Vom Vergnügen zur Pflicht
Die römische Sexualmoral unterscheidet sich in ihrer „Unterordnung weiblicher Interessen unter die Erfordernisse des patriarchalischen Staatssystems“ Ann Saitow u. a., Die Politik des Begehrens, Berlin 1985, S. 217 kaum von der griechischen, wie sollte sie auch, stammt sie doch von ihr ab. Die Frauenverachtung eines Properz ("Meinen Feinden wünsche ich, dass sie die Frauen, und meinen Freunden, dass sie die Knaben lieben." Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 47 ) stand der seiner griechischen Dichterkollegen in nichts nach. Bis zur Herrschaft Domitians, eines bisexuellen Hurenbocks, der Ehebruch unter Strafe stellte, die Prostitution von Knaben verbot und jede gleichgeschlechtliche Betätigung verdammte Paul Frischauer, Knaurs Sittengeschichte der Welt, Zürich 1969, Bd. 2,  S. 59 , war fast alles erlaubt, was Vergnügen bereitete, wenn es nur rollenkonform aktiv geschah.

Dabei entsprach die passive Rolle nicht immer unseren Vorstellungen. So galt bei den Römern der Fellator, also der Schwanzlutscher als passiv, da sein Mund analog zur Scheide als empfangendes Organ gesehen wurde. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 391 Zudem war des Einen Schande des Anderen Pflicht: So machte Seneca bei der Bewertung einer passiven Geschlechterrolle feine soziale Unterschiede: "Die Unzucht ist für den freien Mann eine Schande, für einen Sklaven dagegen ist sie unbedingte Pflicht gegenüber seinem Herrn, und bei dem Freigelassenen bleibt dies eine moralische Pflicht der Gefälligkeit." Zit. n. Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 45

Priapus wiegt sein Geschlecht, Villa dei Vetii, Pompeii, 1. Jh. n. Chr.

Öllampe, um Chr. Geburt

"Mama, ich weiß, warum Papi einen so dicken Bauch hat. Ich habe heute früh gesehen, wie das Kindermädchen ihn aufgeblasen hat."

Die meisten Römer waren wohl bisexuell. Aber wie die Griechen kannten auch sie einen Begriff wie "bisexuell" gar nicht, weil Bisexualität als etwas Selbstverständliches, Normales galt. Jeden aktiven Geschlechtsverkehr hielten die Römer für gesund. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 5, S. 322 So empfahl Plinius, d. Ältere, in seiner "Historia Naturalis" den Geschlechtsverkehr als Heilmittel gegen die meisten Krankheiten. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 67 Und harmlos waren die wenigen Tabus: Kein Geschlechtsverkehr vor Einbruch der Dunkelheit (das war das Vorrecht von Neuvermählten am Tag nach der Hochzeit), kein Geschlechtsverkehr im unverdunkelten Zimmer und kein Geschlechtsverkehr mit einer vollständig entkleideten Frau. Sogar Prostituierte behielten während ihrer Arbeit eine Art Büstenhalter an. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd.1, S. 199

Aushängeschild eines römischen Bordells um Chr. Geb.

Prostituierte, Pompeii, 1. Jh. n. Chr.

