor allem die Knabenliebe Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 286 , wie sie auch Aeschylos und Sophokles praktizierten. H. M. Hyde, Geschichte der Pornographie, Berlin 1969,  S. 67 Stand kein Knabe zur Verfügung, blieb immer noch der Analverkehr mit Frauen Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 237 , wie ihn auch Goethe vorziehen wird: „Knaben liebt ich wohl auch, doch lieber sind mir die Mädchen, hab ich als Mädchen sie satt, dient sie als Knabe mir noch.“ Zit. n. Heinz Ludwig Arnold, Komm. Zieh dich aus. Das Handbuch der lyrischen Hocherotik deutscher Zunge, Zürich 1991, S.93 Von den Griechen konnte Aristophanes ohne Übertreibung behaupten: "...arschgefickt ist unser ganzes Volk." Aristophanes, Lysistrata, Vers 137 Jugendlicher wird von seinem älteren Liebhaber gestreichelt (Pädarestie), Griechenland, 6. Jh. v. Chr.
Eine abgrundtiefe Verachtung schlug freilich jenen entgegen, die passiv homophil waren, denn die moralischen Codes der Spätantike waren bestimmt durch die Wahrung des intakten Bildes eines Oberschichten-Mannes, der sehr wohl jemanden in den Arsch ficken, sich jedoch niemals ficken lassen durfte. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  S. 236. S. a. Ann Saitow u. a., Die Politik des Begehrens, Berlin 1985, S. 136 Entsprechend verpönt war es auch, einer Frau durch Scheidenlecken zum Orgasmus zu verhelfen. Reay Tannahill, Kulturgeschichte der Erotik, Wien 1982,  S. 97Anm. Masturbation dagegen, "sich mit der Hand das Hochzeitslied singen", galt den Griechen bis Plato nicht als Laster, sondern als eine Art Sicherheitsventil. Diogenes masturbierte gar öffentlich mit der Begründung, dass eine Handlung, die an sich nicht für schlecht gehalten werde, nicht durch das Licht der Öffentlichkeit schlecht werden könne. Ann Saitow u. a., Die Politik des Begehrens, Berlin 1985, S. 112 Für Frauen gab es künstliche, aus Leder hergestellte Phallen, ihre Länge von acht Fingerbreiten galt offenbar als Idealmaß. Theodor Hopfner, Das Sexualleben der Griechen und Römer, Prag 1938, S. 34 Sexuelle Abstinenz lag den Griechen jedenfalls so fern, dass ihre Sprache nicht einmal ein besonderes Wort für Keuschheit kannte E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 350 , allerdings litten auch nicht wenige von ihnen unter Gonorrhoe, dem Tripper. Theodor Hopfner, Das Sexualleben der Griechen und Römer, Prag 1938, S. 146f. Schalenboden, Griechenland, 4. Jh. v. Chr.
In dieser mehr homoerotischen als platonischen Männergesellschaft wucherte der Frauenhass. Hesiod empfahl im 8. Jh. v. Chr., es sei besser, "die Frau zu kaufen, als sie zu heiraten. Dann kann man sie, falls notwendig, zur Arbeit mit dem Pflug schicken." Werke und Tage, 405 - 406, zit. n. Martin Dannecker, Das Drama der Sexualität, Frankfurt 1987,  S. 95 Homer predigte: "Nichts ist scheußlicher doch, nichts unverschämter auf Erden als das Weib." Od. XI 427, zit. n. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975, S.198 Hippokrates, Arzt von der Insel Kos, forderte: "Die Frau bedarf eines Zuchtmeisters, denn sie hat von Natur das Zügellose an sich." Zit. n. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975, S. 200 Plato drohte allen Männern, die kein rechtschaffenes Leben führen oder sich von ihren Leidenschaften hinreißen lassen, statt sie mit ihrem Verstand zu beherrschen, sie würden bei ihrer zweiten Geburt zur Strafe als Frau auf die Welt kommen. Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 120 Und Karkinos erklärte kurz und bündig: "O Zeus, was soll die Weiber man noch schmäh' n? Genügt doch völlig schon dies Wort: ein Weib." Zit. n. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 201Anm. Auch in der Bildenden Kunst wird die neue Geringschätzung der Frau deutlich. Bis um 500 v. Chr. wurden Mann und Frau beim Geschlechtsverkehr entweder aufrecht stehend oder liegend sich umarmend, jedenfalls mit einander zugewandten Gesichtern dargestellt, ab 500 v. Chr. wird die fast nur mehr von hinten penetrierte Frau zumeist in unterwürfiger Stellung gezeigt. Ann Saitow u. a., Die Politik des Begehrens, Berlin 1985, S. 118
