Sexualität in der Revolution
Eindrucksvoller als die Medizin entwickelte sich die Philosophie im 18. Jh. Eine neue Nüchternheit breitete sich aus - zumindest in Frankreich. Diderot, Autor der ebenso amüsanten wie geistreichen "Geschwätzigen Kleinode", schrieb über die Schamhaftigkeit des Menschen: "Dem Liebesgenuss folgt eine Ermattung, die ihn der Willkür seines Feindes ausliefern könnte. Das ist alles, was an Schamhaftigkeit vielleicht natürlich ist, der Rest ist künstlich." Zit. n. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd.3, S. 385
Während im deutschen Bürgertum die Sentimentalität Triumphe feierte und "mehr Tinte als Sperma verspritzt" wurde Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd.2, S. 221 , fassten sich Franzosen und Französinnen zynisch kurz: "In der Liebe ist nur das Physische gut." Buffon, zit. n. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd.2, S. 216 "Die Liebe ist nur eine Berührung zweier Epidermen." Chamfort, zit. n. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 2, S. 216 "Der größeren Sicherheit halber bereitet man sich bereits auf Erden sein Paradies." Madame de la Verrue, zit. n. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd 2, S. 438
Am konsequentesten war der Marquis de Sade. Sade, 1740 geboren, war besessen - auch vom Sex. Sein brutaler Umgang mit Prostituierten und eine Vorliebe für Analverkehr brachten ihn mehrmals vor Gericht, 1772 wurde er - allerdings in Abwesenheit - zum Tode verurteilt. Während seine Schwiegermutter die Urteilsvollstreckung betrieb, gelang es seiner Frau 1778, das Verfahren neu aufzurollen. Die Strafe wurde auf eine Geldbuße reduziert, doch seine Schwiegermutter sorgte dafür, dass Sade erneut eingekerkert wurde. Vergeblich bemühte sich ihre Tochter um seine Befreiung, erst 1790 wurde Sade von der Nationalversammlung auf freien Fuß gesetzt. Als Schriftsteller und Revolutionär besaß er genügend Einfluss, ein Verfahren gegen seine Schwiegereltern, denen er seine 13jährige Einkerkerung zum großen Teil verdankte, so lange zu verzögern, bis diese Reaktionäre ins Ausland fliehen konnten. Dafür wurde Sade wegen „Mäßigungsbestrebungen“ erneut für 10 Monate ins Gefängnis geworfen. Eine Satire gegen Napoleon und Joséphine erzürnte den Diktator Frankreichs so sehr, dass er Sade für wahnsinnig erklären ließ. Bis zu seinem Tod 1814 lebte und arbeitet Sade im Asyl zu Charenton. Als Atheist wollte er kein christliches Begräbnis, trotzdem setzten die Behörden ein Kreuz auf sein Grab.
Auch Voltaire tat es, umgeben von seinen Werken, in der Arbeitspause

Illustration zu Sades La Nouvelle Justine, 1789

Sades Romane sind eine Deklaration der Rechte des männlichen Erotizismus, in der die Forderung nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ihres hübschen Mäntelchens beraubt auf die Spitze getrieben wird: "Geteilte Lust ist halbe Lust." Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd.4, S. 44 Freilich teilte auch der Marquis die Angst der französischen Revolutionäre vor der unberechenbaren Frau, die gezügelt werden muss. Als Objekte männlicher Aggression ohne eigene physische Identität verkörpern Sades weibliche Romanfiguren den (Alb-)Traum männlicher Allmacht.
Doch war sich Sade der Zusammenhänge zwischen sexueller und ideologisch-ökonomischer Unterdrückung bewusst Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 200 , daher sind seine Werke nicht im Entferntesten vergleichbar mit den verspielten Pornos des 18. Jahrhundert. Jedenfalls brauchte die Leserin seiner revolutionären, antireligiösen und doch auch moralischen Erzählung "Justine", die er in nur 14 Tagen in seiner Gefängniszelle in der Bastille geschrieben hat, keine Muchoirs de Venus, keines dieser Taschentücher, deren Duft die Riechende erröten lässt, wann immer es angebracht erscheint. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd.5, S. 80 Sades eiskalte Reflektionen und Beschreibungen irritieren noch die Erfahrensten.
Illustration zu Laclos´ Gefährliche Liebschaften, Monnet, ca. 1780
Zwei arme Bürschchen und zwei reiche baden nackt im selben Bassin. "Hast du bemerkt, was für kleine Schnippel die reichen Jungen haben?" fragt der eine arme Junge den anderen. "Sie haben Spielsachen", erklärt der andere.

