Der große Unterschied
Nicht nur Homosexuelle erwarteten viel von der Oktoberrevolution, vom Wandel der Gesellschaft. Und tatsächlich revolutionierte der Sozialismus auch den Umgang mit der Sexualität. Man muss schon taub, blind, dumm oder ein Betrüger sein, um dies in der Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus leugnen zu wollen.
Selbstverständlich gab es auch im Sozialismus Perioden sexueller Unterdrückung, aber anders als im Faschismus entsprangen sie nur verkürzten, vulgärpsychologischen Vorstellungen, sexuelle Repression ließe sich zur Disziplinierung in Notzeiten zu nutzen. Wie so oft in der Menschheitsgeschichte sollte die sexuelle Unterdrückung der Abwehr äußerer Gefahren dienen. Die sexuelle Repression des Faschismus dagegen bezweckt die Ausschaltung einer inneren Gefährdung dieses Wahnsystems.
Rückblickend betrachtet scheinen die Vordenker des Sozialismus, Marx, Engels, Bebel, keine sexuellen Revolutionäre gewesen zu sein. Als Familienoberhaupt war Marx ein gewöhnlicher geiler Spießer, der sich um die Jungfräulichkeit seiner Töchter sorgte Anm., anderer Leute Töchter aber fickte, wenn sich nur die Gelegenheit ergab. Im Kommunistischen Manifest jedoch geißelte er die Unmoral des Großbürgertums: „...unsere Bourgeoisie, nicht zufrieden damit, dass ihnen die Weiber und Töchter ihrer Proletarier zur Verfügung stehen, von der offiziellen Prostitution gar nicht zu sprechen, findet ein Hauptvergnügen darin, ihre Ehefrauen wechselseitig zu verführen.“ Zit. n. Peter Gay, Erziehung der Sinne, München 1986, S. 48 Friedrich Engels teilte den Glauben seiner meisten Zeitgenossen, dass Frauen Sexualität als Last empfinden: „Um so dringender mussten sie das Recht auf Keuschheit als eine Erlösung herbeisehnen.“ Zit. n. George L. Mosse, Nationalismus und Sexualität, Reinbek 1987,  S. 230 Und August Bebel, dessen Text „Die Frau und der Sozialismus“ (1883) das meistgelesene sozialistische Buch in deutscher Sprache war, betonte die traditionelle Unterscheidung zwischen einem männlichen und einem weiblichen Charakter. Willi Sitte: Karl Marx, 1952

Verächtliche Karikatur auf die Wünsche der verschiedenen Parteien 1848

Das Sein setzt auch dem fortgeschrittensten Bewusstsein Grenzen. Doch verglichen mit bürgerlichen Vordenkern wie Nietzsche ("Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" Zarathustra), Schopenhauer ("Zu Pflegerinnen und Erzieherinnen unserer ersten Kindheit eignen die Weiber sich gerade dadurch, dass sie selbst kindisch, läppisch und kurzsichtig, mit einem Wort, zeitlebens große Kinder sind: eine Art Mittelstufe zwischen dem Kinde und dem Manne, als welcher der eigentliche Mensch ist." Über die Weiber, § 364) Anm., Hegel ("Der Unterschied zwischen Mann und Frau ist der des Tieres und der Pflanze: Das Tier entspricht mehr dem Charakter des Mannes, die Pflanze mehr dem der Frau, denn sie ist mehr ruhiges Entfalten, das die unbestimmtere Einigkeit der Empfindung zu seinem Prinzip erhält." Marielouise Janssen-Jureit, Sexismus, München 1976,  S. 68 , "Das männliche Testikel ist das tätige Gehirn, der Kitzler ist das untätige Gefühl überhaupt" Claudia Honegger, Die Ordnung der Geschlechter, München 1996, S. 168 ), Virchow ("Die Frau ist ein Paar von Eierstöcken, an denen ein Mensch dranhängt, während der Mann ein Mensch ist, der über ein paar Hoden verfügt." Zit. n. Anne Fausto-Sterling, Gefangene des Geschlechts? München 1985,  S, 131 ) oder Kipling ("Eine Frau ist nur eine Frau, aber eine gute Zigarre kann man rauchen." Zit. n. Martin Dannecker, Das Drama der Sexualität, Frankfurt 1987,  S. 96 ), waren die sozialistischen Gründerväter nicht nur Leuchttürme im Nebel ideologischer Untiefen, sondern Vorkämpfer der Emanzipation. Das Recht der Frau auf ihren eigenen Willen, auf ihre eigene Lust oder Unlust und auf ihren eigenen Bauch war ein wesentliches und keinesfalls nur populistisches Ziel der frühen Sozialisten, die wussten, dass die Würde des Menschen auch geschlechtsspezifisch unteilbar ist. Salome, Raphael Kirchner, 1900
