Gewalt und Aberglaube
Der Untergang des römischen Reiches, Völkerwanderungen, Pest- und Pockenepidemien entzivilisierten und entvölkerten Europa. "In der allzu raschen Berührung der Germanen mit den Römern übernahmen die Barbaren begierig deren Laster, und die Römer, nicht mehr durch einen starken Staat gehemmt, übernahmen die Roheit der Germanen. Man gewahrt eine Entfesselung wildester Leidenschaften und niedrigster Triebe. Die Primitivität dieser Zeit war von Falschheit und Grausamkeit geprägt." Henri Pirenne, Geschichte Europas, Frankfurt 1961,  S. 27
Da die Schriftkultur fast verschwand Henri Pirenne, Geschichte Europas, Frankfurt 1961,  S. 48 , ging viel Wissen früherer Jahrhunderte - z.B. über Empfängnisverhütung - verloren. Aber auch die Überlieferung der frühmittelalterlichen Geschichte blieb auf Grund der sich ausbreitenden Entalphabetisierung rudimentär. Man könnte fast meinen - und Heribert Illig versuchte es sogar in seinem Buch „Das erfundene Mittelalter“ nachzuweisen -, dass einige Jahrhunderte nur gezählt, aber nicht gelebt wurden. Häufig jedenfalls sind nur indirekte Rückschlüsse möglich auf die Lebensverhältnisse der Menschen. Die wenigen weltlichen Schriftzeugnisse des frühen Mittelalters lassen in Strafandrohungen und Strafmaßen immerhin vermuten, dass die restriktive Sexualmoral mit immer gewalttätigeren Verhältnissen kollidierte. Anm.
Beispielhaft dafür ist der Umgang mit der Scheidung. Im 6. / 7. Jh. sah man - zumindest unter den Merowingern - die Sache noch locker. Überliefert ist eine Scheidungsformel, die nüchtern feststellt: „Da es wohl bekannt ist, dass wir unmöglich beisammen bleiben können - der Teufel hat das bewirkt und Gott will unser Zusammensein nicht -, so ist es am besten, wir lösen unseren Bund vor guten Menschen, was wir auch getan haben. Will also ein Mann ein anderes Weib nehmen, so soll es ihm frei stehen, und in gleicher Weise auch der Frau, wenn sie einen anderen Mann will.“ Johannes Bühler, Die Kultur des Mittelalters, Leipzig 1931, S. 290
Bis Ludwig der Fromme die Scheidung verbietet, hat die Frau ihre Gleichwertigkeit eingebüßt, wurde sie zum Besitz des Mannes, der das Scheidungsverbot leicht umgehen konnte. Erzbischof Hinkmar von Reims beschreibt die Scheidung auf karolingisch: Der Ehemann schickt seine Frau in die Kirche, wo ihr der Hausschlachtersklave die Kehle durchschneidet. Der Ehemann zahlt die festgelegte Buße an die Familie der Frau, ist nun Witwer und darf wieder heiraten. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  S. 447f. Billiger war es, wenn die Ehefrau beim Ehebruch ertappt worden war, dann durfte sie der Hausherr selbst züchtigen, sogar bei lebendigem Leib verbrennen. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd.2, S. 92
Bußbücher für Pfarrpriester, nach denen sie die Schwere der Sünden ihrer Beichtkinder beurteilen konnten, geben Aufschluss über das gewöhnliche Sexualverhalten im Mittelalter. Wer sich mit einer Frau von hinten paarte - "wie die Hunde" - oder während der Menstruation oder Schwangerschaft, musste 10 Tage büßen bei Wasser und Brot. Geschah es während der Fastenzeit, betrug die Buße 40 Tage. Ranke-Heinemann, Ute: Eunuchen für das Himmelreich. Hamburg 1988, S. 155f. Homosexuelle allerdings scheinen von der Kirche nicht strenger verurteilt worden zu sein als Paare, die Empfängnisverhütung praktizierten. Martin Dannecker, Das Drama der Sexualität, Frankfurt 1987,  S. 164
Kulturell und zivilisatorisch war das frühe Mittelalter eine fruchtlose Zeit, in der die meisten Menschen unter erbärmlichen Lebensverhältnissen vegetierten und wohl kaum die Lust verspürten zu genussvollen Liebesspielen auf feuchten Strohsäcken. Andererseits waren die kirchlichen und staatlichen Autoritäten schwach, wenig gegenwärtig. Das Recht des körperlich Stärkeren beherrschte den Alltag und damit auch die Sexualität. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 2, S. 551