Ansonsten sah man die Dinge locker wie Horaz: "Wenn nicht zu bezwingen der Trieb der Natur entflammt, ist die nächste Nackte mir recht, die beim Scheine der Lampe den Geilen befriedigt, wackelt sie nur mit dem Steiß und reitet hurtig auf mir dann." Zit. n. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 387 Zur Not musste man das Objekt der Begierde ein wenig zur Hurtigkeit zwingen. Ovid, dessen „Ars Amatoria“ bis heute den Lateinunterricht vieler Gymnasien nicht nur sprachlich, sondern auch ideologisch prägt, bekräftigte den Männerwahn von dem die Gewalt ersehnenden Weib: "Nenn es Gewalt, wenn Du willst, denn Gewalt freut grade die Mädchen. Was sie ergötzt, dazu wollen gezwungen sie sein." Zit. n. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 387
Bis kurz vor Christi Geburt war jede Vergewaltigung eigener Sklaven straffrei, da ein Sklave nicht als Mensch, sondern als Sache galt, die rund 500 Euro kostete. Handelte es sich bei dem Opfer allerdings um die Sklavin eines anderen, die je nach Aussehen bis zu 3500 Euro wert war, konnte der Täter wegen Sachbeschädigung vor Gericht gebracht werden. Zit. n. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 383 Eine Ehefrau allerdings, die sich als freie Bürgerin einem Sklaven hingab, riskierte ihr und ihres Liebhabers Leben, ihr Ehegatte durfte beide töten, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Zit. n. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 384 Um etwaige Folgen einer solchen Verbindung zu verhindern, ließen vornehme Römerinnen ihre Sklaven infibulieren oder kastrieren. Zit. n. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 416
Öllampe, um Chr. Geburt
Zu den bedeutendsten Kulturleistungen der Menschheit und vorwiegend von Frauen erbracht gehört die Empfängnisverhütung. Sie erst macht aus dem jährlichen Wurf, um den man sich wenig kümmerte, das Kind. Die Empfängnisverhütung, erst seit wenigen Jahrzehnten sicher praktizierbar, war die Voraussetzung für eine relativ bewusste Erziehung, Entwicklung, Förderung Neugeborener und zugleich - aber dieser Prozess ist noch längst nicht abgeschlossen - die Bedingung weiblicher Emanzipation von der Männerherrschaft.
Obwohl die Geburtenrate seit dem 2. Jh. vor Christi wohl wegen des bleivergifteten Trinkwassers stark gesunken war Martin Dannecker, Das Drama der Sexualität, Frankfurt 1987,  S. 140 , kannten die Römer bis Augustus kein Abtreibungsverbot. Hatten empfängnisverhütende Mittel wie Analverkehr, Waschungen, Pessare aus Wolle, die mit Olivenöl, Harz und Wein getränkt wurden Andreas Karsten Siems, Sexualität und Erotik in der Antike, Darmstadt 1988, S. 376, oder das „Misy“, ein Antikonzeptivum aus eisenvitriolhaltigem Stoff, das in kleinen Mengen in einer wässrigen Lösung eingenommen wurde und ein ganzes Jahr vor einer Schwangerschaft schützen sollte Ann Saitow u. a., Die Politik des Begehrens, Berlin 1985, S. 149, versagt, gab es Beeren, Früchte und Säfte mit abtreibender Wirkung. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 415 Half auch dies nichts, konnte zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft ein chirurgischer Eingriff vorgenommen werden Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  S. 25 , denn die Römer sahen - wie heute noch die meisten Chinesen FAZ v. 27.2.97, S. 41 - im Fötus einen unselbständigen Teil des mütterlichen Leibes, vergleichbar einem Blinddarm, der jederzeit aus dem Körper entfernt werden kann ohne moralische Skrupel. Die letzte und ebenso völlig legale Möglichkeit war, den Säugling einfach auszusetzen.