Der griechische Mann scheint unfähig gewesen zu sein, eine Frau sexuell zu lieben. Angst vor der gezähnten Vagina, der kastrierenden Scheide, und der Hass des Usurpators auf jene, die er einst vergötterte, machten ihm die Frau widerwärtig. Nur die gekaufte, also von ihm besessene, verdinglichte Frau bereitete ihm Vergnügen. Nirgendwo in Griechenland war Prostitution verboten und der Verkehr mit einer Prostituierten schien nach Aristippos genauso wenig unanständig wie das Bewohnen eines Hauses, in dem schon viele Menschen gewohnt haben. Die Hetären, edle, oft auch gebildete Mietfrauen, genossen hohes Ansehen, fast alle griechischen Statuen von Göttinnen sind berühmten Hetären nachgebildet. Entsprechend teuer waren Hetären, sie kosteten das Zehn- bis Zwanzigfache des Preises für einen gewöhnlichen Arbeitssklaven. Ann Saitow u. a., Die Politik des Begehrens, Berlin 1985, S. 148 Wer nicht die umgerechnet 15 000 Euro für eine gute Hetäre besaß, konnte sie sich vielleicht mit einem Freund teilen. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 254 Die Kommerzialisierung der Sexualität ermöglichte es immerhin einigen Frauen, auf ihre Kosten zu kommen. Selbstbewusst schrieb die Hetäre Philumena im 4. Jh. v. Chr. an ihren Gönner: „Warum hältst Du Dich damit auf, lange Briefe zu schreiben? Ich will fünfzig Goldstücke, keine Briefe. Wenn Du mich liebst, bezahle, wenn Du Dein Geld mehr liebst, belästige mich nicht weiter. Leb wohl!“ Herodotos II 134 -135, zit. n. Martin Dannecker, Das Drama der Sexualität, Frankfurt 1987,  S. 102 Trotz horrender Kosten schien auch dem Antipatros ein bezahltes Hetärenverhältnis immer noch besser als eine Ehe. Er empfahl die Hetäre Europa: „Nimm Dir für sechs Obolen Europa, die attische, wo Du niemand zu fürchten brauchst, die Dir nie widerspricht, die ein untadeliges Bett Dir bietet und Heizung im Winter. Unnötig, guter Zeus, verwandeltest Du Dich zum Stier.“ Zit. n. Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 55

Ein New Yorker Textilfabrikant kommt eines Tages früher aus dem Büro nach Hause, weil er Kopfschmerzen hat, und findet seinen Kompagnon mit seiner Frau im Bett vor. Er betrachtet die beiden erstaunt und sagt dann schließlich: "Morris, ich muss - aber du?"

Symbolische Darstellung der Frau als männerfressendes Ungeheuer, 1895
Die Ehe, noch in homerischen Zeiten nicht auf einen Rechtsakt, sondern auf den sozialen Tatbestand des Zusammenlebens gegründet und daher begrifflos Ann Saitow u. a., Die Politik des Begehrens, Berlin 1985, S. 17 , wurde erst durch die Ehegesetze des Perikles (541/50 v. Chr.) zu staatlichen Einrichtung, die freilich athenischen Bürgern und Bürgerinnen vorbehalten blieb. Ann Saitow u. a., Die Politik des Begehrens, Berlin 1985, S. 33 Doch fand sich bis heute kein Beweis, dass irgendein Athener je eine frei geborene Frau geliebt und nur aus Liebe geheiratet hätte. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 215 Auch gibt es keine Darstellung sexueller Aktivitäten von Ehepaaren. Die Ehe war nur eine Institution zur Erzeugung von legitimen Erben, Liebe spielte in ihr keine Rolle, die Rechte der Frau ähnelten den von Sklaven Martin Dannecker, Das Drama der Sexualität, Frankfurt 1987,  S. 93 , die Forderung nach Monogamie der Ehefrau, nicht jedoch (zumindest bis Solon) nach der Jungfraulichkeit der Braut war selbstverständlich. Ann Saitow u. a., Die Politik des Begehrens, Berlin 1985, S. 22 Der Mann hingegen konnte uneingeschränkt herrschen, nur in dem Fall, dass sein Schwiegervater ohne männliche Erben starb, war er verpflichtet, dreimal im Monat seiner Frau beizuwohnen. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 217 Freiwillig vergnügte er sich lieber mit Sklavinnen, die zwar als vollwertige Geschlechtsobjekte galten, nicht jedoch als vollwertige Menschen. Daher war der Geschlechtsverkehr mit einer Sklavin auch kein Ehebruch Anm., sondern ein harmloses Vergnügen, das sogar noch Profit versprach. Denn es war billiger, Sklaven zu zeugen, als sie zu kaufen.