Nur auf Umwegen fand das mittelalterliche Europa wieder Anschluss an die Antike. Die Eroberung weiter Teile Spaniens und der Türkei brachte ab 713 den Islam und mit ihm das vorchristliche, weltliche Wissen nach Europa zurück, ohne den Kontinent zu islamisieren. Anders als das Christentum verteufelt der Islam nicht Sexualität ohne Fortpflanzungszweck, sie muss nur legal praktiziert werden. E. Heinrich Kisch, Das Geschlechtsleben des Weibes, Berlin 1907, S. 135 Männern erlaubt der Islam jedes sexuelle Vergnügen, das sie sich leisten können, denn, wie Mohammed verkündete: "Die Weiber sind Euer Acker, kommet in Euren Acker auf welche Weise Ihr wollt." Frauen dagegen müssen männlichen Schutz mit totaler Unterwerfung auch im Geschlechtlichen bezahlen. Paul Frischauer, Knaurs Sittengeschichte der Welt, Zürich 1969, Bd. 2,  S. 148 Allerdings ist die frauenfeindliche Sexualmoral des zeitgenössischen Islams relativ jung. Im vorislamischen Arabien gab es auch die Mehrehe von Frauen, die bei der Geburt eines Kindes einen ihrer Männer zum Vater erklärten. FAZ 13.1.98, S. 8 Und noch Mohammed wurde von einer seiner Ehefrauen frei gewählt, von einer anderen verstoßen. Erdmute Heller, Hinter den Schleiern des Islams, München 1993, S. 49 Erst später verkam die Braut zur Ware. Der Ehemann durfte vor der Hochzeit ihr unverhülltes Gesicht nicht sehen. Gefiel sie ihm nicht, konnte er sie in der Brautnacht ihrem Vater zurückgeben, solange er sie noch nicht entjungfert hatte. Er musste ihr dann allerdings die Morgengabe lassen, die er am Tag des Verlöbnisses hinterlegt hatte. Liebespaar im Harem, Persien, 17. Jh.
Auch im Islam gilt die Erdenfrau als unrein: Mohammed riet den Männern: "Habt ihr euch durch Beischlaf verunreinigt, so wascht euch ganz. Seid ihr aber krank oder auf der Reise oder nach Verrichtung der Notdurft, oder habt ihr Frauen berührt und ihr findet kein Wasser, so nehmt feinen, reinen Sand und reinigt euer Gesicht und eure Hände damit." Zit. n. Paul Frischauer, Knaurs Sittengeschichte der Welt, Zürich 1969, Bd. 2,  S. 144 Während die Erdenfrau ein gefährlicher Notbehelf ist, erwartet den Gläubigen im Paradies eine Lagerstatt mit so vielen Jungfrauen, wie er sich nur wünscht. Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 95
So schlicht und vordergründig die intellektuelle Qualität des Islams auch sein mag, so erlaubt seine - wenn auch nur männliche - Sexualbejahung den wissenschaftlichen Umgang mit dem Körper.

Ein Mann schreibt an seinem Geburtstag ins Tagebuch: "Heute werde ich zwanzig Jahre alt und kann meinen Penis nicht mit beiden Händen biegen." "Heute werde ich fünfundzwanzig Jahre alt und kann meinen Penis nicht mit beiden Händen biegen." Und so weiter: dreißig, fünfunddreißig, vierzig, fünfundvierzig, fünfzig, fünfundfünfzig. Schließlich mit sechzig Jahren: "Heute habe ich ihn gebogen. Ich muss stärker geworden sein."

Marokkanische Ehebrecherin, nackt der Sonne ausgesetzt. Ca. 1900

Während sich die christlichen Fundamentalisten jahrhundertelang nur um die Moral kümmerten, betrieben Mohammedaner Forschung (soweit es der Koran zuließ: selbstverständlich durften auch sie nicht sezieren oder nackte Frauen betrachten.) Der arabische Arzt Avicenna begründete die Notwendigkeit des Geschlechtsverkehrs u.a. damit, dass die Qualität oder auch nur Quantität des Spermas bei Mann und Frau spezifische Reize in den Samenleitern des Mannes und im Muttermund verursache, denen nur durch die Reibung während des Geschlechtsverkehrs (oder durch Masturbation) abgeholfen werden könne. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 61Da ein zu kleiner männlicher Penis nicht genug Reibung erzeuge, bleibe die Frau in diesem Fall unbefriedigt, gebe kein Sperma ab, daher könne auch kein Kind entstehen. Unbefriedigte Frauen, warnt Avicenna, würden zusammen mit anderen Frauen beim Reiben Zuflucht suchen, um untereinander zur Fülle ihrer Befriedigung zu kommen. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 66 Islamischer Chirurg operiert ein männliches Geschlechtsorgan, 15. Jh.