Ein Krankenhauspatient liegt im Sterben. Die Verwandten streichen um sein Bett herum und wollen ihn dazu bewegen, das Testament zu unterschreiben, aber er ist bewusstlos. Auf Zehenspitzen machen sie sich davon, lassen ihn in der Obhut der Nachtschwester zurück und schärfen ihr ein, ihm alles zu geben, was er verlangt, aber dafür zu sorgen, dass er morgen früh noch am Leben ist und das Testament unterschreiben kann. Beklommen setzt sie sich mit ihrer Frauenzeitschrift und einer Tasse Kaffee ans Bett und macht sich auf eine lange Nacht gefasst. Gegen drei Uhr morgens rührt sich der Patient, stöhnt und setzt sich auf. "Schwester", sagt er, "Schwester, ich sterbe!" "Schon gut, mein Herr. Legen Sie sich hin und verhalten Sie sich ganz ruhig. Es wird alles wieder in bester Ordnung sein." "Nein", sagt er, "Sie können mir nichts weismachen. Mit mir ist es aus, das weiß ich." "Kann ich irgend etwas tun, um sie zu trösten?" fragt die Schwester. Er mustert sie mit trüben Blick, ihr Bild wird deutlich: jung, hübsch und mollig. "Ja", flüstert er, "Sie können mir einen großen Gefallen tun. Ich habe immer gesagt, bevor ich das Zeitliche segne, möchte ich eine Frau lecken, und das ist nun meine letzte Chance. Was meinen Sie dazu?" Die Schwester ist sehr verlegen. "Wenn Sie mich bloß um etwas anderes gebeten hätten!" sagt sie. "Ich habe nämlich gerade meine Periode." "Was zum Teufel macht mir das aus? Morgen früh bin ich tot."
Am nächsten Morgen kommen die Verwandten mit dem Testament angeschlichen und spähen ins Bett des Sterbenden, um festzustellen, ob er in der Lage sei, die Unterschrift zu leisten. Das Bett ist leer. Sie suchen überall, können ihn aber nicht finden und stürzen ans Telefon, um in der Leichenhalle anzurufen. Plötzlich hören sie aus dem Badezimmer ein Geräusch. Sie stoßen die Tür auf, und da steht der Mann in der Pyjamahose vor dem Waschbecken, rasiert sich und pfeift ein Lied. "Ja, liegst du denn nicht im Sterben?" rufen die Anverwandten. "Im Sterben?! Noch so eine Transfusion, und ich lebe ewig!"
Fortschritte machte die Wissenschaft vom menschlichen Körper. Plinius beschrieb noch 100 n. Chr. die schreckliche Wirkung des Menstruationsblutes: "Nicht leicht wird man etwas finden, das ungeheuerlichere Wirkungen als der Wochen- und Monatsfluss der Frauen hervorbringen kann. Denn kommen sie während der Zeit ihres Unwohlseins in die Nähe eines Gefäßes mit Wein oder schreiten darüber hinweg, so wird er augenblicklich sauer, mag er noch so jung sein. Die Feldfrüchte verdorren durch ihre Berührung und kommen um." Zit. n. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 392 Nicht genug damit: Menstruierende Frauen lassen Spiegel matt, Eisen stumpf und rostig und Elfenbein dunkel werden. Hunde, die Menstruationsblut lecken, werden toll.
Andererseits kann man Raupen, Käfer, Würmer und sonstiges Ungeziefer von Feldern und Gärten vertreiben, wenn man eine menstruierende Frau mit einem bis über die Hinterbacken aufgeschürztem Gewand hindurchgehen lässt. Die im Weingarten vergrabene Monatsbinde einer erstmalig menstruierenden Jungfrau vertreibt sogar Hagelwolken. Theodor Hopfner, Das Sexualleben der Griechen und Römer, Prag 1938, S. 335ff.Anm.
Der 100 Jahre später in Rom arbeitende Arzt Galen sah die Sache schon sehr viel nüchterner und moderner. Er erklärte das biologische Phänomen Menstruation schlicht mit natürlich scheinenden, in Wahrheit aber nur sozialen Bedingungen: "Entlastet die Natur nicht jede Frau, indem sie bei ihr monatlich das überflüssige Blut abstößt? Da die Frau eine große Menge von Säften anspeichert, indem sie das Haus nicht verlässt, nicht schwer arbeitet und sich nicht der Sonne aussetzt, ist die Menstruation zur Entlastung dieser Fülle notwendig." Sabine Hering und Gudrun Maierhof, Die unpäßliche Frau, Pfaffenweiler 1991,  S. 15
Immerhin glaubte Galen, gewiss kein Armenarzt, dass körperliche und geistige Störungen keine Göttersstrafe, sondern rational erklärbar seien. Sympathisch auch sein Vorschlag, bei fehlenden Koitusmöglichkeiten zu masturbieren, damit der angesammelte Samen nicht giftig werde. Ausdrücklich lobte er den griechischen Philosophen Diogenes, von dem überliefert ist, dass er - der Gesundheit wegen - häufig masturbiert hat. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 411Anm.
Nur wenn es um die männliche Vorherrschaft geht, teilt auch Galen die Lächerlichkeit seiner griechischen Vordenker: "Nun, gerade so wie die Menschheit das Vollkommenste unter allen Tieren ist, so ist innerhalb der Menschheit der Mann vollkommener als die Frau, und der Grund für seine Vollkommenheit liegt an seinem Mehr an Hitze, denn Hitze ist der Natur wichtigstes Werkzeug." Hans Licht (= Paul Brandt), Sittengeschichte Griechenlands, Reinbek 1968, S. 302

