Die Entdeckung der Scham
Verzweifelt bemühen sich Patriarchen seit der Renaissance, jede Andeutung weiblicher Gleichwertigkeit zu bekämpfen. Der schottische Religionsreformer John Knox veröffentlichte eine Kampfschrift mit dem Titel "Erster Trompetenstoß gegen das monströse Weiberregiment": "Die Frau ist in ihrer vollkommensten Art dazu geschaffen, dem Manne zu dienen und gehorsam zu sein, nicht, ihn zu beherrschen oder zu befehligen." Zit. n. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985, S. 326 Rabelais betonte das Tierische an der weiblichen Sexualität: "Die Natur hat ihr an einem versteckten Ort inwendig ein Tier in den Körper gesetzt, ein Glied, dergleichen ein Mann nicht hat." Zit. n. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 3, S. 247 Und ein spanischer Katechismus warnte alle Frauenliebhaber: "Bedenke, dass die schönste Frau aus einem übelriechenden Samentropfen entstanden ist, dann bedenke ihre Mitte, wie sie ein Behälter von Unflat ist, danach bedenke ihr Ende, wenn sie ein Fraß der Würmer sein wird." Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 131 Einen Gipfel der Hinterfotzigkeit wird Ende des 17. Jahrhunderts Baptist Verduc erklimmen, wenn er fragt, was denn die Affen verbrochen hätten, dass auch sie von dem fürchterlichen Schicksal der Menstruation betroffen seien. Sabine Hering und Gudrun Maierhof, Die unpäßliche Frau, Pfaffenweiler 1991,  S. 19Text Der aufgezäumte Philosoph, Hans Baldung Grien, 1513
Doch weder Wissenschaftler noch Eiferer änderten nachhaltig das Sexualverhalten der Menschen, sondern eine Krankheit und Emporkömmlinge. 1494 brach in Neapel eine bis dahin unbekannte Krankheit aus, die sich schnell über ganz Europa verbreitete Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 149 und innerhalb weniger Jahre ein Drittel der Bevölkerung dahinraffte: die Syphilis. Gordon Rattray Taylor, Kulturgeschichte der Sexualität, Frankfurt 1977,  S. 13 Ob die in einem Aufruf Kaiser Maximilians als "pöse plattern", von anderen als "französische Krankheit" bezeichnete Seuche, die erstmals bei französischen Soldaten vor Neapel festgestellt wurde, tatsächlich von Kolumbus Seeleuten aus Amerika eingeschleppt wurde, ist nicht erwiesen. Vgl.: Paul Frischauer, Knaurs Sittengeschichte der Welt, Zürich 1969, Bd. 2,  S. 311ff. Zumindest hätten diese 50 Seeleute sehr emsig sein müssen. Es ist durchaus möglich, dass es sich bei dieser Krankheit um eine Mutation eines vorher harmlosen europäischen Organismus handelte oder im alsbald ausbrechenden Syphiliswahn damit ein Krankheitsbild bezeichnet wurde, das vorher als Lepra beschrieben worden war. Martin Dannecker, Das Drama der Sexualität, Frankfurt 1987,  S. 287 Jedenfalls veränderte die Syphilis das Sexualverhalten der Menschen, zumal Lustseuchen damals eher als moralisches denn medizinisches Problem, als gerechte Strafe für sexuelle Zügellosigkeit galten. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 126 Zwar hatte der am Hofe Karl II. in England lebende Arzt Kondon gerade eine Penisschutzhülle aus Tiereingeweiden wiedererfunden Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 2, S. 288 , die vor der Übertragung von Geschlechtskrankheiten schützen konnte, aber sie war viel zu teuer für eine Massenproduktion. Anm.
Als erste spürten die Badehausbetreiber die Folgen der Lustgefahr. Das gemeinsame Nacktbad (mit anschließendem Geschlechtsverkehr?) galt plötzlich als unsittlich Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 1, S. 48 , immer mehr Badehäuser wurden geschlossen. Doch der Wandel griff tiefer: Der Mensch entdeckte die Scham.
Gebet zum Heiligen Dyonisius gegen die Franzosenkrankheit (Syphilis)

(Warnung vor dem) Freudenhaus, 17. Jh.