Mittelalterliche Sprüche lassen ahnen, welche Unersättlichkeit Mann Frauen zutraute: "Ein Ei ist ein Mund voll, eine Brust ist eine Hand voll, ein Arsch ist ein Schoß voll, aber eine Fut ist ein Nimmervoll." "Bei allem gelangt man auf den Grund, nur bei der Fut nicht." Zit. n. Paul Frischauer, Knaurs Sittengeschichte der Welt, Zürich 1969, Bd. 2,  S. 250 Ihrer sexuellen Unersättlichkeit wegen galten Frauen um die Jahrtausendwende als sittlich schwer gefährdet. Bischof Burchard von Worms wies die Beichtväter an, diesbezüglich detaillierte Fragen zu stellen: „Hast du getan, was manche Weiber tun, und dir eine gewisse Maschine in passender Größe gefertigt, hast du sie vor dein Geschlecht oder das einer Gefährtin gebunden und mit Hilfe dieses oder eines sonstigen Geräts mit anderen bösen Weibern Unzucht getrieben, oder haben andere es mit dir getan?“ FAZ 24.3.98, L 28 Das bei solchen Befragungen gewonnenen Wissen um die sexuelle Unbefriedigtheit seiner Beichttöchter wurde wohl nicht selten von Priestern ausgenutzt zur Erlangung eigener sexueller Befriedigung. Um ihre Frauen vor klerikalen Begierden zu schützen, nötigte mancherorts die Gemeinde ihren Priester, sich eine Konkubine zu halten. Johannes Bühler, Die Kultur des Mittelalters, Leipzig 1931, S. 294 Höllenpein für Wollüstige, Taddeo di Bartolo, 1396
Preist der Islam das Vergnügen am Sex, so waren die Christenführer von ihm besessen. G. R. Taylor, Im Garten der Lüste, Frankfurt 1970,  S. 57 Getrieben von verbotener Lust und schrecklicher Angst, suchten sie ihn durch Ge- und Verbote zu beherrschen. Das Konzil von Trient bekräftigte, dass jeder selbstverständlich eheliche Geschlechtsverkehr nur ohne Lust Anm., zur Not aus Pflichterfüllung gegenüber dem begehrlichen Partner oder zur Vermeidung eigener Unzucht stattfinden dürfe: "Wenn einer der Gatten in sich die Versuchung zum Ehebruch oder zu Selbstbefriedigung verspürt, dann darf er, falls er keinen besseren Weg findet, die Ehe dazu nutzen, diese Versuchung abzuwenden." Aber es blieb eine Todsünde, sich auch nur in Gedanken mit einem anderen als dem eigenen Gatten zu vereinigen. Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 148 Als Todsünde galt auch jede Empfängnisverhütung, das Abtreibungsverbot allerdings wurde bis zum 80. Tag nach der Empfängnis gelockert. Höllenqualen für Ehebruch, Taddeo di Bartolo, 1396
Die Begattung musste frontal vollzogen werden, am besten bekleidet. Für den gebührenden Abstand wurde ein züchtiges Nachtgewand entwickelt, das chemise cagoule: ein schweres Nachthemd mit passender Öffnung, durch die der Mann seine Frau befruchten konnte, ohne mit ihr in eine über das Notwendige hinausgehende Berührung zu kommen. G. R. Taylor, Im Garten der Lüste, Frankfurt 1970,  S. 57Anm. Verboten waren alle Stellungen, bei denen die Frau auf dem Mann liegt, denn dabei sehe man nur die Frau handeln, den Mann aber unterlegen. Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 153 Verboten war Masturbation auch unter Eheleuten, selbstverständlich auch jede andere Sexualtechnik, die nicht den einzigen Zweck des Geschlechtsverkehrs, die Fortpflanzung, ermöglicht. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 290 Verboten schließlich war jeder Geschlechtsverkehr drei Tage lang nach der Hochzeit, während der Menstruation und Schwangerschaft, mehrere Wochen nach der Geburt, an Donnerstagen (Tag der Gefangennahme Jesu), Freitagen (Kreuzigung), Sonntagen (Auferstehung) Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 153 sowie vor und an Festtagen. Der Kirchenkalender erlaubte also nur an rund 200 Tagen des Jahres den Geschlechtsverkehr. Höllenstrafe für Völlerei, Taddeo di Bartolo, 1396
Vor allem in den Klöstern blieb die christliche Sexualhysterie nicht folgenlos. Wo Mönche und Nonnen ihren Begierden nicht nachgaben, triumphierte der Wahn. Angela von Foligno behauptete, Christus stelle ihr nach, Mechthild von Magdeburg schilderte mystische Koitus-Szenen mit dem Heiland, Agnes fühlte die Vorhaut Christi im Mund, Katharina von Siena, sie starb mit 33 Jahren an unablässigem Fasten Herrad Schenk, Frauen und Sexualität, München 1995, S. 126 , glaubte, sie am Finger zu tragen. Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 156 Überhaupt scheint die Vorhaut Christi die Phantasie der Gläubigen erregt zu haben. Im 15./16. Jh. gab es ein Dutzend Gemeinden, die behaupteten, die echte Vorhaut Christi in ihrem Reliquienbestand zu besitzen. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 4, S. 203
Wie immer in der Geschichte schaffen Sexualverbote Abhängigkeit von der sie verfügenden Autorität. Die biologische Unmöglichkeit, sie zu erfüllen, zermürbt das Selbstbewusstsein, lässt Menschen sich schuldig fühlen, das Böse in sich statt in der Krankheit ihrer Führer suchen.