Ein Mann besucht mit seiner Frau ein Varieté und verfolgt die Darbietungen von einem besonders guten Platz in der ersten Reihe aus. Ein Mädchen erscheint in einem hauchdünnen Trikot auf der Bühne. Der Mann besieht sich das wunderschöne Geschöpf und fängt dann derartig an zu lachen, dass alle Gäste auf ihn aufmerksam werden. Seine Frau ermahnt ihn, er solle sich zusammennehmen und fragt ihn, worüber er sich denn so amüsiere. Schließlich bringt er seine unbändige Heiterkeit so weit unter Kontrolle, dass er ihr ins Ohr flüstern kann: "Ich dachte gerade daran, was das wohl für ein Bild gäbe, wenn ich plötzlich auf die Bühne springen und ihr mein Ding reinschieben würde, während sie noch ihr Trikot anhat!"
Die Ehefrau ist beleidigt, schmollt und schweigt. Aber bald darauf bekommt sie einen Lachanfall, bis nun ihr Mann sie fragt, was sie denn so erheitert habe. Sie flüstert ihm zu: "Ich dachte gerade daran, wie Du wohl in der Klemme wärest, wenn das Publikum Zugabe rufen würde."

Vielleicht aufgrund eines mutterrechtlichen etruskischen Einflusses Anm. ging es der römischen Frau trotz allen Frauenhasses rechtlich und wirtschaftlich besser als ihren griechischen Geschlechtsgenossinnen. Selbstverständlich war auch in Rom der Bruch einer Ehe durch die Frau ein Vergehen, an dessen Aufdeckung der Staat äußerst interessiert war, stand ihm doch in einem solchen Fall die Hälfte ihrer Mitgift zu. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 389 Doch immerhin konnte die Römerin über eigenes Geld verfügen, war dem Mann fast gleichgestellt, was das Erbrecht und die Testierfähigkeit betraf. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  S. 81 Und da die Ehe im römischen Reich eine reine Privatangelegenheit war, konnten Eheleute sich im gegenseitigen Einvernehmen selbst scheiden, die Kinder blieben allerdings beim Vater. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 448 Das römische Recht beeindruckt durch brutale Nüchternheit. Während die ökonomisch selbständige Frau ihren Gatten und die Familie verlassen durfte, unterlag ein Sohn bis zum Tod des Vaters dessen uneingeschränkter, sogar eine Hinrichtung einschließende Gewalt. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  S. 39 Eine Jungfrau dagegen durfte nach römischem Recht nicht hingerichtet werden. Daher wurden Jungfrauen vor der Exekution erst entjungfert.Paul Frischauer, Knaurs Sittengeschichte der Welt, Zürich 1969, Bd. 2, S.16Anm.
Während Römer und Griechen ihre ehelichen Pflichten erfüllten, ansonsten aber ihre Sexualität genüsslich, ja spielerisch auslebten, herrschten bei den um ihr Überleben kämpfenden Stämmen des Nordens und Südens strenge Zucht und Ordnung. Erstaunt berichtete Tacitus von den Germanen: "Die Frauen leben in Zucht und Keuschheit... Eine Frau, die ihre Keuschheit preisgegeben hat, findet kein Erbarmen.... Denn in Germanien lacht niemand über Laster." Paul Frischauer, Knaurs Sittengeschichte der Welt, Zürich 1969, Bd. 2, S.99 f. Ehebrecherinnen und Homosexuelle wurden systematisch verfolgt E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 386 und von Priestern durch Hängen oder Ertränken im Moor getötet.
Seit dem 7. vorchristlichen Jahrhundert kannten auch die Juden die Todesstrafe für Homosexualität. Sogar die Masturbation, in der Bibel nicht erwähnt, aber nach rabbinischer Überlieferung immer eine schwere Sünde, galt nach dem späteren Talmud als ein Verbrechen, das mit dem Tode bestraft werden musste, genauso wie der Geschlechtsverkehr mit einer menstruierenden und daher unfruchtbaren Frau. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 197 "Wenn ein Mann bei einem Weibe liegt zur Zeit ihres Monatsflusses und mit ihr Umgang pflegt und so ihren Blutfluss entdeckt und sie ihren Blutfluss entblößt, so sollen beide aus ihrem Volke ausgerottet werden." (1. Buch Moses 38/6-10; 3. Buch Moses 20/18)
14jährige Frau, vermutlich wegen Ehebruchs getötet und ins Moor geworfen. 1. Jh. n. Chr.
In ihrem Bemühen, sich gegenüber ihren Nachbarn zu behaupten, erklärten die Juden alle nicht der Fortpflanzung dienenden Sexualhandlungen für heidnisch. Homosexualität wurde ihnen zum Zeichen der Verbundenheit mit einer anderen Kultur, kein sexuelles, sondern ein politisches Verbrechen. Die rigide Sexualmoral des Alten Testamentes sollte die Zahl der Israeliten mehren und sie vor der Assimilation durch ihre feindlichen Nachbarn schützen. Jeder Samen war kostbar und durfte nicht vergeudet werden. Daher verlangt der Talmud - nicht zur Steigerung des Lustgewinns, sondern der Gebärhäufigkeit - die regelmäßige Begattung der Ehefrauen: Kräftige Männer ohne Beschäftigung sollen ihren Frauen täglich beiwohnen, Handwerker einmal wöchentlich und nur geistig oder sonst sehr angestrengt Arbeitende dürfen sich Pausen bis zu drei Monaten leisten. E. Heinrich Kisch, Das Geschlechtsleben des Weibes, Berlin 1907, S. 290
Dem Hoden als Quelle des Bevölkerungswachtums (bei ihm schworen Juden und Römer E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 354 ) galt ein besonderer Schutz: Wenn eine Frau ihrem Mann im Kampf helfen wollte und dabei den Penis oder die Hoden des Gegners berührte, wurde ihr die Hand abgeschlagen.
Wie alle extrem patriarchalischen Gesellschaften erkannten auch die Israeliten die Frau als minderwertig und unrein. In ihren Gebeten dankten sie Gott, nicht als Weib geschaffen zu sein. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 319

