Die Trivialisierung der Sexualität in der Ehe
Während in der bäuerlichen Bevölkerung Jungfräulichkeit wenig Bedeutung hatte und nirgends die Virginität der Braut die Grundvoraussetzung für eine adäquate Heirat war Eduard Peter Becker, Leben und Lieben in einem kalten Land, Frankfurt 1990, S. 307, gewannen Ehe und Jungfernschaft eine immense Bedeutung im Bürgertum. Wie zu Zeiten des Adels die Geburt, entschied in der bürgerlichen Gesellschaft die Unversehrtheit eines Stücks Haut über die Zukunft einer Frau. Eine Zerstörung des Hymens vor der Verheiratung bedeutete oftmals den Ausschluss aus der Gesellschaft. Jungfrau, um 1900
Während viele Völker die Defloration nur als lästig betrachten und sie von Priestern, Fremden, Vätern oder berufsmäßigen Deflorateuren erledigen ließen, wollte der heiratswillige Bürger nur "eine Sache kaufen, die wirklich noch neu war und auch den Stempel der Neuheit trug". J. R. Spinner, Die Jungfernschaft, Leipzig 1931, S. 7 Das Jungfernhäutchen garantierte ihm die Legitimität des Nachwuchses und das Fehlen jeder Erfahrung, die der Frau einen Vergleich seiner sexuellen Fähigkeiten erlauben würde.
Das Problem bestand nur darin, dass der Hymen als zurückgebildete Form eines ursprünglich irgendwie vollständigeren Organs äußerst unterschiedlich sein kann. Die Variationsbreite reicht vom fast völligen Fehlen bis zu einem nur operativ zu öffnenden Verschluss. Vor allem die Gerichtsmedizin war lustvoll bemüht, zur Urteilsfindung in Vergewaltigungs- und Vaterschaftsprozessen durch die Erforschung des Hymens (der zumindest auch bei Affen, Schweinen und Maulwürfen vorkommt und wohl als Spermafänger und vielleicht auch als Schutz vor Insekten nützlich ist) beizutragen. Also wurde vermessen und - sobald die Technik erfunden war - fotografiert, doch das Ergebnis war desillusionierend: Ein intakter Hymen kann so dehnbar sein, dass er kein Beweis für Jungfräulichkeit ist, wie umgekehrt ein rudimentärer Hymenkranz keine Penetration beweist. Doch die schreckliche Ungewissheit wurde verdrängt, und in südlichen Ländern fallen auch heute noch viele Frauen, die in der Hochzeitsnacht nicht bluten, in Schmach und Schande.
Deflorierter Hymen septus

Halbmondförmiger Hymen mit vernarbtem Einrisse des freien Randes

Carunculae myrtiformes von einer Primipara

Bis vor kurzem entschied über das Schicksal eines Menschen, ob er ehelich oder unehelich geboren wurde. Ein Geschlechtsverkehr konnte ehelich sein (dann war er gar eheliche Pflicht und seine Verweigerung sündhaft) oder vorehelich oder außerehelich. Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 43. Und die Steuerschuld bemisst sich immer noch nach dem Ehestand. Für Goethe war die Ehe "der Anfang und der Gipfel aller Kultur" Johann Wolfgang von Goethe, Wahlverwandtschaften , nach der höchst erfolgreichen Frauenschriftstellerin Julie Burow ist sie wie die bürgerliche Ordnung göttlich: "Die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft, welche den Mann zum Oberhaupt der Familie, zum Hausherrn machen, beruhen auf den Gesetzen Gottes, die sich in der Natur beider Geschlechter aussprechen. Indem Ihr dem Mann Eurer Liebe gehorcht und ihm dient, befriedigt Ihr ein Bedürfnis Eurer eigenen Natur." Julie Burow, Frauen-Leben, Goldene Stufen auf dem Wege des Weibes zu Gott, Berlin 1862,  S. 13f.
Heinrich von Treitschke, Hofhistoriker Wilhelms I., sieht zur Ehe keine Alternative bis an das Ende der Geschichte Marielouise Janssen-Jureit, Sexismus, München 1976,  S. 33 , und Eduard Westermark schreibt sie gar einem Instinkt zu: "Da die Ehe für das Dasein mancher Arten von Geschöpfen unerlässlich ist, muss ihr Ursprung offenbar einem durch den mächtigen Einfluss der natürlichen Zuchtwahl zur Entwicklung gebrachten Instinkt zugeschrieben werden." Eduard Westermarck, Geschichte der menschlichen Ehe, Berlin 1902,  S. 538Anm.
Hymenprüfungsinstrumente, 19. Jh.

