Und wer befreit uns von Freud?
Im viktorianischen Treibhaus der Prüderie behielten nur wenige einen kühlen Kopf. Bereits 1813 hatte Shelly in „Queen Mab“ behauptet: "Die Keuschheit ist ein evangelischer und mönchischer Aberglaube, sie ist ein noch ärgerer Feind der natürlichen Enthaltsamkeit als die geistige Sinnlichkeit, denn sie zerstört die Wurzeln aller häuslichen Freuden und hält mehr als die Hälfte der menschlichen Rasse im Leid gefangen, das manche gesetzlich monopolisieren können." Zit. n. Maria-Antonietta Macciocchi, Jungfrauen, Mütter und ein Führer, Berlin 1976,  S.12 Fourier plädierte 1841 dafür, dass Jungen und Mädchen vom 16. Lebensjahr an Geschlechtsverkehr ausüben dürfen Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 190 , und in den USA stellte Robert D. Owen fest: "Die Unterdrückung des Fortpflanzungsinstinktes macht den Menschen ängstlich, missmutig, sogar kränklich." Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 190 Der frühe Ludwig Thoma überrascht weniger durch dichterisches Können als durch die Verteidigung eines entpersonalisierten Sexualverkehrs:
„Als ich gestern lag in meinem Bette,
Klopfte es so gegen Mitternacht.
Meine Meinung war, es sei Jeannette,
Und natürlich hab' ich aufgemacht.
Leise kam es jetzt hereingeschlichen,
Setzte sich an meines Bettes Rand,
Hat mir über meinen Kopf gestrichen
Mit der ziemlich großen, dicken Hand.
Doch ich merkte bald an ihren Formen:
Dieses Weib ist ja Jeannette nicht,
Deren Hüften nicht von so enormem
Umfang sind und solchem Schwergewicht.
Trotzdem schwieg ich. Denn ich überlegte:
Nicht das Wer, das Wie kommt in Betracht,
Außerdem, die Absicht, die sie hegte,
War entschieden löblich ausgedacht.
Was bedeutet dieserhalb ein Name?
In der Liebe ist das einerlei.
Man verlangt nur, dass es eine Dame
Und von angenehmem Fleische sei.“ Zit. n.Heinz Ludwig Arnold, Komm. Zieh dich aus. Das Handbuch der lyrischen Hocherotik deutscher Zunge, Zürich 1991, S. 286
Und Havelock Ellis widersprach den vorwiegend deutschen Perversionsforschern vom Schlage Kraft-Ebings und Weiningers: "Die meisten sexuellen Perversionen, auch die abstoßenden, sind nichts als Übersteigerungen von Instinkten und Emotionen, die allen normalen menschlichen Emotionen als Keim innewohnen." Zit. n. Edward M. Brecher, Vom Tabu zum Sexlabor, Reinbek 1971,  S. 61Anm. Solch nüchterner Umgang mit der Sexualität war selten und fast wirkungslos.
Über die Jahrtausendwende hinaus dagegen reicht die Wirkung Freuds. So verwunderlich dies auch sein mag, so ist es doch nicht überraschend. Denn Freud war vor allem ein Ideologe der bürgerlichen Moral Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 52 , der sie durch seine Modernisierung nur festigte. Was Professor Freud über Kastrationsangst und Penisneid, über den Ödipuskomplex, über Sadisten, Masochisten, Invertierte Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 5, S. 261 - so nannte Freud die Homosexuellen - und Masturbanten schrieb, spielt nicht nur in der nordamerikanischen Psychoanalyse immer noch eine immense Rolle, und ist doch oft nur fragwürdig, wenn nicht gar lächerlich: "Wahrscheinlich bleibt keinem männlichen menschlichen Wesen beim Anblick der weiblichen Genitalien der entsetzliche Schock der Kastrationsdrohung erspart." Zit. n. Edward M. Brecher, Vom Tabu zum Sexlabor, Reinbek 1971,  S. 80 Auch der Ödipuskomplex, abgeleitet vom legendären griechischen König Ödipus, der unwissentlich seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete und - als Symbol für seine Kastration - mit Blindheit geschlagen wurde, enstspringt weniger der Erkenntnis als dem Glauben. Anm.