Doch wirklich pervers waren nicht Diderot, Laclos oder Sade, deren Werke immer wieder und bis heute zensiert und beschlagnahmt wurden, sondern die zumeist protestantischen Aufklärer in ihrem vehementen Kampf gegen die Kinder- und Jugendsexualität, vor allem gegen die Selbstbefriedigung. Die Masturbationshysterie begann 1710 in England Anm.   und fand im Werk des Französischen Arztes Tissot ("De l`onanisme") ihre Bibel. Anm.
Für Tissot, der Kindern zur Beruhigung bedenkenlos Opium verschrieb Piero Camporesi, Das Brot der Träume, Frankfurt 1990, S. 18 , war die Masturbation noch ungesünder als ein Koitus, weil sie nicht notwendig sei, durch ihre Häufigkeit fortwährende seelische Spannung erzeuge, oft im Stehen praktiziert werde und daher zusätzlich ermüde und zum einsamen Schwitzen, also zum Verlust wertvoller Lebenssäfte führe. (Anders als bei der einsamen Masturbation werde beim Koitus der Schwitzverlust dadurch aufgehoben, dass man die Stoffe, die der Partner transpiriert, selbst aspiriert. Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 150)

Illustration zu Laclos´ Gefährliche Liebschaften, Monnet, ca. 1780
Schnell steigerten Ärzte als die neuen Wächter der bürgerlichen Moral die Gefährdung zur lebensbedrohlichen Gefahr. Hatte Tissot noch - blödsinnig genug - behauptet, der Verlust einer Unze Samenflüssigkeit sei schlimmer als der Verlust von 40 Unzen Blut, so verkündeten seine Abschreiber nun, ein Samenerguss sei gleichzusetzen mit dem Verlust von 40 Unzen Blut. Peter Gay, Erziehung der Sinne, München 1986, S. 317 In Paris richtete S. F. Betrand 1775 das erste Museum der bürgerlichen Moral ein, sein Wachsfigurenkabinett der sexuellen „Aufklärung“ zeigte Masturbanten, die dem Tode nahe waren, bereits ihren Penis verloren hatten. Die eiternde Vagina einer jungen Frau war zur Warnung vor unstillbarem sexuellen Verlangen ausgestellt. George L. Mosse, Nationalismus und Sexualität, Reinbek 1987,  S. 21 Ganz schlaue Bürschchen freilich nutzten die Todesdrohungen und versuchten mit dem Hinweis auf die Gesundheitsgefährdung jeder Selbstbefriedigung, von ihren Vätern Geld für einen Bordellbesuch zu bekommen. Jean-Paul Aron u. Roger Kempf, Der sittliche Verfall, Frankfurt 1982, S. 126

Ein Junge erhält von seinem Vater 20 Mark, um in die Stadt zu gehen und sich ein Weib zu kaufen. Unterwegs begegnet er seiner Großmutter, die sich bereit erklärt, es für den halben Preis zu machen. "Schon zurück?" fragt der Vater. Der Sohn erklärt ihm, was passiert ist. "Wie!" schreit der Vater, "Du hast meine Mutter gevögelt?" "Warum nicht? Hast Du nicht meine gevögelt?"