Liebespaar, 1832

Natürlich ist auch die bürgerliche Ehe nur ein Ausdruck wirtschaftlicher Verhältnisse. Die Frau gehört zum Besitz des Mannes. Bis zur Jahrhundertwende pries ein Brautvater bei den Belorussen während der Brautschau seine Tochter an: "Guten Abend, ihr Brautwerber, ich führe euch eine Ware vor, die nicht blind, nicht lahm ist." Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 124 In Großbritannien konnte ein Ehemann bis ins 19. Jh. vom Verführer seiner Frau eine finanzielle Entschädigung verlangen. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 316 Und in arabischen Gesellschaften muss noch heute eine Frau, die ein fremdes Kind stillt, zuvor die Genehmigung ihres Ehemannes einholen, da er Besitzer auch ihrer Milch ist. Marielouise Janssen-Jureit, Sexismus, München 1976,  S. 483 Öffentliche Ausbietung einer ehebrecherischen Frau durch den ihrer überdrüssigen Mann, England 1820
Dem entsprechend ist die Ehe primär ein Vertrag oder - wie Kant es formulierte - "die Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften". Zit. n. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 447Anm. Doch als bloßer Vertrag würde sie nicht Töchter träumen, Mütter weinen und Männer als Narren erscheinen lassen. Nein, die Einehe in ihrer ganzen Verlogenheit Anm. ist der genuine Ausdruck bürgerlichen Denkens. Sie sichert nicht nur auf der Basis der Arbeitsteilung die Erbfolge und die geschlechtliche Befriedigung des Mannes , sie ist nicht nur als Keimzelle der Familie die Agentur jedes autoritären Staates Anm., sondern seit dem 19. Jahrhundert auch noch ein Ideal. Im Zuge der Individualisierung des Menschen in der westlichen Welt wandelte sich die in Europa bis ins 19. Jh., in Indien noch heute vorherrschende ökonomisch-politische Vernunftehe Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S.17. S. a. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 5, S. 90 zur Liebesehe, der Zweck wurde überstrahlt von einem höheren Sinn. Und sie wurde ein Selbstläufer. Durch die Paarbildung in der Kleinfamilie und der immer länger werdenden Kindheit wird die Elternbindung verstärkt. Die irgendwann notwendige Loslösung reißt eine Lücke, das eintretende Bindungsdefizit wird umgehend durch eine neue Paarbindung geschlossen usw. Desmond Morris, Der nackte Affe, München 1968,  S. 96 Dass in der Einehe die Sexualität ebenso ausschließlich wie trivial wird, war solange kein Problem, als die Männer sexuelle Abenteuer außerhalb der Ehe fanden und Frauen meinten, keine sexuelle Befriedigung zu brauchen. Symbolische Darstellung der Ehe, 1504
Im 19. Jahrhundert wurden Frauen - entsexualisiert und zur unbefleckten Mutter stilisiert - unter Berufung auf ihre angebliche Natur mehr als je zuvor in die Privatsphäre abgedrängt. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 4, S. 48 Wieder lieferten Mediziner die scheinrationalen Argumente. Der britische Arzt William Acton 1857: "Die Mehrzahl der Frauen - und das ist ihr Glück - wird von sexuellen Gefühlen nicht sonderlich geplagt. Was bei Männern die Regel ist, ist bei Frauen die Ausnahme." Zit. n. Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 95 Auch Krafft-Ebing weiß: "Anders das Weib. Ist es geistig normal und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein geringes. Wäre dem nicht so, so müsste die ganze Welt ein Bordell und Ehe und Familie undenkbar sein. Jedenfalls sind der Mann, welcher das Weib flieht, und das Weib, welches dem Geschlechtsgenuss nachgeht, abnorme Erscheinungen." Zit. n. Maria Marcus, Die furchtbare Wahrheit, Reinbek 1982,  S. 39 Dr. Otto Adler behauptet 1904, "dass der Geschlechtstrieb des Weibes sowohl in seinem ersten spontanen Entstehen, wie in seinen späteren Äußerungen wesentlich geringer ist als derjenige des Mannes". Peter Gay, Erziehung der Sinne, München 1986, S. 177Anm. Und noch 1965 konnte "Die Frau von heute" im gleichnamigen Handbuch lesen: "Da die Frau ihrem Wesen nach normalerweise monogam veranlagt ist, stellt sie sich, wenn sie wirklich liebt, völlig auf den einen Mann ein. Er wird seelisch zu einem Teil ihrer selbst, eine Trennung kommt einer schmerzhaften Amputation gleich. So erklärt sich die Unmöglichkeit häufigen Wechsels für die Frau." Die Frau von heute, Gütersloh 1965,  S. 135 Krafft-Ebing, um 1900