Freud nahm an, dass jedes Kind eine enge erotische Beziehung zum gegengeschlechtlichen Elternteil entwickelt und ein Rivalitätsgefühl gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Derartige kindliche Inzestwünsche hielt schon Hirschfeld nicht für ein die Geschlechtstriebrichtung bestimmendes Moment. Jos van Ussel verweist auf die Entstehung der Kleinfamilie als Voraussetzung für die Entdeckung dieses Komplexes: "Es ist durchaus möglich, dass diese Familienschrumpfung uns eine Erklärung dafür geben kann, weshalb am Ende des 19. Jh., und zwar in bürgerlichen Milieus, von Freud der Ödipuskomplex entdeckt wurde." Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 93 Und Guha hat ausnahmsweise einmal Recht, wenn er schreibt: "Die Söhne morden die Väter nicht, auch nicht in der Phantasie. Sie kuschen - und warten, sich mit ihnen gerade identifizierend, bis sie selbst Vater werden." Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 300
Puritanisch war Freuds Verdammnis der Masturbation: "Sie verdirbt den Charakter durch Verwöhnung ... indem sie bedeutsame Ziele mühelos, auf bequemen Wegen, anstatt durch energische Kraftanstrengung erreichen lehrt." Zit. n. Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 383 Und wenn Freud z. B. von einem kleinen Mädchen behauptet: "Es bemerkt den auffällig sichtbaren, groß angelegten Penis eines Bruders oder Gespielen, erkennt ihn sofort als überlegenes Gegenstück seines eigenen, kleinen und versteckten Organs und ist von da an dem Penisneid verfallen" Zit. n. Kate Millett, Sexus und Herrschaft, München 1974,  S. 239 , gibt dies nur einen Sinn, wenn das kleine Mädchen ganz in der Tradition Augustinus´ und Thomas von Aquins  den Mann als Norm und sich als unvollkommen sieht. Andernfalls könnte sie den Penis als Auswuchs begreifen, auf den sie nicht neidisch zu sein braucht. Kate Millet, die in ihrem Buch „Sexus und Herrschaft“ überaus amüsant die ideologische Beschränktheit Freuds vorführt, vermutete zurecht, dass sich wohlerzogene Mädchen der männlichen Überlegenheit bewusst sind, bevor sie einen Penis gesehen haben. Kate Millett, Sexus und Herrschaft, München 1974,  S. 233ff.
Freuds Frauenbild war konventionell wie seine Zeit, wenn er als die drei herausragendsten Kennzeichen der weiblichen Persönlichkeit Passivität, Masochismus und Narzissmus erkennt Kate Millett, Sexus und Herrschaft, München 1974,  S. 255 und dies auch noch der weiblichen Natur zuschreibt. Maria Marcus, Die furchtbare Wahrheit, Reinbek 1982,  S. 110 Oder wenn er meint, die weibliche Bescheidenheit sei bei Frauen ursprünglich dazu bestimmt gewesen, "den Defekt des Genitales zu verdecken", die Schamhaare seien nur eine Reaktion der Natur, um ihren Fehler bei der Entwicklung der weiblichen Anatomie zu verstecken. Kate Millett, Sexus und Herrschaft, München 1974,  S. 248 Und nur puritanische Sexbesessenheit kann ihn auf den Gedanken gebracht haben, Frauen hätten das Flechten und Weben erfunden, um den Defekt ihres Geschlechts zu verbergen. Kate Millett, Sexus und Herrschaft, München 1974,  S. 248
Nein, Freuds Bedeutung liegt in der Wiederentdeckung alten Wissens über kindliche Sexualität und in dem Versuch, weibliche Sexualität männlichen Normen anzupassen.