Während sich im Mittelalter höchstens der gesellschaftlich Niedrigstehende vor dem Höherstehenden schämte, nie umgekehrt Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, Berlin 1969, S. 188 , wird nun die Schamempfindung allgemein. Die Nacktheit, eben noch selbstverständlich, scheint plötzlich sexuell besetzt und wird als unanständig betrachtet. Zuerst wurden die Geschlechtsorgane verborgen. Während am Anfang des 17. Jh. in Venedig oder Padua Ehefrauen, Witwen und Mädchen an heißen Tagen noch mit nackten Brüsten auf die Straße gingen, gilt dies am Ende des Jahrhunderts als unanständig. Im 18. Jh. werden auch die männlichen Brüste tabu. Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, Berlin 1969, S. 64 Gleichzeitig wird der Oberschicht das Essen aus einer gemeinsamen Schüssel peinlich, die Speisen fasst man nicht mehr mit den Fingern an, sondern benutzt Messer und Gabel, und zum Schlafen braucht man, wenn auch noch nicht in Dänemark, ein Nachthemd. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 2. Die bürgerliche Moral entsteht und damit die Prüderie.
Noch kann Luther Jungfräulichkeit für nicht wünschenswert, Enthaltsamkeit für unnormal und den Geschlechtsakt für genauso notwendig halten wie Essen und Trinken Reay Tannahill, Kulturgeschichte der Erotik, Wien 1982,  S. 339 , er muss nur ohne Lust und Leidenschaft erfolgen Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 139 und darf keinesfalls ehebrecherisch sein. Anm.  Noch muss der Körper durch Geschlechtsverkehr, Spucken, Rülpsen und Furzen regelmäßig von überflüssigen Dämpfen und Säften gereinigt werden Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 194 , aber die Sexualgesetze werden bereits verschärft. Nach der peinlichen Gerichtsordnung Kaiser Karls V. werden homosexuelle Handlungen, Zoophilie Anm. und jeder Analverkehr wieder als Verbrechen gegen die Natur angeprangert und mit dem Tode bestraft, Masturbation und sexuelle Handlungen mit Figuren aus Holz und Stein mit Landesverweis oder schwerem Kerker. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 390 In Kriegszeiten freilich sah man die Dinge lockerer. Nachdem 1562 bei der Belagerung von Lyon viele italienische Soldaten dessertiert waren, weil zwar genügend Nahrung, aber keine Ziegen zur Verfügung standen, zog Herzog Lodovico Gonzaga 1565 mit 3000 Soldaten und 2000 Ziegen in den nächsten Krieg. Midas Dekkers, Geliebtes Tier, München 1994, S. 28 Die Vogelreiterin, 4. Jh. v. Chr.

