Problematische Naturen
Ein Mann gesteht seinem Psychiater, dass er sexuell an Pferden interessiert ist. "An männlichen oder weiblichen Tieren?" fragt ihn der Psychiater. Der Patient ist entrüstet. "Halten Sie mich für schwul?"

Am interessantesten für Sexualnormierer waren und sind Menschen mit homosexuellen Verhaltensweisen. Es würde zwar genügen, ihnen wie z.B. Vegetariern das Recht auf Einseitigkeit zuzugestehen und das Problem Homosexualität gäbe es nicht mehr. Aber da auch Homosexualität kein sexuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem ist, funktioniert dieser Lösungsvorschlag nicht.

Männerausflug 1937
Homosexuelles Verhalten, das die Natürlichkeit strenger Scheidung zwischen männlich-weiblich und damit eine Grundlage unserer Sexualmoral, ja unserer Gesellschaftsorganisation leugnet, gefährdet die Substanz. Allerdings wird die Trennung der Menschheit in Männer und Frauen, obwohl sie weitgehend gesellschaftlichen und weniger biologischen Ursprungs sein dürfte, sogar unter Homosexuellen, die es besser wissen könnten, praktiziert. Solange Jean Genet ein armer homosexueller Junge war, musste er die Rolle des weiblichen Teils, der Tunte spielen. Als er älter, berühmt und wohlhabend geworden war, wurde er der männliche Partner. Kate Millett, Sexus und Herrschaft, München 1974,  S. 28 Michelangelo, Bestrafung der Sodomie
Immerhin leben die meisten Homosexuellen ihre Lust effektiver und ehrlicher und spotten dabei der jüdisch-christlichen Sexualmoral. Erkennungszeichen (ein kleiner goldener Ohrring im linken Ohr) und sexuelle Signale (Schlüsselbund über der linken Gesäßtasche getragen = will aktive Rolle, rechts = passiv; Farbe des Taschentuchs in der Gesäßtasche: hellblau = Oralverkehr, dunkelblau = Analverkehr, hellrot = Penetration mit der Faust) erleichtern und beschleunigen das Finden eines Partners. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 5, S. 326 Anstelle der heterosexuellen Verführung tritt die homosexuelle Vereinbarung mit präziser Angabe der Wünsche. Die verbale Kommunikation ist nebensächlich: "Oft ist der Vorname, nach dem Geschlechtsakt geflüstert, die einzige sprachliche Kommunikation, bevor die Partner auseinandergehen." Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 60 Entsprechend häufiger praktizieren sie Sexualität. Die homosexuellen Aktivitäten pro Person und Jahr belaufen sich in der Altersgruppe der 18 bis 40jährigen auf 249, davon sind allerdings 138 nur masturbatorische Akte. Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 79 Das stärkere Ausleben der sexuellen Lust unter Homosexuellen scheint eine der Wurzeln für den manchmal gar nicht geheimen Neid, ja Hass auf Homosexuelle zu sein. Martin Dannecker, Das Drama der Sexualität, Frankfurt 1987,  S. 157 Häufig entsprechen Homosexuelle, von denen sich sogar dem Naziregime viele anbiederten, in ihrem staatsbürgerlichen Verhalten nicht dem Heldenideal des autoritären Staates und stehen daher auch politisch außerhalb der Norm. Anm.