Onanistin, 1830
In Deutschland war S. G. Vogel einer der schrecklichen Aufklärer, die alle nur denkbaren Krankheiten auf die Masturbation zurückführten. Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 145 Er schlug vor, mit Jugendlichen über den Missbrauch des Samens zu sprechen und ihnen dann plötzlich einen Spiegel vor das Gesicht zu halten und sie eindringlich zu fragen: "Und alle diese Folgen hast Du Dir selber zuzuschreiben; das ist Dein Bild des Todes - wie lange hast Du diese Untugend schon begangen?" Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 152Text Masturbanten wurden, natürlich nur zu ihrem Schutz, hospitalisiert. Als Kleist 1800 die Irrenanstalt des Würzburger Juliusspitals besuchte, sah er einen 18jährigen Jüngling mit „todtenweißen“ Antlitz, der wegen exzessiven Masturbierens in eine Zwangsjacke gesteckt worden war. Die Gesichtsfarbe blieb Kleist unvergessen, die Zwangsjacke hielt er wohl für angebracht. Text
Doch nicht nur die Selbstbefriedigung wurde als ungesund dargestellt, rigoros bekämpften Ärzte und Pädagogen alles, was auch nur im Entferntesten an Sexualität denken ließ, z.B. das Nacktschlafen. Noch im 16. Jh. musste, wer bekleidet zu Bett ging, entweder krank oder körperlich entstellt gewesen sein, nun galt plötzlich das unbekleidete Schlafen als gefährlich, weil es "eine Stockung der Säfte und Flüssigkeiten" verursache. Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 59 Warme Kleidung und warme Betten wurden ebenso abgelehnt wie weiche Matratzen: "Mit der Sitte, auf Federn zu schlafen, ward grenzenlose Wollust über unsere Staaten verbreitet." Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 152 Hier sollten Keuschheitsmatratzen aus Rosshaar Abhilfe schaffen. Und der Pädagoge Struve warnte vor der üblichen gemeinsamen Benutzung eines Bettes: "Das Zusammenschlafen verursacht einen starken Grad gegenseitiger Mitteilung und Ausdünstungen. Die Einsaugung der Schweißporen wird pro Tag auf ein Pfund geschätzt." Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 58 Struves Argumentation ist ein schönes Beispiel dafür, wie Wissenschaftsgläubigkeit missbraucht wird zur Zementierung moralischer Werte. Die diskussionswürdige Ethik wird so zur unhinterfragbaren Hygiene. Kant verzichtete auf solche pseudomedizinischen Begründungen, wenn er Masturbation und vorehelichen Geschlechtsverkehr beim Mann verurteilt: "Er fehlt hier wider die bürgerliche Ordnung." Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 116
Korsett von Lajade-Lafond zur Verhinderung der Onanie

Onaniebandage für weibliche Patienten

Onaniebandage für männliche Patienten

Apparat zur Verhütung der Onanie, um 1900

Apparat zur Verhütung der Onanie, um 1900

Parallel zur Anti-Masturbations-Kampagne, in der Ärzte und Pädagogen, kaum Geistliche den Ton angaben Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 140, wurde die Entsexualisierung der bürgerlichen Frau propagiert, bis der Mythos von der Frau, die Liebe statt Sex will, zum Gemeingut wurde. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 16 Johann Gottlieb Fichte: "Im unverdorbenen Weibe äußert sich kein Geschlechtstrieb, und wohnt kein Geschlechtstrieb, sondern nur Liebe. Und die Liebe ist der Naturtrieb des Weibes, einen Mann zu befriedigen." Fichte, Johann Gottlieb, Gesamtausgabe, Stuttgart 1970, Bd. I/4, S. 100
Vor allem Rousseau, der sein Leben lang erotische Bücher nur mit einer Hand las Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd.3, S. 400 und die Lust kannte, körperlich gezüchtigt zu werden Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd.3, S. 484 , bemühte sich in seinem Erziehungsroman "Emile", die Unschuld von Kindern zu gewährleisten. Anm. Eltern und Erzieher sollen Kindern über Sexualität nichts, Heranwachsenden möglichst wenig berichten. Christian Gotthilf Salzmann, deutscher evangelischer Pfarrer und Pädagoge, schuf in Anlehnung an Rousseau das Modell des bürgerlichen Sexualkundeunterrrichts. Es reiche aus, den Kindern zu sagen: "Übrigens geschähe die Erzeugung ebenso, wie bey den Blumen, Vögeln und Säugethieren." Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 182
Protestantische Eheschließung 1768