Begattung Ledas durch den in einen Schwan verwandelten Jupiter, Michelangelo

Leda und der Schwan, Skulptur aus dem klassischen Griechenland

Nun erst beginnen die Kirchen ihren Kampf gegen den noch üblichen vorehelichen Geschlechtsverkehr Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 118 in der Absicht, die im Bewusstsein der Menschen immer noch wichtigere private Verlobung durch die kirchliche Heirat zu ersetzen und damit die Sexualität auf die Ehe zu beschränken. Anm.
Auch die kindliche Sexualität erregt nun Argwohn. Der überraschend moderne Protestant Calviac belehrt junge Eltern: "Es ist höchst schicklich für ein kleines Kind, wenn es seine Schamteile nur mit dem Gefühl der Schande und des Widerwillens berührt, selbst wenn die Not es dazu treibt und es allein ist." Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 3, S. 190
Hier wird bereits die neue bürgerliche Moral gesetzt gegen die Frivolität des Adels, wie sie noch im Tagebuch des Leibarztes Ludwigs XIII. deutlich wird, wenn er die Kindheit des Kronprinzen erzählt: "Er lacht aus vollem Halse, als die Kinderfrau mit den Fingerspitzen seinen Piephahn hin und her bewegt." Vor "einem kleinen Fräulein ... hat er seinen Rock hochgehoben, und ihr mit einem solchen Eifer seinen Piephahn gezeigt, dass er darüber außer sich geriet. Er legte sich auf den Rücken, um ihn ihr zu zeigen."
Gerade ein Jahr alt geworden wird Ludwig XIII. mit der Infantin von Spanien verlobt. "Entblößt sich ebenso wie Madame (seine Schwester); sie werden nackt zum König ins Bett gelegt, wo sie sich küssen, miteinander flüstern und dem König großes Vergnügen bereiten. Der König fragt ihn: `Mein Sohn, wo ist das Paket für die Infantin?` Er zeigt es vor und sagt: `Es hat keinen Knochen, Papa.` Da es ein wenig steif ist, sagt er dann: `Jetzt hat es gerade einen, das ist manchmal so.`"
Mit vier Jahren weiß Ludwig XIII. schon sehr gut, wie Kinder gemacht werden, wenn er jedoch als Siebenjähriger danach gefragt wird, antwortet er, sie kämen aus dem Ohr. Zit. n. Philippe Ariès, Geschichte der Kindheit, München 1978,  S. 175ff. Nun weiß er also auch, was sich gehört.

Im Bürgertum schaffen sich die Menschen Distanz, zuerst, wie wir sahen, zu Speisen durch Bestecke, zu Gerüchen, schließlich zum eigenen Körper und zum Körper des anderen. "Der Körper wurde von einem Lustorgan zu einem Leistungsorgan umgeformt. So entwickelte das Bürgertum eine Leistungsmoral, die das lustvolle Erleben von Sexus und Eros unmöglich macht." Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 39 Moralisierende Traktate kommen in Mode, Edward Cook veröffentlicht 1678 "Eine gerechte und vernünftige Anklage gegen die nackten Brüste und Schultern", ein protestantischer Pastor predigt 1686 "Dass die bloße Brüste seyn ein groß Gerüste viel böser Lüste", und Molieres Tartuffe hilft es nichts, dass er entsetzt ausruft: "Bedecken Sie den Busen, den ich nicht darf sehn!", das Stück wird trotzdem verboten. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd.3, S. 11

Und die Ehe, im 16. Jahrhundert noch Lebensraum für eheliche und uneheliche Kinder, die auch in ehrbaren Familien zusammen aufgezogen wurden, für Liebschaften und Untreue Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 160 , ähnelt vor allem im protestantischen Deutschland immer mehr einer für Frauen lebensgefährlichen Institution zum Gebären legitimer Erben. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 1, S. 33 Immerhin 1,3% aller Geburten vor 1800 endeten mit dem Tod der Mutter. Edward Shorter, Der weibliche Körper als Schicksal, München 1987, S. 118 Bräute, die ihre Jungfernschaft nicht - notfalls durch eine Untersuchung - nachweisen können, werden öffentlich bloßgestellt. In Memmingen z.B. durften solche Frauen nur mittwochs heiraten,in Spanien wurde nach der Hochzeitsnacht das blutbefleckte Laken öffentlich als Beweis der Jungfräulichkeit der Braut gezeigt. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 1, S. 217
Das Bürgertum setzte wie alle aufstrebenden Klassen auf Moral, weil eine scheinbar höhere Sittlichkeit das ebenso deutliche wie wohlfeile Unterscheidungsmerkmal gegenüber der noch herrschenden Klasse ist. Dies erklärt den schnellen Siegeszug dieser Moral und ihre Gnadenlosigkeit: Unter Puritanern in den USA wurden Eltern, deren Kind zu bald nach der Hochzeit geboren wurde, öffentlich am Pranger oder Bock bestraft Reay Tannahill, Kulturgeschichte der Erotik, Wien 1982,  S. 342 , und in Genf verwirklichte Calvin Luthers Forderung, Ehebruch mit dem Tode zu sühnen. Henri Pirenne, Geschichte Europas, Frankfurt 1961,  S. 561
Gebärende, 16. Jh.