Wie dem Juden seinen Glauben sieht man den meisten Homosexuellen ihre Homosexualität nicht an, man muss es wissen, um empört sein zu können. Das Ärgernis entsteht also erst im Kopf des Wertenden. Weibliche Homosexuelle, die keinen Samen vergeuden, haben Verfolgung und Strafe daher auch nur zu fürchten, wenn sie die Norm verletzen, d. h. männliche Kleidung tragen. Männlichen Homosexuellen drohte dagegen die Todesstrafe in Preußen bis 1851, in England bis 1861, in Schottland bis 1889. George L. Mosse, Nationalismus und Sexualität, Reinbek 1987,  S. 39 Eine rühmliche Ausnahme machte das bayerische Strafgesetz von 1813. Es sah Straflosigkeit vor für "widernatürliche Unzucht" mit der Begründung, sie überschreite zwar die Gesetze der Moral, verletze jedoch nicht die Rechte Dritter. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 393
In Deutschland rief als erster der Jurist Karl Heinrich Ulrichs (1825 - 1895) dazu auf, die Verfolgung Homosexueller zu beenden. Anm. Er wurde dafür in einem gerichtsmedizinischen Handbuch für geisteskrank erklärt. George L. Mosse, Nationalismus und Sexualität, Reinbek 1987,  S. 174 1897 richtete der junge Arzt Magnus Hirschfeld eine Petition zur Änderung des § 175 an die gesetzgebenden Körperschaften des Deutschen Reiches, unter den 6000 Unterzeichnern waren Virchow, Einstein, Bebel. Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S. 119 Die Aktion blieb vergeblich. Nach dem ersten Weltkrieg gründete Hirschfeld das erste Institut für Sexualwissenschaft in Berlin und wurde neben Freud, der ihn schlaff und unappetitlich nannte George L. Mosse, Nationalismus und Sexualität, Reinbek 1987,  S. 179 , zum bekanntesten deutschen Sexualforscher. Trotzdem lud ihn sein Kollege Albert Moll als Präsident nicht zum 1. Internationalen Kongress für Sexualforschung ein, u. a. wegen Hirschfelds "problematischer Natur, über die mir sehr viel Material vorliegt, das ich aber heute und ohne Zwang nicht veröffentlichen will". Martin Dannecker, Das Drama der Sexualität, Frankfurt 1987,  S. 65 Auch unter Sexualwissenschaftlern galt Homosexualität als verächtlich, ja ausmerzenswert. In der Annahme, die Hoden Homosexueller produzieren zu viele weibliche Hormone, wurden viele Homosexuelle einseitig kastriert und erhielten Hodengewebe heterosexueller Männer übergepflanzt. Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S. 13
Während des Nationalsozialismus, Hirschfelds Institut war schon im Frühjahr 1933 von Studenten gestürmt und für die bevorstehende Bücherverbrennung geplündert worden, wurden ca. 50 000 den Nazis nicht genehme Homosexuelle in KZs eingeliefert und viele von ihnen dort gezwungen, mit einer Frau zu koitieren. Je nach ihrer sexuellen Reaktion wurden sie freigelassen oder getötet. George L. Mosse, Nationalismus und Sexualität, Reinbek 1987,  S. 211
Nach dem 2. Weltkrieg wurden in Deutschland die überlebenden Homosexuellen z. T. von denselben Richtern, die sie unter den Nazis verurteilt hatten, ins Gefängnis geschickt. Um so überraschter war die Öffentlichkeit, als sie aus amerikanischen Untersuchungen erfuhr, dass 37% aller Männer und 13% aller Frauen nach ihrer Pubertät zumindest ein homosexuelles Erlebnis hatten, das zum Orgasmus führte. Kinsey, selbst bisexuell, hielt jede Unterteilung in Hetero- und Homosexuellen für falsch: "Alles Leben ist in jeder Hinsicht ein Kontinuum. Je früher wir das im Hinblick auf das menschliche Sexualverhalten lernen, um so eher werden wir die Wahrheit über die Sexualität begreifen." Zit. n. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 238 Ähnlich Paul Veyne: "Die Menschen sind keine Tiere, und in der physischen Liebe spielt der Geschlechtsunterschied nicht die entscheidende Rolle." Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 49 Und sogar ein überaus seriöser Historiker wie Aries hält die Stadien und den Sport für ein Sicherheitsventil der normalen männlichen Homosexualität. Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,S. 49; Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,S. 95