Pera säugt Simon (nach Rubens)

Der deutsche Pädagoge Bauer wollte Ekel vor allem Geschlechtlichen erzeugen: "Zum Teil, weil die Geschlechtsteile von der Natur als Werkzeuge zum Ausstoßen überflüssiger und ekelerregender Absonderungen zumal beim weiblichen Geschlecht eingerichtet sind, zum anderen, weil der Beischlaf selber eine ekelhafte Verunreinigung zur Folge hat." Zit. n. Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 67
Auch schlug er vor, Heranwachsenden Leichen zu zeigen, um die Wollust zu vertreiben und riet Eltern, ihren Kindern zu erzählen, wenn sie zu lange nackt herumlaufen, würde ihnen ein Tier ihre Geschlechtsteile abbeißen. Denn: "Die Schamhaftigkeit der Kinder muss aus dem Ekel vor den Körperteilen bestehen, die sie als Werkzeuge schmutziger Exkremente kennen." Zit. n. Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 177
Warnung vor Geschlechtskrankheiten, um 1800

Wucherung der großen Schamlippe, um 1900

Mit der Schamhaftigkeit wuchs die Intoleranz. Pariser Gerichte ließen sämtliche Schoßhunde konfiszieren und verbrennen. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 5, S. 121 Holzflößer, die auf der Seine durch Paris trieben, durften nicht mehr länger nackt sein Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 60 , eine Hebammenverordnung von 1750 verlangt, dass uneheliche Mütter erst den Namen des Vaters nennen müssen, bevor die Hebamme Geburtshilfe leisten darf. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 5, S. 94 Im selben Jahr werden in Paris ein 18jähriger Tischler und ein 25jähriger Metzger öffentlich wegen homosexueller Handlungen verbrannt Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 5, S. 323 , und die österreichische Kaiserin Maria Theresia beruft eine premanente Keuschheitskommission ein, die Dirnen und ihre Freier jagt. Nach der Gerichtsordnung Maria Theresias von 1769 machten sich der Hurerei auch Unverheiratete schuldig, die zusammenlebten und nur einmal miteinander geschlafen hatten. Eduard Peter Becker, Leben und Lieben in einem kalten Land, Frankfurt 1990, S. 255 Aufgegriffenen Dirnen wurden die Haare abgeschnitten, sie erhielten eine Kettenstrafe, mussten öffentlich die Gassen kehren oder Karren schieben. Ledige Freier wurde auf der Stelle mit der Prostituierten getraut, verheiratete wegen Ehebruchs angeklagt. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 2, S. 431 Frau mit Hund, um 1720

Mädchen mit Hund, 1775

Züchtlinge in Wien (Keuschheitskommission)

Ein Sudanese fährt im Bus nach Hause, seinen Lohn in der Tasche in der Form einer Rolle Münzen. Je dichter sich die Menschen im Bus drängen, desto mehr wird er gegen eine Frau gedrängt, die den Druck der Rolle Münzen gegen ihren Schenkel missversteht, dem Mann ins Gesicht schlägt und ihn laut seines Fehlverhaltens bezichtigt. Er zieht die Rolle Münzen aus seiner Hosentasche und erklärt: Dies sei es, was sie gefühlt habe. Die Frau entschuldigt sich bei ihm. In der folgenden Woche fährt der Mann wieder im Bus nach Hause, und wieder kommt er neben dieselbe Frau zu stehen. Diesmal entscheidet er sich, sich schlecht zu benehmen. Die Frau dreht sich lächelnd zu ihm um und sagt: „Gratuliere zu Ihrer Beförderung!“