Mittelalterlicher Flagellant
Doch selbst Kleriker handelten immer anders, als die Kirche sprach. Das Zölibat, die Ehelosigkeit von Priestern, seit dem 3. Jahrhundert propagiert, 1074 eingeführt, konnte nie wirklich durchgesetzt werden. Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 111 Bischof Heinrich von Lüttich z.B. zeugte im 13. Jahrhundert 61 Kinder. Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 159 Auch die Prostitution war und blieb unausrottbar. Überliefert sind Spesenabrechnungen christlicher Ratsherren, die neben Essen und Wein auch den (dreimal so teuren) Prostituiertenbesuch abrechneten. Paul Frischauer, Knaurs Sittengeschichte der Welt, Zürich 1969, Bd. 2,  S. 247 Bei großen Festessen wurden Dirnen zum Nachtisch gereicht: „Herr Wilwolt richtete (zu Gent) ein Bankett her, lud dazu den obersten englischen Kapitän mit seinem trefflichsten Adel und viel andere große Herren und mächtige Leute ein ... Dazu hatte er von Brügge und Flandern die allerhübschesten Frauen, die da sein mochten, dazu die besten Spielleute bestellt. Da fingen sie an zu tanzen und waren fröhlich, und zur Nacht verehrte er einem jeden Herren eine hübsche Frau, mit ihr nach des Landes Gewohnheit zu schlafen. Des Morgens wurden sie ihm alle gütlich wieder abgeliefert, wofür er sich höflich bedankte. Er beschenkte eine jede gebührend und schickte sie ehrlich nach Hause.“ Johannes Bühler, Die Kultur des Mittelalters, Leipzig 1931, S. 323 Die Veranstalter christlicher Kreuzzüge mussten in einem einzigen Jahr für den Unterhalt von 13 000 Prostituierten aufkommen Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 130 , und als Papst Innozent III. nach achtjährigem Aufenthalt 1243 Lyon verlässt, bemerkt Kardinal Hugo zynisch: "Seit wir hierher kamen, haben wir große Verbesserungen erwirkt. Bei unserer Ankunft fanden wir drei oder vier Bordelle. Hinter uns lassen wir nur eins. Wir müssen jedoch hinzufügen, dass es sich durchweg vom Ost- bis zum Westtor erstreckt." G. R. Taylor, Im Garten der Lüste, Frankfurt 1970,  S. 47Anm. Elfenbeiskulptur, 13. Jh.