Regenwetter im Himmel. Der heilige Petrus schlägt dem lieben Gott vor, doch wieder einmal auf die Erde hinunterzusteigen und sich wie in guten alten Zeiten zu amüsieren. "Nein, Petrus, nie wieder. Vor zweitausend Jahren habe ich eine Jüdin geschwängert, und noch heute wird darüber geredet."

Erst vor dem Hintergrund jüdischer Sexualfeindlichkeit und allgemeiner Frauenverachtung wird die politisch wie sexuell revolutionäre Haltung Jesus Christi deutlich. In keiner anderen Religion hat eine Sexualsünderin (Maria Magdalena) einen so bedeutenden Platz erhalten wie im Christentum. Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 89 Statt die übliche Enthaltsamkeit zu predigen, verzieh Christus der Ehebrecherin Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 116 , erlaubte einer menstruierenden Frau, ihn zu berühren Brown, Peter, Den Werken des Weibes ein Ende bereiten. In. Frankfurter Rundschau v. 24.8.1991, ZB 3 und drohte den Pharisäern: "Wahrlich, ich sage euch: Zöllner und Dirnen kommen noch vor euch ins Gottesreich." Matthäus 21/31
Christus verachtete weltliche Autoritäten und folglich den Männerwahn. Für ihn war die Würde des Menschen unteilbar auch zwischen Mann und Frau. Erst die männlichen Nachlassverwalter drängten die Frau auf ihren untergeordneten Platz zurück und verdammten zwecks Unterscheidung der Christen von den Falschgläubigen und ihrer als verkommen empfundenen Moral jede sexuelle Lust. Anm.  Die christliche Sexualmoral hat mit Jesus Christus nichts zu tun. Sie verdanken wir Leuten wie Paulus, Augustinus und Hieronymus.
Der Apostel Paulus, ein Mensch voller sexueller Komplexe, predigte: "Es ist dem Menschen gut, dass er kein Weib berühre." Zit. n. Paul Frischauer, Knaurs Sittengeschichte der Welt, Zürich 1969, Bd. 2,  S. 81 Da aber der Geschlechtsverkehr unverzichtbar war für das Fortbestehen der Menschheit, wollte ihn Paulus zumindest reglementieren, entsinnlichen: "Der Mann leiste seiner Frau die schuldige Pflicht, ebenso aber auch die Frau dem Manne." 1. Brief an die Korinther 7/2-4 Alles darüber Hinausgehende sei eine Sünde des Fleisches, am schlimmsten jene Handlungen, die nicht dem Fortpflanzungszweck dienen wie das Hinauszögern oder Vermeiden der Ejakulation der Lust wegen und die Homosexualität. Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 51Anm.
Augustinus, dessen Schuldgefühle (Wunsch nach Inzest mit seiner Mutter Monica, Verlassen seiner Geliebten und des gemeinsamen Kindes Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 128 ) die nachchristliche Sexualmoral prägten, erträumte sich den unsündigen Geschlechtsverkehr wie im Paradies: "Auf den Wink des Willens hin hätten sich jene Glieder bewegt wie die übrigen auch, und ohne den verführerischen Stachel der Leidenschaft, vielmehr mit der Ruhe des Geistes und Körpers und ohne jede Verletzung der Unversehrtheit hätte der Gatte sich in den Schoß der Gattin ergossen." Augustinus, Der Gottesstaat 14/26 Durch den Sündenfall aber sei die Sexualität schmutzig geworden, triebhaft, unmenschlich, weil - zumindest im Orgasmus - unwillkürlich. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  S. 293; s.a. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 76 Immerhin war Augustinus Realist genug, um die Notwendigkeit der Prostitution einzusehen: „Nimm die Dirnen aus dem menschlichen Leben, du wirst der Begierden wegen alles durcheinander bringen.“ Augustinus, de ordine 2/4/12