Mutig, weil einen absehbaren Skandal provozierend, war Freuds Erklärung psychischer Defekte Erwachsener durch sexuelle Kindheitserlebnisse, galten doch Kinder im Bürgertum als asexuell, unschuldig. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 147 Dass die braven Kleinen, von denen Freud selbst anfangs annahm, sie würden asexuell geboren und bis zur Pubertät sexuell nicht reagieren Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frankfurt 1975,  S. 87, Inzestwünsche entwickeln sollen, war für das Bürgertum, das es aus eigener Anschauung freilich hätte besser wissen können, schockierend. Kindersexualität, 1875
Dafür befreite er es vom Trauma der klitoralen Sexualität der Frau. Leugnen ließ sie sich zwar nicht, aber doch verleumden. Die Klitoris als natürlicher Ort der Lust Anm. war ein doppeltes Problem. Zum einen macht sie die Frau sexuell unabhängig, zum anderen gefährdet sie die Bereitschaft zum reproduktiven, heterosexuellen Geschlechtsverkehr. Freud erklärte daher die klitorale Sexualität für infantil und verlangte von der erwachsenen Frau, ihre sexuelle Erfüllung in der Vagina, einem recht unempfindlichen, dafür aber zum Penis passenden Schlauch zu finden. Die Klitoris, eine Art Spankienholz, dürfe nur dazu dienen, "das härtere Brennholz in Brand zu setzen". Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben, Frankfurt 1992,  S. 264 Klitoris
Durch Freud wurde die passive, den Penis benötigende Vaginalerotik von einem religiösen Gebot zur (pseudo-)wissenschaftlichen Norm. Millionen Frauen, die nie einen vaginalen Orgasmus erreichen konnten, mussten sich unreif, frigide fühlen. Noch in den 50er Jahren plapperten Aufklärungsbücher diesen Freudschen Unsinn nach: "Bei körperlich und geistig vollkommen gesunden Frauen (die heutzutage leider in der Minderheit sind) ist der hintere Teil der Scheide am empfindlichsten ... Man kann deshalb sagen, dass der Sitz der geschlechtlichen Befriedigung bei der Frau der hintere Teil der Scheide ist." Sexologie, Dischingen o. J., S. 31 "Bei einer reifen Frau wird sich im Laufe der Ehe dieses Empfindungszentrum von der Klitoris auf die Vagina und den Scheidenvorhof mit den Schamlippen verlagern. Bleibt diese Verlagerung aus, und ist die betroffene Frau nur über die Klitoris, nicht über Schamlippen und Vagina erregbar, handelt es sich um eine Störung in der normalen Entwicklung." Hans J. Jörgensen, Die Praxis der weiblichen Triebbefriedigung, Stuttgart 1964,  S. 16 Äußeres Genital einer Frau, männliches Geschlecht vortäuschend, 1900
Fünf derart verstörte Frauen lieferten sich in ihrer Verzweiflung sogar dem Messer des Wiener Professors Halban aus. Auf Vorschlag der Freud-Schülerin Marie Bonaparte verkürzte Professor Halban operativ den Abstand zwischen Vagina und Klitoris, um den Frauen den gebotenen vaginalen Orgasmus zu erleichtern. Anne Koedt, Der Mythos vom Vaginalen Orgasmus, in: M. Vaerting, Neubegründung der Psychologie von Mann und Weib, Karlsruhe 1921, (Raubdruck v. 1974, Anhang S. 4) Keinem Staatsanwalt kam es auch nur in den Sinn, diesen Prof. Halban wegen Körperverletzung anzuklagen. Prof. Schmerz aus Graz aber wurde zur gleichen Zeit wegen Körperverletzung sogar verurteilt, weil er einige Männer auf deren Wunsch hin sterilisiert hat. Die Urteilsbegründung entlarvt diese nicht nur im Sprachgebrauch verkommene Justiz: "Dass nun die Beraubung eines Mannes seiner Zeugungsfähigkeit bei Belassung der Möglichkeit eines Geschlechtsverkehrs, nur zur Befriedigung sinnlich erotischer Triebe, vom ethisch-moralischen Standpunkt nach dem unter der Mehrheit der Bevölkerung herrschenden Anschauungen unserer Rasse als Kulturvolk verwerflich ist, und somit gegen die guten Sitten verstößt, bedarf wohl keiner Begründung." J. R. Spinner, Die Jungfernschaft, Leipzig 1931, S. 316
Die Sexualwissenschaft mit ihrer Normierung, ihren häufig nur ideologisch gesicherten Erkenntnissen, hat vielfach selbst erst die Probleme erschaffen, die zu heilen sie sich aufdrängt. Als bürgerliche Wissenschaft muss sie Einzelerscheinungen aus ihrem sozialen, politischen, religiösen Kontext lösen, weil sie andernfalls zur Systemkritik gezwungen ist. Und noch ist der Zeitpunkt nicht absehbar, zu dem Systemkritik karriereförderlich sein könnte.
Ärzte begutachten eine Frau, 1911

Transvestit, 1998

21jähriger Mann mit weiblichem Habitus, 1900

Immerhin haben wir Dank der unermüdlichen Klassifizierer menschlichen Sexualverhaltens z.B. den exhibitionistischen, koprophil-inzestuös-pädophilen Fetischisten entdeckt (das ist ein Mann, der öffentlich in die schmutzigen Windeln seiner kleinen Tochter masturbiert E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 291 ), und dank der Psychoanalyse kann dieser Mann wenn schon nicht geheilt, so doch therapiert werden.
© 2001 Karl Pawek pawek@web.de
Weib mit männlichem Habitus, 1900

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