Kennzeichnend für die christliche Sexualmoral im Mittelalter ist die Rigorosität der Strafandrohung bei gleichzeitiger Lässigkeit in deren Vollzug. Für Ehebruch betrug die Buße bis zu sieben Jahre, für homosexuelles Verhalten oder Zoophilie von 22 Jahren bis lebenslänglich. Der Büßer musste in weiße Tücher gehüllt öffentlich vor der Kirchgemeinde ein Geständnis ablegen. Nach Ablauf der Bußfrist erhielt er ein schriftliches Dokument. Die durch Essens- und Vergnügungsverzicht doch recht lästige Buße wurde aber zunehmend durch Almosenzahlungen ersetzt. In einigen Gegenden bestand auch die Möglichkeit, einen Büßer zu mieten, der gegen Bezahlung für einen büßte. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 388
Vergleichsweise mild war die Strafandrohung für die wohl übliche Vergewaltigung, die mit einer Buße bis zu einem Jahr bestraft wurde. Daher empfahl der Kaplan am Hofe der Königin Eleonore, nur um die Gunst hochgestellter Damen zu werben. Wenn aber das Interesse des Mannes auf eine ihrer Dienerinnen fällt, riet er: "Gib acht und überhäufe sie mit Lob; wenn du einen bequemen Ort findest, zögere nicht und nimm, was du suchst, und umarme sie mit Gewalt. Denn du kannst ihre äußere Unnachgiebigkeit kaum so erweichen, dass sie ihre Umarmungen ruhig gewähren ... wenn du nicht anfangs ein wenig Zwang anwendest." Zit. n. Gordon Rattray Taylor, Kulturgeschichte der Sexualität, Frankfurt 1977,  S. 79 Wer als Höhergestellter ein Mädchen aus einer niedrigeren Schicht, das ihm gefiel, nicht vergewaltigte, machte sich unter seinesgleichen lächerlich. Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 69
Aber auch in den Städten gehörte sexuelle Gewalt zu den alltäglichen und ständigen Erscheinungen des Zusammenlebens. Jacques Rossiaud, Dame Venus, München 1994, S. 22 Ca. 80% aller Vergewaltigungen waren Gruppenvergewaltigungen, zumeist vollzogen von jungen unverheirateten Burschen. Jacques Rossiaud, Dame Venus, München 1994, S. 20 Und sie waren eher die Regel als die Ausnahme. Die Hälfte aller jugendlichen Stadtbewohner dürfte mindestens einmal an einer Gruppenvergewaltigung teilgenommen haben. Jacques Rossiaud, Dame Venus, München 1994, S. 31
Dennoch scheint die Sexualmoral in der Unterschicht restriktiver gewesen zu sein als bei den Herrschenden.Die unzähligen Schlaraffenlanderzählungen aus dieser Zeit sind nicht nur Ausdruck des im Volk herrschenden Mangels, des immer wiederkehrenden Hungers. Wenn sie gelegentlich auch - wie das Fabliau aus dem fernen Land Coquaine Text - von einer freien Liebe phantasieren, muss es zumindest bei den einfachen Zuhörern solcher Geschichten auch an ihr gemangelt haben: „Die Frauen in jener Gegend sind wunderschön; jeder nimmt sich die Damen und Fräulein, wenn er Lust dazu hat, ohne dass sich jemand darüber aufhält; dann treibt er es mit ihnen, wie es ihm gefällt, solange er will und ganz vergnügt. Die Frauen werden deshalb nicht getadelt, sondern stehen in viel höherem Ansehen. Und wenn es sich zufällig ergibt, dass eine Dame ihre Aufmerksamkeit einem Mann zuwendet, den sie sieht, dann nimmt sie ihn sich mitten auf der Straße und macht mit ihm, was sie gern möchte. So tut eines dem anderen viel Gutes.“ Zit. n. Dieter Richter, Schlaraffenland, Frankfurt 1995, S. 130ff.
Liebeszauber (am Wachsherz des Geliebten), 15. Jh.
Dieses anarchisch-revolutionäre, im Grunde nur humane Haltung in der Volkskultur musste die Herrschenden beunruhigen. Sie wurden daher nicht müde, auch in sexualpolitischen Fragen die Hierarchie zu verteidigen. Zwar wurden im Mittelalter Frauen von keinem Gewerbe ausgeschlossen, für das ihre Kräfte ausreichten Jürgen Kuczynski, Geschichte des Alltags des Deutschen Volkes, Köln 1980,  S. 228 , doch nicht nur Thomas von Aquin betonte die untergeordnete Stellung der Frau: "Die Frau wurde geschaffen, um dem Mann zu helfen, aber einzig bei der Zeugung ..., denn bei jedem anderen Werk hätte der Mann bei einem anderen Mann eine bessere Hilfe als bei einer Frau." Friedrich Heer, Mittelalter, Zürich 1961,  S. 526
Während in Mitteleuropa die Frau noch als ein geiles Stück Natur galt, die keusche Ritter aus dem Schlaf riss, um sie zu verführen, die nur Ehebruch im Sinn hatte, die man daher im entlegensten Teil des Hauses hinter Schloss und Riegel sperren sollte Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 2, S. 87 ff. , änderte sich - vom islamischen Westen und dem orthodoxen Osten ausgehend - ihre Rolle und ihr Selbstverständnis. Nicht dass die von Minnesängern vermittelte islamische Liebeslyrik der Frau sexuelle, politische oder wirtschaftliche Rechte zugestanden hätte, aber das neue, bis ins 20. Jh. gültige Ideal von der tugendhaften Frau ohne Körper befreite sie vom Verdikt der Animalität. "Die Tugend", bemerkt Martin Dannecker treffend, "wurde die europäische Haremsmauer." Martin Dannecker, Das Drama der Sexualität, Frankfurt 1987,  S. 271 Das neue Frauenbild wurde vor allem durch die „unbefleckte“, asexuelle Jungfrau Maria symbolisiert, deren Verehrung sich im 12. Jahrhundert von Byzanz nach Westeuropa übertrug. Martin Dannecker, Das Drama der Sexualität, Frankfurt 1987,  S. 261
Erschaffung Evas, Kuppel des Baptisteriums von Florenz, 11. Jh.