Hieronymus, ebenfalls ein Mann mit schlechtem Gewissen, wird aus der Frauenverachtung seiner Vordenker einprägsame Lehren ziehen: "Die Frau ist die Pforte des Teufels, der Weg der Bosheit, der Stachel des Skorpions, mit einem Wort ein gefährlich Ding." Zit. n. Friedrich Heer, Mittelalter, Zürich 1961,  S. 527 Auch Mitchrist Tertullian sieht in den Frauen die Eingangspforte des Dämons. Entsprechend wenig ist ihm ein weiblicher Fötus wert: Er gilt erst nach 80 Tagen als beseelt, der männliche Fötus bereits nach 40.G. R. Taylor, Im Garten der Lüste, Frankfurt 1970,  S. 63
Über drei Jahrhunderte dauerte es freilich, bis sich die Sexualmoral des Christentums, die Moral mäßig wohlhabender Leute Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  S. 254 und die restriktivste unter allen Weltreligionen E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 357 , durchgesetzt hat. Noch gegen Ende des 2. Jahrhunderts zeigt sich Galen von der sexuellen Genügsamkeit der Christen, mehr noch der christlichen Frauen überrascht: "Denn es gibt bei ihnen nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die sich ihr Leben lang jeder Beiwohnung enthalten." Zit. n. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  S. 253 Und erst 390 n. Chr. fand in Rom die erste öffentliche Verbrennung männlicher Prostituierter statt. NZZ v. 5.4.97, S. 37 Doch allmählich verwandelte sich die politische, auch sexualpolitische Radikalität Christi in die sexualfeindliche Radikalität des Christentums.
Das Gebot sexueller Enthaltsamkeit trieb viele Gläubige in den Wahnsinn: Als die Hl. Lucia ein männliches Geschlecht sehen musste, riss sie sich die Augen aus Maria-Antonietta Macciocchi, Jungfrauen, Mütter und ein Führer, Berlin 1976,  S. 8 , und nicht nur der Kirchenlehrer Origines kastrierte sich selbst. Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 127 Selbstkastrationen im Glaubenswahn kamen so häufig vor, dass das 1. Konzil von Nicäa 325 einen Beschluss gegen die Kastrationsmanie erließ. Und Radikalchristen des 4. Jh. forderten, man solle sogar die eigene Mutter nur sorgfältig in ein Gewand gehüllt über einen Fluss tragen, denn: "Das Fleisch des Weibes brennt wie Feuer." Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  S. 285
Origines entmann sich selbst. Aus dem Taschenbuch für Aufklärer und Nichtaufklärer, 1791
Je stärker Menschen ihre sexuellen Begierden bekämpfen, desto unerbittlicher werden ihre Moralforderungen. Die Erniedrigung, Missachtung, Beschmutzung der Sexualität ging wohl von Zölibatären aus, die einen harten Kampf gegen ihre eigene Sexuallust führen mussten. Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 21 Als schließlich das Christentum in Rom Staatsreligion wurde, war der Boden vorbereitet für eine drakonische Sexualgesetzgebung. Homosexualität und Zoophilie wurden als heidnische Relikte wieder mit dem Tode bestraft. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 356 Die harten Sexualgesetze sollten die Bürger vor Gottes Bestrafung (Sturm, Feuer, Hungersnot, Pestilenz, Erdbeben) solch heidnischer Schandtaten bewahren. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 386Anm.
Rom ging daher, wie ein Spötter behauptete, weniger an Ausschweifungen als an sexueller Enthaltsamkeit zugrunde. Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 94 Triumphieren aber sollte die jüdisch-christliche Reduzierung der Sexualität auf ihre Zeugungsfunktion. Bis heute bildet sie die Grundlage der westlichen Sexualmoral.
© 2001 Karl Pawek  pawek@web.de
Eros mit Reh, 480 v. Chr.

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