Jungfrauenprobe, 1720

Aber noch war der Sieg nicht total, noch hielt sich der Adel an der Macht und vergnügte sich an der Sinnlichkeit blind für alle Veränderungen. Talleyrand wird rückblickend feststellen: "Wer die Zeit vor 1789 nicht gekannt hat, hat überhaupt nicht gelebt." Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 2, S. 1 Im Absolutismus entwickelte die Sexualität ihr bisher höchstes Raffinement. Nicht so sehr Potentaten wie August der Starke, der 700 Frauen gehabt und 345 Kinder gezeugt haben soll Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 53 , oder Ludwig XV., über dessen Hochzeitsnacht der Premierminister öffentlich berichtete, "Der König ist zu der Königin schlafen gegangen und hat ihr während der Nacht sieben Beweise von Zärtlichkeit gegeben" Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 198 , spiegeln die Verhältnisse wider, eher schon Moritz von Sachsen, der die Zeitehe mit Verlängerungsklausel empfiehlt, denn die Ehe auf Lebenszeit sei ein Selbstbetrug, ein Zwang gegen die Natur.Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 196 Die außereheliche Liebe als Vergnügen, als Leckerbissen des Sinnengenusses war das adelige Ideal im Absolutismus. Man liebte ungeniert und früh Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 200 , die zahlreichen Memoiren nennen 10, 11 oder 12 Jahre als das Alter, in dem der erste Geschlechtsverkehr stattfand. Kinder waren unerwünscht, weil lästig Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909), , Bd. 1, S. 33, Bd. 2, S. 217 , empfängnisverhütende Praktiken breiteten sich aus. Philippe Ariès, Geschichte der Kindheit, München 1978,  S. 100 Die Ärmeren praktizierten den Koitus interruptus - in Frankreich die wichtigste Methode der Empfängnisverhütung und früher nur in außerehelichen Verhältnissen üblich Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 149Text , in England und den USA gab es die Pille für danach, Hooper`s Frauen-Pillen, deren Hauptwirkstoff, ein Aloevera-Extrakt, als Abführmittel gepriesen auch Schwangerschaften abführt. June M. Reinisch und Ruth Beasley, Der neue Kinsey Institut Report, München 1991,  S. 363Anm. Wurde aber ein Kind geboren, trachteten bessergestellte Frauen danach, ihre Brüste nicht durch Stillen zu gefährden. Bereits im Ehekontrakt verpflichtete sich der Gatte, für eine Amme zu sorgen, die Frauen nahmen nach der Geburt ein Pulver, das innerhalb von 48 Stunden den Milchfluss versiegen ließ Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 5, S. 19 , war doch die (relative) Makellosigkeit der Brust fast der kostbarste Besitz einer Frau. Vorstellung und körperliche Prüfung einer fürstlichen Braut, 18. Jh.

Madame Pompadour (Maitresse Ludwig XV.), Francois Boucher

Eine Frau hat sich die Gesichter ihrer beiden ersten Liebhaber auf die Brüste tätowieren lassen. In der Hochzeitsnacht nimmt der Mann es von der heiteren Seite und sagt lachend: "Was werden sie doch in zehn Jahren für lange Gesichter machen!"

Während sich Männer noch öffentlich eine Mätresse halten konnten Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 19 , gab es für ihre Ehefrauen weiterentwickelte Frauentröster aus Elfenbein, ca. 22 cm lang, 16 cm Umfang, außen angeraut oder mit Höcker versehen, innen hohl, so dass sie mit warmen Wasser oder Milch zum Spritzen gefüllt werden konnten.