Die Heilige Sophia säugt erwachsene Männer mit der Milch der Weisheit, Ital, 15. Jh.

Doch zunächst gewannen vor allem in Südfrankreich Frauen ein wenig Gleichberechtigung. Sie konnten wie z. B. die junge Isabella von Couches, um 1090 bewaffnet in den Kampf reiten Friedrich Heer, Mittelalter, Zürich 1961,  S. 524 , in Kreuzzügen mitkämpfen, mussten bei Verkäufen ihres Mannes gefragt werden Friedrich Heer, Mittelalter, Zürich 1961,  S. 519 , regierten gar weite Teile des Landes. Weiter nördlich sah man die Entwicklung kritischer. Hildegard von Bingen, sehr fraulich und sehr angepasst und daher heute wieder hoch geschätzt, beklagte um 1135 den Ausbruch des „weibischen Zeitalters“. Friedrich Heer, Mittelalter, Zürich 1961,  S. 525 Von ihm überdauerte aber nicht viel mehr als eine Verfeinerung der Sitten. Zwar aßen z. B. auch Vornehme immer noch mit den Händen, aber man griff - zumindest in Gesellschaft von Frauen - nun nicht mehr mit beiden Händen in die Schüssel, sondern benutzte nur mehr drei Finger einer Hand, bis schließlich die Gabel den Prozess der Zivilisation auf einen neuen Höhepunkt heben wird. Elias wies darauf hin, dass diesem Wandel der Sitten mehr zugrunde liegt als nur eine modische Laune: "Menschen, die so miteinander essen, wie es im Mittelalter Brauch ist, Fleisch mit den Fingern aus der gleichen Schüssel, Wein aus dem gleichen Becher, Suppen aus dem gleichen Topf oder dem gleichen Teller ... standen in einer anderen Beziehung zueinander, als wir; und zwar nicht nur in der Schicht ihres klar und präzise begründeten Bewusstseins, sondern offenbar hatte ihr emotionales Leben eine andere Struktur und einen anderen Charakter." Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, Berlin 1969,  S. 88
Statt im Körper nur die vorübergehende und vergängliche Hülle der Seele zu sehen, den zu verachten, wie Bernhard von Clairvaux predigte, selig macht, begannen die Menschen, sich wieder um diesen Körper zu kümmern. Galens Schriften wurden endlich aus dem Arabischen ins Lateinische rückübersetzt, Peter von Spanien veröffentlichte 34 Rezepte für Reiz-, 26 für Verhütungsmittel und 56, um die Fruchtbarkeit zu gewährleisten. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 299 Das sexuelle Wissen blieb dennoch gering. Im Falle sexueller Erregung nahm man an, dass eine gasförmige, vielleicht auch flüssige Modifikation der Hitze die Genitalien beider Geschlechter anschwellen lässt. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 60 Constantinus Africanus empfahl, nicht vor dem Verdauen der Nahrung, also z.B. nicht um Mitternacht zu koitieren, damit der Samen kräftig werde. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 57 Ein weiblicher Samenerguss sei zwar nicht notwendig, doch wünschenswert, da er das Kind schöner mache Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 150 , und 17 von 25 untersuchten Traktaten beschäftigen sich mit der Frage, ob eine Frau sich einen Orgasmus, also den Samenerguss, verschaffen darf, indem sie sich selbst streichelt, wenn der Mann sich nach seiner Ejakulation aus ihr zurückgezogen hat. 14 Autoren billigen diese Selbstbefriedigung, nur drei verbieten sie. Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 152 Aber immer noch offenbart sich die Frauenverachtung in der männlichen Brutalität: So hielten Ärzte im 13. Jh. die Lepra für eine Folge der Unzucht mit einer menstruierenden Frau. Die schreckliche Folge eines solchen unreinen Koitus konnte nur durch den Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau beseitigt werden. Der Arzt Henri de Mondeville versprach: „Dann wird diese von der Lepra angesteckt und er frei sein.“
Auf zwei Wegen versuchte die Kirche, dieser Säkularisierung der Sinne gegenzusteuern, durch die Hexenverfolgung und durch die Einflussnahme auf die Ehe.