Trotzdem bemühte sich die Sexualwissenschaft weiter, das Übel auszumerzen. Nachdem ein DDR-Wissenschaftler glaubte, die Ursachen der Homosexualität im Hirn lokalisieren zu können, verkohlten westdeutsche Chirurgen bei 30 Männern durch das Einführen einer elektrischen Sonde diejenigen Teile des Zwischenhirns, in denen man das verweiblichte Sexualzentrum vermutete. Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S. 124f. Schwedische Ärzte nahmen zwischen 1944 und 1963 rund 4500 Gehirnoperationen vor an Menschen, die als krank galten. Unbewusst bestätigten sie dabei, dass Homosexualität nicht ein Vergehen wider die Natur, sondern wider die Ideologie ist. Denn als krank und behandlungsbedürftig erkannten diese Ärzte neben Homosexuellen auch Kommunisten. NZZ 8.4.98, S. 48
Aber noch 1975 klassifizierte die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung Homosexualität als Geisteskrankheit. Philippe Ariès u. a., Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt 1986,  S. 55 Und 1982 erklärte ein französischer Bischof: "Ich respektiere die Homosexuellen als Kranke. Aber wenn sie ihre Krankheit als Gesundheit ausgeben wollen, dann muss ich sagen: damit bin ich nicht einverstanden." Eine Gruppe Homosexueller verklagte daraufhin den Bischof wegen übler Nachrede. Das Landgericht Straßburg erklärte die Klage für unzulässig, wies sie ab und verurteilte die Kläger zu 20 000 Francs Schadensersatz an den Bischof. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 5, S. 175
Und erst jüngst versuchte der schwule Neurologe LeVay den Nachweis, dass bei homosexuellen Männern eine Neuronengruppe des Hypothalamus, der Nucleus INAH 3, wesentlich kleiner ist als bei heterosexuellen Männern und etwa gleich groß wie bei Frauen. Auffällig sei auch, dass eine ganze Gruppe von Markern, die in der sogenannten Xq-28-Region liegt, bei homosexuellen Brüdern in mehr als 50% der Fälle identisch ist. LeVay, Simon, Keimzellen der Lust, Heidelberg 1994, S. 197 Auch seien schwule Männer bei Wasserspiegeltests Anm. durchschnittlich näher bei den Frauen als bei den von heterosexuellen Männern erzielten Ergebnissen. LeVay, Simon, Keimzellen der Lust, Heidelberg 1994, S. 165 Aber obwohl sich LeVay selbst nicht sicher ist, ob strukturelle Unterschiede in den Hirnen hetero- und homosexueller Männer bereits bei der Geburt bestanden oder erst im Verlauf des Erwachsenenlebens aufgrund des Sexualverhaltens entstanden sind, vermutet er genetische Ursachen für homosexuelles Verhalten. Dem widerspricht, dass Homosexualität ein Bewusstseinsakt ist. Betrachten wir den Fall eines querschnittsgelähmten Mannes. Bei Berührung seines Penis wird dieser Mann, ohne dass der Reiz sein Hirn erreichen kann, eine Erektion haben. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985, S. 35 Lassen wir nun das Schicksal noch grausamer sein, stellen wir uns vor, der Mann sei auch noch blind. Eine manuelle oder orale Stimulation seines Penis wird er, gleichgültig, welche sexuellen Präferenzen er hat und wer, Mann oder Frau oder Kind, ihn stimuliert, als angenehm empfinden. Erschrecken bis zur Impotenz wird er erst, wenn ihm bewusst wird, dass er sexuelle Lust mit einem Partner, einer Partnerin erfährt, mit dem oder der er keine Lust erfahren darf.
Die Erklärungen für sexuelle Präferenzen sind in den letzten hundert Jahren sehr viel komplizierter, vielleicht auch fundierter geworden, nur die Fragestellung blieb falsch, dumm und gefährlich. Wirklich interessant ist doch nicht, warum jemand homosexuell ist, sondern warum er es nicht sein darf. Anm.
© 2001 Karl Pawek pawek@web.de
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