Afrikanischer Dildo, 19. Jh.
Erlaubt war, was Vergnügen bereitete, sei es das schon in der Antike sehr beliebte Epilieren der Schamhaare oder die Ehe zu dritt, wie sie Lord Hamilton, dessen Ehefrau und Admiral Nelson praktizierten, es musste nur erotisch wirken und frei von Gefühlsverwirrungen sein. Denn Liebe galt im Adel als degoutant. Es war einfach unschicklich, seine Frau zu lieben, ein Zeichen von Geschmacklosigkeit, eben vulgärer Bürgerlichkeit. Eine Frau ohne Geliebten wurde bisweilen als reizlos oder gesellschaftlich kompromittiert angesehen, ein Mann ohne Mätresse war entweder impotent oder finanziell ruiniert. Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 63 Dies galt aber, das muss immer wieder betont werden, nur für die Oberschicht. Im Volk war die Frau eine Arbeitskraft mit einem zum männlichen Partner passenden Geschlechtsorgan. In England konnten Frauen bis zum Ende des 18. Jahrhundert auf Weibermärkten ge- und verkauft werden, was wesentlich billiger kam als eine Scheidung Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd.2, S. 326 , ihr Wert war, wie ein hessisches Sprichwort zeigt, überall gering: "Kühverrecke, großer Schrecke, Weibersterbe kein Verderbe." Edward Shorter, Der weibliche Körper als Schicksal, München 1987,  S. 21
Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen aus der Unterschicht war geprägt von Gleichgültigkeit, ihr sexueller Umgang in der Regel wohl so schnell und lieblos, wie es ein lettisches Volkslied darstellt: "Vati stößt und stößt die Mami, als wolle er sie ganz zerstoßen. Ruht kurz zwischen ihren Beinen, fängt das Stoßen wieder an." Edward Shorter, Der weibliche Körper als Schicksal, München 1987,  S. 24 Eine Untersuchung über Sexualität auf dem Land im 17./18. Jh. beweist, dass viele Sexualkontakte einer Vergewaltigung gleichkamen. Eduard Peter Becker, Leben und Lieben in einem kalten Land, Frankfurt 1990, S. 144 Dokumentiert ist z. B. der Versuch eines Bauern, seine Magd zu vögeln, während sein fünfjähriger Sohn im selben Bett lag. Eduard Peter Becker, Leben und Lieben in einem kalten Land, Frankfurt 1990, S. 231 Wurde eine vergewaltigte Frau schwanger, drohte ihr Gefängnis wegen Unzucht. Nur weil sie sich nach der Vergewaltigung durch einen Soldaten selbst angezeigt hat, blieb 1766 in der Steiermark einer Schwangeren die Haftstrafe erspart, sie musste nur fünf Gulden Buße zahlen. Eduard Peter Becker, Leben und Lieben in einem kalten Land, Frankfurt 1990, S. 257
Epilieren der Schamhaare, Anfang 18. Jh.

Bäuerliche Scherze, um 1700
 
 
 
 
 

Das Bohnenfest, 17. Jh.
 
 

 

Noch immer aber glaubten viele Mediziner, dass sexuelle Enthaltsamkeit schädlich sei, körperliche Störungen verursache wie Hysterie bei Frauen und Schwäche bei Männern. Der vermutete direkte Kontakt zwischen Genitalien und Gehirn ließ allerdings zu häufige geschlechtliche Betätigung auch nicht ratsam scheinen, da sie zur Gehirnschrumpfung, zum Austrocknen des Hirns führen könnte.
Für eine Empfängnis hielt man weiterhin den Orgasmus der Frau für so wichtig, dass in Vergewaltigungsprozessen eine Schwangerschaft als Beweis der Einwilligung galt. Anm. Als andererseits Kaiserin Maria Theresia nach ihrer Heirat zunächst nicht schwanger wurde, riet ihr ein kluger Arzt: "Im übrigen glaube ich, die Vulva Eurer Allerheiligsten Majestät sollte vor dem Koitus gekitzelt werden." Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 173
Dass es diesen direkten Zusammenhang zwischen Orgasmus und Schwangerschaft nicht gibt, wussten Frauen zwar schon seit Jahrtausenden, aber um 1770 entdeckten dies auch die Wissenschaftler. Der Chirurg John Hutter befruchtete als erster Arzt eine Frau künstlich mit dem Samen ihres Mannes. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 185
© 2001 Karl Pawek  pawek@web.de
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