Die Oktoberrevolution 1917 war daher auch ein sexualpolitischer Befreiungsschlag. Binnen weniger Wochen verwirklichte sie, worauf die Menschen in den westlichen Demokratien z. T. noch Jahrzehnte warten mussten: freie Namenswahl bei der Eheschließung, Strafbarkeit einer Vergewaltigung auch in der Ehe Ernest Borneman, Sexuelle Marktwirtschaft, Wien 1992, S. 212 , vereinfachte Ehescheidung durch Registrierung bei beidseitiger Zustimmung Ernest Borneman, Sexuelle Marktwirtschaft, Wien 1992, S. 212 , sechsmonatige Unterhaltszahlung unabhängig vom Geschlecht, wenn der Partner arbeitslos oder arbeitsunfähig war, rechtliche Gleichsetzung unehelicher Verhältnisse mit ehelichen, Gleichstellung ehelicher und unehelicher Kinder, Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, Abschaffung der Strafverfolgung von Homosexuellen und Prostituierten, Urlaub für Strafgefangene, um ihnen Sexualität zu ermöglichen. Als Straftaten im Sexualrecht blieben nur mehr Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen und jede Form der Vergewaltigung verboten.
Vor allem Frauen nutzten die neuen Gesetze, um sich von ungeliebten Partnern scheiden zu lassen, zumal sich mit der Oktoberrevolution auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft gründlich verändert hatte: Frauen erhielten das Wahlrecht und das Recht auf ein eigenes Personaldokument, gleichen Lohn für gleiche Arbeit (wobei Hausarbeit mit außerhäuslicher gleichgesetzt wurde), sie mussten ihrem Ehemann nicht mehr an einen neuen Wohnsitz folgen und wurden Eigentümerinnen ihres durch Arbeit erworbenen Besitzes. Ernest Borneman, Sexuelle Marktwirtschaft, Wien 1992, S. 207ff
Sozialistisches Frauenideal, Moskau 1917
So weit, so gut. Als aber Alexandra Kollontai auch noch eine neue Sexualethik verwirklichen wollte, in der volle Freiheit und Gleichheit und Aufrichtigkeit in kameradschaftlicher Solidarität herrschen sollten ohne jede Einschränkung möglicher Formen geschlechtlicher Liebesvereinigung, wurde es sogar Lenin unheimlich. Irritiert durch die Vorstellung, man könne Liebe machen, wie man ein Glas Wasser trinkt, fragte er 1920 Clara Zetkin: „Durst will befriedigt sein. Aber wird sich der normale Mensch unter normalen Bedingungen in den Straßenkot legen und aus einer Pfütze trinken? Oder auch nur aus einem Glas, dessen Rand fettig ist von vielen Lippen?“ Marx, Engels, Lenin: Über die Frau und die Familie, Leipzig 1972, S. 218
Lenins gar nicht originäre Gleichsetzung von ungehemmter Sexualität mit Schmutz macht einmal mehr deutlich, aus welch dunklen, durch Verstand und Wissen kaum beeinflussbaren Quellen sich die Sexualmoral nährt. Nur wenige Sozialisten konnten sich wie Otto Dix dieser als positiv geltenden Zwangsmoral entziehen. Auf Conrad Felixmüllers Frage, ob er nicht für fünf Mark Monatsbeitrag in die kommunistische Partei eintreten wolle, antwortete Dix: “Dafür gehe ich lieber in den Puff.“ FAZ 9.2.98, S. 42 Weit beeindruckender freilich (weil politisch relevanter) waren Initiativen wie die der Kollontai oder der Psychoanalytikerin Vera Schmidt. Sie gründete in Moskau ein Kinderhaus, in dem Kinder frei ihre sexuelle Neugier befriedigen und masturbieren durften, wann immer sie wollten. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 419Anm.