Ein kleines Mädchen protestiert gegen die langen Gebete, die es aufsagen muss, und fragt, warum sie sich nicht der kürzeren bedienen dürfe, die sie ihre Eltern hat aufsagen hören. "Was für Gebete meinst du denn?" fragt die Mutter. "Gestern nacht habe ich dich ganz deutlich gehört. Du hast gesagt: "O Gott, ich komme." Und Papa hat gesagt: "Herr Jesus, wart auf mich!"

War die Ehe bis ins 11. Jahrhundert eine private, von den Eltern der Brautleute arrangierte Angelegenheit gewesen, für deren Zustandekommen Zuneigung oder gar Liebe, die als subversiv, ja destruktiv angesehen wurde, keine Rolle spielte Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  S. 452 , drängte sich nun die Kirche immer mehr in die Zeremonie. Ein Priester segnete vor dem öffentlichen Zu-Bett-Bringen der Eheleute das Ehebett Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 178Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 178 , die Kirche erklärte die Ehe mehrfach, weil zunächst wirkungslos, zum Sakrament, vor allem aber gelang ihr über das Inzestverbot, auf die Partnerwahl Einfluss zu nehmen. Das Heiratsverbot wurde ausgeweitet bis auf angeheiratete Verwandte 4. und Blutsverwandte 7. Grades, was bei der geringen Mobilität der Gesellschaft die Partnerwahl sehr erschwerte. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 2, S. 14
Für die Kirche, deren Kompetenz in Verwandtschaftsfragen unbestritten war, da sie die Register führte, bedeutete die Inzestüberwachung eine wesentliche Machterweiterung. Sie wurde nun auch zur Ehe-Instanz, von deren Wohlwollen - z.B. beim Gewähren einer Dispens - die Familien abhängig waren. Als neue Ehe-Instanz lockerte die Kirche aber auch - gewiss ungewollt - die elterliche Willkür und trug damit zur Personalisierung der Ehe und zur Befreiung der Frau bei. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 2, S. 132 So durften im 13. Jahrhundert in Schwaben Männer mit 14 und Frauen mit 12 Jahren ohne Einwilligung der Eltern heiraten. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 170 Zudem wurde das eben doch nur taktische Inzestverbot bald wieder abgeschwächt. Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 180 f.

Neuvermählte, Stundenbuch des Valerius Maximus, 15. Jh.
Eine nicht minder starke Einflussmöglichkeit auf die Gesellschaft bot die Hexenverfolgung. Wie beim Inzestverbot, das wesentlich älter ist als das christliche Eherecht, hat die katholische Kirche auch den Hexenwahn nicht initiiert, nur genutzt. Die erste Hexenverbrennung 1275 hat mehr mit der neuen, viele Männer ängstigenden Rolle der Frau zu tun als mit religiösem Eifer, zumal bis zum Anfang des 14. Jh. die Verurteilung von Hexen zum Tode selbst mit dem Tod bestraft wurde. G. R. Taylor, Im Garten der Lüste, Frankfurt 1970,  S. 126 Die Abkehr von dieser skeptischen Einstellung vollzog erst Papst Johannes XXII., der wohl unter Verfolgungswahn litt.