Nur wenige Menschen verweigerten sich dieser als bürgerlich gleich naturgewollten Ordnung, z. B. John Stuart Mill: "Von all den vulgären Arten, sich der Betrachtung der gesellschaftlichen und moralischen Einflüsse auf das menschliche Bewusstsein zu entziehen, besteht die vulgärste darin, die Unterschiede des Verhaltens und des Charakters auf angeborene, naturgegebene Unterschiede zurückzuführen." Zit. n. Anne Fausto-Sterling, Gefangene des Geschlechts? München 1985,  S. 175 Charles Fourier wies darauf hin, dass das Maß, in dem Frauen emanzipiert sind, wohl der natürliche Maßstab der allgemeinen Emanzipation sei E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 324Anm., und der Ehevertrag, den der Führer der amerikanischen Anti-Sklaverei-Bewegung, Henry Blackwell, 1855 mit der Frauenrechtlerin Lucy Stone schloß beweist, dass Emanzipation auch unter widrigen gesellschaftlichen Bedingungen möglich ist: "Während wir unsere gegenseitige Liebe dadurch öffentlich bekunden, dass wir in den Ehestand treten ... erscheint es uns als unsere Pflicht zu erklären, da diese Handlung keine Sanktion oder das Versprechen freiwilligen Gehorsams den gegenwärtigen Ehegesetzen gegenüber mit sich bringt; Gesetzen, die sich weigern, die Frau als ein unabhängiges, rationales Wesen anzuerkennen, während sie dem Mann eine ungesunde und unnatürliche Überlegenheit zugestehen ... wir protestieren insbesondere gegen die Gesetze, die den Mann zu folgendem berechtigen:
1) zur Vormundschaft über die Person seiner Frau
2) zur ausschließlichen Kontrolle und Macht über die Kinder
3) zum alleinigen Besitz ihrer Person und der Benützung ihres Eigentums, es sei denn bereits vorher an sie überschrieben gewesen oder Treuhändern anvertraut worden, wie dies bei Minderjährigen, Wahnsinnigen und Idioten der Fall ist
4) zum absoluten Recht auf das Produkt ihrer Arbeit;
5) ebenfalls protestieren wir gegen jedes Gesetz, das dem Witwer einen größeren und dauerhafteren Anteil an dem Besitz seiner verstorbenen Frau gewährt als der Witwe an dem Besitz ihres verstorbenen Mannes.
6) und endlich gegen jedes System, wodurch die "gesetzliche Existenz der Frau während der Zeit ihrer Ehe aufgehoben ist", so dass sie in den meisten Staaten weder ihren Wohnort mitbestimmen, noch ein Testament verfassen kann, in ihrem eigenen Namen weder verklagen noch verklagt werden, und keinen Besitz haben kann." Zit. n. Kate Millett, Sexus und Herrschaft, München 1974,  S. 97
Dabei hatte eben erst der Londoner Gerichtshof bestätigt, "für das Glück und die Ehre beider Parteien unterliegt die Frau der Vormundschaft des Mannes, und dadurch ist er berechtigt, ... sie vor den Gefahren uneingeschränkten Umgangs mit der Welt zu schützen, indem er Beischlaf und einen gemeinsamen Wohnsitz erzwingt." Zit. n. Reay Tannahill, Kulturgeschichte der Erotik, Wien 1982,  S. 366
Gewiss mutet es barbarisch an, wenn noch am Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Balkan Frauen während einer längeren Abwesenheit ihrer Männer schwer entfernbare Gegenstände in die Vagina eingeführt wurden oder Säuren, die eine mehrwöchige Entzündung hervorrufen Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909),  Bd. 1, S. 334 , aber in christlichen Staaten ging es kaum humaner zu: Als Simpson 1847 Chloroform verwendete, um die Schmerzen Gebärender zu lindern, protestierte die anglikanische Kirche: Die Frau habe in Schmerzen zu gebären. Königin Viktoria, die selbst sechs Geburten hinter sich hatte, entschied schließlich 1853 gegen den Wunsch der anglikanischen Kirche für die Anwendung von Chloroform bei Entbindungen. G. R. Taylor, Im Garten der Lüste, Frankfurt 1970,  S. 198
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Keuschheitsgürtel (Würzburg)

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