Wesentlich weiter ging der marxistische Sexualwissenschaftler Wilhelm Reich. Als Arzt und Psychoanalytiker forderte er schon in den Zwanzigerjahren die nicht nur masturbatorische Befreiung jeder genitalen Sexualität, deren Unterdrückung die Untertanenmentalität nähre. Im Unterschied zu Freud hielt er nichts von Sublimierung, weil er erkannt hatte, „dass die Sexualunterdrückung die massenpsychologischen Grundlagen einer bestimmten, nämlich der patriarchalischen Kultur in allen ihren Formen bildet, nicht aber die Grundlage der Kultur und ihrer Bildung überhaupt“. Reich, Wilhelm, Die sexuelle Revolution, Frankfurt 1971, S. 34 Reich, der den meisten seiner Bücher das Motto voranstellte, „Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Daseins. Sie sollen es auch regieren“, wurde sowohl aus der kommunistischen Partei wie - auf Betreiben Freuds: „Befreien Sie mich von Reich“ FAZ 4.3.98, N5 - aus der Deutschen und Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen, aus Nazi-Deutschland vertrieben. In der amerikanischen Emigration arbeitete er an seiner immer noch viel belächelten Orgontheorie (jeder sexuelle Akt setzt Orgonenergie frei, die - aufgefangen und konzentriert - u. a. zur Krebstherapie verwendet werden kann Reich, Wilhelm, Die Entdeckung des Orgons. Frankfurt 1972 ). Weil er sich die Arbeit mit seinen Orgon-Akkumulatoren nicht verbieten lassen wollte, wurde er zu zwei Jahre Gefängnis verurteilt. Er starb 1957 in einem us-amerikanischen Gefängnis, seine Werke wurden 1956 und nochmals 1960 offiziell verbrannt. Maria Marcus, Die furchtbare Wahrheit, Reinbek 1982,  S. 184
Mit Stalin, dessen Sexualpolitik Reich heftig kritisierte, hatten auch in der Sowjetunion autoritäre Strukturen das Maß des Notwendigen wieder überschritten, der Sozialismus wurde konservativ (woran er vorübergehend scheitern sollte). In Anlehnung an Freud entwickelte Zalkind eine Theorie der Konservierung von Energie: Energie, die den sozialistischen Bemühungen durch sexuelle Vergeudung verloren gehe, sei Energie, die der Revolution und dem Proletariat gestohlen werde. Kate Millett, Sexus und Herrschaft, München 1974,  S. 225 Vor allem in Krisenzeiten hat solcher Unsinn Konjunktur. Unter den Bedingungen des Kriegskommunismus und politisch verursachter Hungersnöte, die das Land zu entvölkern drohten, verhärtete sich nicht nur die Sexualmoral Anm., auch die Sexualgesetzgebung wurde wieder restriktiver. So spiegelt die Entwicklung der Scheidungsgesetze die Entwicklung der Sowjetunion wider: 1917 Scheidung durch Registrierung, 1936 Einführung einer progressiven Scheidungsgebühr von 50 Rubel für die erste, 150 Rubel für die zweite und 300 Rubel für jede weitere Scheidung; 1944 Scheidung nur durch ein Volksgericht, Gebührenerhöhung auf bis zu 2000 Rubel. Ähnlich verhielt es sich im Umgang mit der Abtreibung: 1917 frei, wenn sie durch Ärzte in öffentlichen Spitälern durchgeführt wird; 1936 erlaubt nur mehr unter den Bedingungen einer medizinischen Indikationsregelung; 1955 wieder frei. Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 328 Stalin, 1938

Landarbeiterfamilie um 1930

Die sexualpolitische Intoleranz im Sozialismus war (und ist heute noch auf Cuba und in China) die Folge profanen Nützlichkeitsdenkens. Das machte sie nicht erträglicher, aber immerhin wandelbar. Entschärften sich die ökonomisch/politischen Bedingungen, verschwanden auch die sexualpolitischen Beschränkungen wieder.
