Die Erfindung der Sexualwissenschaft
Die Überhöhung der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft ist nur die Kehrseite ihrer Verachtung. Würde man die Werke bedeutender Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler an ihren Erkenntnissen über die Frau messen, könnten wir den größten Teil unseres Kulturgutes auf den Müll werfen. Die Ausnahmen sind wie immer selten: Ein modernes Verständnis von Sexualität, ohne dass dieser Begriff schon gebräuchlich gewesen wäre Anm., findet sich erstmalig bei Wilhelm von Humboldt. Unter dem Begriff "Zeugungstrieb" notierte er 1827 in einem fragmentarischen Entwurf: "Umgang beider Geschlechter miteinander. Umgang jedes Geschlechts mit sich. Umgang mit Thieren. Umgang mit sich." Zit. n. Hans Jörg Sandkühler, Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaft, Hamburg 1990,  Bd. 4, S. 278
Georg Ludwig Kobelt veröffentlichte 1844 die bis dahin detaillierteste Beschreibung der Klitoris und wies auf die geringe Bedeutung der Vagina für das Lustempfinden der Frau hin. Von Felix Roubaud stammt eine fast exakte Beschreibung des Koitus aus dem Jahre 1855 Anm. - vergessene Arbeiten, in denen die genaue naturwissenschaftliche Beobachtung menschlicher Verhaltensweisen und Eigenschaften noch dominierte. Doch allmählich löste der Begriff "Sexualität" das geschlechtliche Verhalten des Menschen von seinem Sein, machte es zu einem eigenständigen Phänomen. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 137 Und sofort kam die Zeit des Klassifizierens, Wertens, der gefährlichen Vermischung von Ideologie und Wissenschaft: Krafft-Ebings berühmte "Psychopathia sexualis" untersuchte weniger Sexualität als ihre Abarten und Abartigkeiten, die er ganz konservativ auf das Grundübel Masturbation zurückführte. Edward M. Brecher, Vom Tabu zum Sexlabor, Reinbek 1971,  S. 75
Klitoris
Ein romantisch veranlagter junger Mann lernt in einer Bar ein reizendes rothaariges Mädchen kennen. Ihre kultivierte Art und ihre Bildung machen großen Eindruck auf ihn, und er ist betroffen, als er schließlich erfährt, dass sie auf den Strich geht. Er weigert sich, mit ihr zu schlafen, mit der Begründung, dass das ja alle ihre Kunden machen, gibt ihr jedoch die 50 Mark, die sie verlangt, unter der Bedingung, dass sie in ihr Zimmer zurückkehrt und den Abend allein mit einem guten Buch verbringt. Sie findet sein sichtliches Interesse an ihrer Person sehr rührend und fragt ihn, ob ihm statt dessen ein "Ärmelakt" recht wäre, den sie ihren Kunden sonst nie offeriert. Er willigt ein, aber unterwegs verlässt ihn der Mut. Er schenkt ihr alles Geld, das er bei sich hat, und bittet sie, dieses schreckliche Leben aufzugeben und sich einen anständigen Beruf zu suchen. Nachher begegnet er ihr mehrmals rein zufällig in verschiedenen Lokalen, weigert sich aber stets, sie auf ihr Zimmer zu begleiten, und erklärt sich schließlich sogar bereit, sie zu heiraten, um sie zu bessern. Aus Dankbarkeit verspricht sie ihm für die Hochzeitsnacht den "Ärmelakt". Er macht sie mit seinen Angehörigen bekannt, kauft ihr eine Aussteuer und ein italienisches Sportauto, und sie werden getraut. In der Hochzeitsnacht erinnert er sie an ihr Versprechen, das sie völlig vergessen hatte. Sie versucht, es ihm auszureden und schlägt ihm vor, statt dessen den Beischlaf auszuüben, zeigt ihm ihre Brüste und öffnet ihr Negligé auf der Rückseite, um ihn mit anderen "Spezialitäten" zu reizen. Er aber besteht auf den versprochenen "Ärmelakt". "Na schön", sagt sie. "Geh ins Badezimmer, seife Dich von oben bis unten ein und komm dann wieder." Er seift sich ein, verlässt in aller Hast das Badezimmer, rutscht auf einem Stück Seife aus, fällt hin, bleibt tot liegen und hat also nie erfahren, was ein "Ärmelakt" ist.
Durch die Katalogisierung sexueller Ungewöhnlichkeiten, spottet Gunter Schmidt, "wurde das gefährliche Chaos der ungewöhnlichen Sexualität wenigstens übersichtlich; außerdem kann man das, was gefährlich ist, besser verfolgen, wenn es benannt ist. Beim Namen genannt, ist schon so gut wie erwischt." Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S. 9 Bezeichnend ist das Phänomen modischer Abarten: Nachdem 1877 französische Zeitungen von einem Gärtner berichteten, der sein Glied an einer Venusstatue rieb, fand der Pygmalionismus viele Nachahmer. Wenige Jahre später war diese Abart fast vergessen.