Da Sexualität eine für die meisten brotlose Kunst ist, die nichts einbringt, sich nicht rentiert, ist für sie im Kanon der bürgerlichen Tugenden - Genügsamkeit, Sparsamkeit, Pflichtbewusstsein, Sittsamkeit - kein Platz. Im Gegenteil, dem kapitalistischen Bürgertum erschien sie in den meisten Fällen eine Vergeudung. Bis zum Ende des 19. Jh. lautete die gebräuchliche Vokabel der englischen Umgangssprache für Orgasmus „to spend“ = ausgeben. Steven Marcus, Umkehrung der Moral, Frankfurt 1979, S. 39 Hinzu kam: "Die Unterscheidung zwischen Normalität und Abweichung ist die Grundlage der bürgerlichen Moral; sie ist der Mechanismus, der zugleich Selbstbeherrschung erzwingt und Sicherheit bietet." George L. Mosse, Nationalismus und Sexualität, Reinbek 1987,  S. 20

Also wird das Bett, lange Zeit ein zentraler Ort gesellschaftlichen Lebens, ins Verborgene gerückt, unter Alkoven oder in abgesonderten Schlafzimmern versteckt Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 3, S. 229 , jede Geselligkeit verdächtig. Der "Evangelische Barometer von Quinlan" (Großbritannien) nennt als schlimmste Sünden in aufsteigender Reihenfolge Trunkenheit und Theaterbesuch, Romanlesen und Unterlassen eines Gebetes, Ehebruch und Geselligkeit an einem Sonntag. G. R. Taylor, Im Garten der Lüste, Frankfurt 1970,  S. 196 Als gefährlich gilt dem Bürger natürlich auch das Tanzen, "das stärker als irgendeine andere Erhitzung, besonders beim weiblichen Geschlecht, auf die Zeugungsglieder einwirkt, und die geheimsten Empfindungen tief erschüttert." Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 153
Die Empfindsamkeit wächst bis zur Geruchsintoleranz gegenüber anderen Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S. 27 , und steigert doch nur die Erotisierung bis hin zur sexuellen Besessenheit. Plötzlich wird alles sexuell gefährlich: das Reiten, geheizte Zimmer, zu warme Kleidung, weiche Sessel und Betten, warme Getränke, Bücher, Bilder, kräftige Nahrung, Lachen, Parfüm, Kräuter, verführerische Musik, sogar die Glasharmonika, wie Bauer betont, da sie "den geschwächten Sterblichen unseres Zeitalters, besonders das weibliche Geschlecht, mit dem Verlust seiner Keuschheit bedroht". Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 43.
Jupiter und Jo nach der Bedeckung
Wovon katholische Fundamentalisten jahrhundertelang vergeblich träumten - hinter jeder Lust den Teufel erkennbar zu machen -, gelingt Ärzten und Pädagogen durch die Perversion der Aufklärung.
Doch die bürgerliche Moral gibt es nur im Doppelpack, als verlogene Vorzeigemoral und als praktizierte Geilheit. Maler und Lithographen wussten auch daraus ein Geschäft zu machen. Mit dem Verbot, Geschlechtsorgane abzubilden, entwickelten sie die Bedeckungstechnik. Vom Bild mit dem nackten Geschlecht wurden 30 - 100 Drucke für Wohlhabende hergestellt und 3 - 5mal so teuer verkauft. Danach wurde das Geschlecht mit einem Gegenstand überzeichnet für den gewöhnlichen Handel. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 5, S. 314
Das unanständige Bild nach der Bedeckung
Auch die Prostitution, öffentlich bekämpft, wurde nur raffinierter und einträglicher. Um 1780 soll es in Wien 10 000, in Paris 30 - 40 000 und in London 50 000 Huren gegeben haben Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 2, S. 405 ff.Anm., obwohl Casanova behauptete: "Der Dirnen bedarf man in dieser glücklichen Zeit gar nicht, weil man so viel Willfährigkeit bei anständigen Frauen findet." Zit. n. Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 2, S. 403 Bevor um 1820 in London das erste Bordell für Damen eröffnet wird H. M. Hyde, Geschichte der Pornographie, Berlin 1969,  S. 147 , findet sich schon die Beschreibung eines solchen Etablissements im englischen erotischen Roman "Voluptarian Cabinet". Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd.5, S. 285