Der Hexenwahn war nicht nur unter Katholiken in ganz Europa verbreitet, auch Luther behauptete, dass Hexen Gewitter machen, Krankheiten hervorrufen und vielerlei Schaden stiften. Jürgen Kuczynski, Geschichte des Alltags des Deutschen Volkes, Köln 1980,  S.134 Im Hexenwahn manifestiert sich die angstvolle Verachtung der Frau, die Verdammnis ihrer vermeintlichen Geilheit Anm., wie sie bis ins 19. Jahrhundert die Phantasie der Salonmaler und Märchenerzähler beschäftigt. Text Der Hexenwahn ist auch Ausfluss eines vorwissenschaftlichen Denkens, das unerklärliche Krankheiten - z.B. Epilepsie - nicht anders zu deuten wusste als durch teuflische Besessenheit. Die ökonomische und moralische Krise der spätmittelalterlichen Gesellschaft suchte einen Sündenbock Marvin Harris, Fauler Zauber, Stuttgart 1993, S. 238 , und da es sich auch um eine innerkirchliche Krise handelte, eigneten sich die üblichen Opfer, die Juden, diesmal nicht. Daher brauchte man Hexen und Zauberer als imaginären Dämonen in Menschengestalt, die mit den immer noch weit verbreiteten heidnischen Kulten in Verbindung gebracht werden konnten. Das Verhütungs- und Abtreibungswissen weiser Frauen gefährdete nicht nur die christliche Moral, sondern auch das nach Pest und Hungersnöten dringend notwendige Bevölkerungswachstum. Vgl.: Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S. 136 Auch das Zölibat förderte die Hexenverfolgung, da den zur Keuschheit verdammten Klerikern immer wieder der Teufel in Gestalt des Weibes als Verführer erschien. Jürgen Kuczynski, Geschichte des Alltags des Deutschen Volkes, Köln 1980,  S. 133 Zudem war die Hexenanklage für die Kirche oft ein gutes Geschäft, konnte doch das Vermögen der Verbrannten eingezogen werden. Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 135 Nicht zuletzt aber war der Hexenwahn auch ein mediales Phänomen.
Hexen, Hans Baldung Grien, 1514

Hexe beim Lesen des Zauberbuches, Felicien Rops, 19. Jh.
 

Kaum hatte der machtgeile Hurenbock Papst Innozenz VIII. in einer Bulle beklagt, dass sich vor allem in Deutschland sehr viele Personen mit dem Teufel geschlechtlich vergnügten Paul Frischauer, Knaurs Sittengeschichte der Welt, Zürich 1969, Bd. 2,  S. 358 , machten sich die Informanten des Papstes, zwei von sexuellen Wahnvorstellungen und Frauenhass besessene Dominikanermönche, ans Werk. In ihrem "Hexenhammer", einem "Nachschlagewerk der Sexualpathologie" Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 136 , wiederholten sie nicht nur die 2000 Jahre alten Klischees von der geilen Frau, sondern reduzierten auch die christliche Sexualmoral auf ihren griffigen Punkt: Die Macht des Teufels liege im Geschlecht des Menschen. Bis in die letzten Details phantasierten sie den hörnernen Schwanz des Teufels, ca. 60 cm lang, mittleren Umfangs, gebogen, sehr rauh, spitz. Sein Samen sei eiskalt, da er keinen eigenen besitze, sondern sich ihn vor jedem Akt von einem Mann holen müsse. Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S. 132
Nun würde der Hexenhammer wohl zu den unzähligen, nur mehr Spezialisten bekannten Traktaten zählen, wäre nicht kurz vor seiner Veröffentlichung 1489 der Buchdruck erfunden worden. Als eines der ersten gedruckten Bücher konnte der Hexenhammer massenhaft verbreitet werden und stieß, weil der Wahn seiner Autoren dem Zeitgeist entsprach, auf ungeheures Interesse.
Hexen, Albrecht Dürer, 1497
Man schätzt, dass zwischen 500 000 und 2 Millionen Menschen den Hexen- und Zaubererverfolgungen zum Opfer fielen Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S. 129 , nicht gezählt jene, die nur gequält, nicht getötet wurden wie eine Jungfrau in Ingolstadt, die 1584 von 12652 in sie gefahrene Teufel befreit wurde. Sigrid und Wolfgang Jacobeit, Illustrierte Alltagsgeschichte des deutschen Volkes 1550 - 1810, Köln 1986,  S. 109 Selten sind Stimmen der Vernunft. So veröffentlichte 1563 der deutsche Arzt Johann Weyer eine Abhandlung "Von der Täuschung der Dämonen", in der er nicht Hexen, sondern Krankheiten für unerklärliche Erscheinungen verantwortlich machte. Die Kirche setzte das Buch auf den Index. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 414 Denn selbstverständlich stärkte der Hexenterror auch die Macht der Kirche (die heute noch Teufelsaustreibungen betreibt). Aber die Tatsache, dass noch zu Goethes Zeiten Hexenprozesse und Hinrichtungen stattfanden Anm., beweist, dass diese Barbarei nicht nur kirchlichem Zwang, sondern der Sexualangst der Menschen entspringt.
© 2001 Karl Pawek  pawek@web.de
Hexenprobe, 16. Jh.

Zum nächsten Kapitel