Was früher Sünde war, wurde zur Krankheit, an die Stelle des Inquisitors trat der Arzt. Die christliche Verzichtsmoral lebt - gar gefestigt - weiter im ärztlichen Rat zur Mäßigung, in der Verdammnis aller angeblich ungesunden Genüsse. Analog zur Individualisierung, mit der jeder sich selbst immer wichtiger wurde, übernahm der Arzt als Betreuer des Leibes die Funktion des Priesters. Als „Götter in Weiß“ verkörpern sie den modernen, säkularisierten Klerus. Gewiss, die Strafen für abweichendes Verhalten waren jetzt weniger hart, freilich auf Kosten einer teilweisen oder vollständigen Entmündigung des Menschen zum Patienten. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 406 "Wo man einst annahm, Menschen mit sexuell abweichendem Verhalten hätten ihre Seele verloren, bekundete man jetzt, sie hätten den Verstand verloren." E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 408
Sittlichkeitsverbrecher, 1900
Ärzte diagnostizieren Irrsinn bei einer Frau, 1886
Vor allem Frauen bekamen dies zu spüren. 1827 hatte Karl Ernst von Baer die weibliche Eizelle untersucht und damit das Geheimnis der Zeugung ein wenig weiter entschlüsselt. Schnell wurde das Produktionsorgan des Eis zum Synonym für Frau: "Nur wegen des Eierstocks ist die Frau, was sie ist", verkündete eine medizinische Kapazität Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 200 , und sein Kollege formulierte den Satz, der hundert Jahre lang gebildete Stammtischbrüder gar köstlich amüsierte: "Eine Frau existiert nur dank ihrer Eierstöcke." Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 172 Was also lag näher, als bei sexuell oder mental auffälligem Verhalten von Frauen ihnen ihre im übrigen meist gesunden Eierstöcke operativ zu entfernen - eine Form der Körperverletzung, die mittelalterlichen Strafen in nichts nachsteht, allerdings auch den unerwünschten Beweis erbrachte, dass die sexuelle Aktivität beim Menschen nicht an eine Fortpflanzungsfunktion gebunden ist, empfinden doch auch Frauen, denen die Eierstöcke entfernt wurden, sexuelle Lust. Jean-Didier Vincent, Biologie des Begehrens, Reinbek 1990, S. 305 Sie doch, die große Fifine, die man für eine Venus gehalten hätte, ist ja der reinste Fettkloß. Honoré Daumier, 1839
Die erschreckende Dummheit ärztlicher Ratschläge, die absurden Fehldiagnosen im Zusammenhang mit weiblicher Sexualität sind nur aus dem üblichen ärztlichen Missbrauch medizinischer Ahnung zur Bestätigung ideologischer Vorurteile erklärbar. So behaupteten Ärzte des 19. Jahrhunderts, unterschiedliche Zellen bei Mann und Frau würden das männliche Geschlecht aktiv, das weibliche passiv machen. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 18 Da das Kleinhirn als Sitz des Geschlechtsinstinktes galt, beweise der meist zartere weibliche Nacken, der kein großes Cerebellum enthalten könne, die gemäßigte sexuelle Begehrlichkeit der Frau. Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 238 Häufiger ehelicher Geschlechtsverkehr, und als häufig galten schon zwei Akte pro Woche, sei gesundheitlich ruinös, jede Selbstbefriedigung vernichtend. Der amerikanische Gesundheitsfanatiker Kellog empfahl bei hartnäckigen Masturbanten eine Beschneidung ohne Narkose, weil "der Schmerz bei der Operation eine heilsame Wirkung auf den Geist hat". Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S. 41 Anm. Französisches Bordell um 1900, auch Ärzten nicht ganz unbekannt
Professor Fouchet narrte die Frauen, indem er erklärte, eine Befruchtung sei vom 12. Tag nach dem Ende der Menstruation bis einige Tage nach der folgenden Menstruation unmöglich Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 193 , andere sprachen allen Frauen über 50 jedes Bedürfnis nach Sexualität ab, bei Männern über 50 beschleunige sie den Tod Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 4, S. 555 , und der Präsident der Amerikanischen Gynäkologischen Vereinigung dichtete 1900:
"Manches junge Leben wird in der Brandung der Pubertät beschädigt und für alle Zeiten ruiniert; wenn es dieser unverletzt entkommt und nicht an der Klippe des Gebärens scheitert, kann es immer noch in den ständig wiederkehrenden Untiefen der Menstruation auf Grund laufen und am Ende an dem letzten Riff der Menopause zerschellen, bevor es im ruhigen Gewässer des Hafens Schutz findet, wo die sexuellen Stimmen es nicht mehr erreichen können." Zit. n. Anne Fausto-Sterling, Gefangene des Geschlechts? München 1985,  S. 131
Manche Sexualwissenschaftler waren schlicht verwirrt wie Otto Weininger Anm.: Die Frau sei die verkörperte Geschlechtlichkeit des Mannes, seine fleischgewordene Schuld. Und dann fügt der Jude Otto Weininger voller Selbsthass noch hinzu: "Die Juden verhalten sich wie Frauen, sie können ihre Leidenschaften nicht bezähmen." Zit. n. George L. Mosse, Nationalismus und Sexualität, Reinbek 1987,  S. 27
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Dirne, Felicien Rops, um 1880

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