In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts legalisierte das britische Parlament die Prostitution und setzte die Altersgrenze für Prostituierte auf 12 Jahre fest Kate Millett, Sexus und Herrschaft, München 1974,  S. 99 , denn Jungfrauen waren des Puritaners liebstes Kind. Der Entjungferungswahn konnte mangels Nachschub nicht mehr befriedigt werden, findige Bordellbesitzer entwickelten erstaunliche Techniken der Rejungfrauisierung: eine Verengung der Vagina ließ sich durch ein Extrakt von Eicheln, Schlehen, Myrrhen und Zypressnüssen erreichen, zwei oder drei Kügelchen getrocknetes Lammblut in der Vagina sorgten für die erwarteten Blutspuren und eine operative Vernähung täuschte den Hymen vor. J. R. Spinner, Die Jungfernschaft, Leipzig 1931, S. 72f. Durch die Technik der Restaurierung stieg das Angebot enorm, gleichzeitig freilich fiel der Preis für eine Jungfrau von 50 auf knapp 5 Pfund. G. R. Taylor, Im Garten der Lüste, Frankfurt 1970,  S. 179 Um sich vor gefälschten Jungfrauen zu schützen, suchte man nach äußerlichen Erkennungsmerkmalen: Prostituierte in London, 1781
"1) Ein gefärbter Ring um die Augen war nach der Meinung der Alten ein Zeichen der verlorenen Keuschheit.
2) Die Härte des Knorpels an der Nase galt für ein Zeichen bewahrter Jungfrauschaft; ließ er sich aber durch einen Druck beim Anfühlen teilen, so war sie nicht mehr in guten Umständen.
3) Eine klar und hell tönende Stimme bezeichnete eine keusche, eine grobere hingegen eine unkeusche Jungfrau.
4) Andere haben den Zustand der Jungfrauschaft nach der Dicke des Halses beurteilen wollen und geglaubt, dass ein Mädchen alsdann noch Jungfrau sei, wenn ein Faden, den man von dem äußersten Ende der Nase bis zu dem Ende der Pfeilnath auf der Seite, wo sie sich mit der Winkelnath vereinigt, misst, um ihren Hals herumreicht.
5) Die Farbe der Warzen am Busen. Diese sollte, nach der Meinung der Alten, frisch und rosenrot sein, durch den Beischlaf aber eine andere Farbe bekommen." Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 5, S. 97 Anm.
Als Aufstand des Bürgertums hat die französische Revolution an den Sexualverhältnissen nichts geändert, schließlich waren die Jakobiner nicht weniger puritanisch und antifeministisch als norddeutsche Protestanten. George L. Mosse, Nationalismus und Sexualität, Reinbek 1987,  S. 16 Die Revolutionäre beklagten die „Effemierung“ der Männer und gaben den Frauen die Schuld am Niedergang der Sitten. Marie-Antoinette ließen sie nicht nur wegen ihrer Verschwendungs- und Verschwörungssucht hinrichten, sondern auch wegen Inzests, lesbischer Liebe und Promiskuität. FAZ 9.3.98, S. 12 Die Verurteilung Marie-Antoinettes war auch eine Verurteilung des weiblichen Geschlechts. Als Olympe de Gouges die nur aus Männern bestehende Nationalversammlung fragte, ob die Menschenrechte nur für die eine Hälfte der Menschheit gelten sollten, wurde dies offiziell bejaht Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S. 21 , die unbotmäßige Fragestellerin schließlich hingerichtet. Der Sansculotte Sylvain de Maréchal wollte Frauen sogar das Lesen verbieten lassen, um ihren Drang nach politischer Teilhabe zu dämpfen Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 71 , bis schließlich 1793 die wenigen Pariser Frauenclubs verboten wurden und der Konvent Kindern, Irren, Kriminellen und Frauen alle Bürgerrechte absprach. Dafür erfanden die Herren Revolutionäre einen neuen Nationalfeiertag, das Fest der Ehegatten. Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 214
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Marie Antoinette als Geliebte des Generals La Fayette, 1790

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