In der Familie sahen die Griechen eine wirtschaftliche Zweckgemeinschaft zur Erhaltung des Privateigentums, zur Versorgung der Frauen, zur Bedienung der Männer und zur Erzeugung von Nachwuchs Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 46 , den der Hausherr nach Belieben töten, aussetzen, verkaufen, versklaven oder anerkennen konnte. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 271 Im Jahre 1 n. Chr. schrieb ein Grieche an seine schwangere Frau: "Wenn Du ein Kind bekommst, dann lass es leben, sofern es ein Junge ist, wenn es ein Mädchen ist, setze es aus." Zit. n. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  S. 23
Der Ursprung des Samens bestimmte nach Meinung der Griechen das Geschlecht. Kam er aus dem rechten Hoden (rechts = männlich), wurde es ein Junge, kam er aus dem linken Hoden, wurde es ein Mädchen. Sir Galahad, Mütter und Amazonen, München 1932,  S. 44 Hippokrates versuchte um 400 v.Chr., die Empfängnis wissenschaftlich zu erklären: Wenn Mann und Frau beieinanderliegen, lässt die zunehmend heftiger werdende Bewegung der Körper den besten Teil ihres Blutes zu Samen werden Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 61, zu einer Art Schaum, der - beim Mann - über das Gehirn durch das Rückenmark, die Nieren und Hoden in den Penis gelangt Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 50Anm., aus dem er mit der unkontrollierbaren Gewalt eines epileptischen Anfalls ausbricht. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 52 Aus der Vermischung des männlichen Spermas mit dem weiblichen entsteht ein neuer Mensch. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 54 Für Männer sehr angenehm waren zwei Einschränkungen des Hippokrates: Zu Beginn eines Verkehrs darf eine Frau nicht zu stark erregt werden, weil sie sonst vorzeitig ejakuliert. Dann schließt sich der Schoß, und sie kann nicht schwanger werden. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 65 Wenn andererseits der Mann ejakuliert, kühlt sein Samen in der Vagina die Erregung der Frau ab und löscht sie aus, jede weitere Aktivität ist demnach sinnlos. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 265
Noch nachhaltiger und bis in unser Jahrhundert wirkten Hippokrates` Erkenntnisse über die Gebärmutter, das seiner Meinung nach wichtigste Geschlechtsorgan der Frau: "Wenn sie nicht oft genug durch den Samen des Mannes aufgerüttelt wird, tritt eine übermäßige Verschiebung des Blutes nach oben ein, die den Frauen die Sinne benimmt und sogar die Atmung erschweren kann." Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 51 Damit hat Hippokrates die noch im 19. Jh. häufigste Frauenkrankheit erfunden: Die Gebärmutter, griechisch  hystera, erzeugt die Hysterie. Noch heute wird in Deutschland jeder dritten Frau die Gebärmutter operativ entfernt, obwohl dies wohl nur bei 5 Prozent aller Fälle sinnvoll oder notwendig wäre. Frankfurter Rundschau v. 27. 2. 1996, S. 26
Im männlichen Herrschaftswahn tat schließlich Aristoteles, nach dessen Lehre Sklaven, Handwerkern und Frauen keinerlei Rechte zustehen, den letzten Schritt. Hielt Hippokrates männliches und weibliches Sperma für annähernd gleichwertig, so erklärte Aristoteles, dass allein das männliche Sperma den formgebenden Grund abgebe, der weibliche Teil sei nur die stoffliche Ursache. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 284
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