Auch die faschistische Sexualmoral kennt dieses Effizienzdenken. Wer Großes vorhat, braucht viel Menschenmaterial. Zwar hätte es für ein „Volk ohne Raum“ nahegelegen, sich in der Gebärfreudigkeit zu beschränken, das Austragen ungewollter Schwangerschaften nicht zu erzwingen. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Empfängnisverhütung wurde durch ein Vertriebsverbot geeigneter Mittel erschwert, die Abtreibung immer strenger, ab 1943 sogar mit der Todesstrafe geahndet, um Deutschland stark zu machen zunächst für den Angriff, später zur Verteidigung. Die Sexualgesetzgebung eines Landes erweist sich meist als verlässlicher Indikator künftiger Entwicklungen. Denn Moral dient immer nur ökonomischen und damit politischen Zielen, nur wird dies selten so deutlich wie bei den Nationalsozialisten.
Mutter mit Kind, 1934
Gleichzeitig aber, und das unterscheidet sie von den Sozialisten, fürchten sie Sex wie der Teufel das Weihwasser. Weil Sex Energien bündelt und freisetzt und dadurch den völkisch-vaterländischen Ordnungsstrukturen entzieht, weil sexuelle Lust immer asozial und daher subversiv ist - wie gerne und mit welch elendem Nachgeschmack haben sogar gläubige Nazis Jüdinnen gestoßen -, empfindet der Faschist jede nicht zeugungsnotwendige Sexualität als bedrohlich - zumindest bei seinen Volksgenossen. Mädchenakt, 1935
Zu den ersten sexualpolitischen Maßnahmen nach der Machtübergabe gehörte folglich das Verbot jeglicher pornographischer Literatur und aller Organisationen, die sich für Homosexuelle eingesetzt oder zu deren Emanzipation aufgerufen hatten George L. Mosse, Nationalismus und Sexualität, Reinbek 1987,  S. 205 , zumal der Nationalsozialismus selbst als elitäre Männergemeinschaft nicht nur in SA und SS latent homosexuell war. Anm. Dass die Nazis auch den eigentlich asexuellen Nudismus bekämpften, lässt die Angst des Spießers vor der verbotenen Nacktheit ahnen. Bereits am 3.3.1933 verfügte der Preußische Minister des Inneren: „Eine der größten Gefahren für deutsche Kultur und Sittlichkeit ist die sogenannte Nacktkulturbewegung ... Die Nacktkulturbewegung ertötet bei den Frauen das natürliche Schamgefühl, nimmt den Männern die Achtung vor der Frau und zerstört dadurch die Voraussetzungen für jede echte Kultur. Ich erwarte daher von allen Pol. Behörden, dass sie in Unterstützung der durch die nationale Bewegung entwickelten geistigen Kräfte alle polizeilichen Maßnahmen ergreifen, um die sogenannte Nacktkulturbewegung zu vernichten.“ Michael Andritzky u. Thomas Rautenberg, Wir sind nackt und nennen uns Du, Giessen 1989, S. 136 Es ist bezeichnend, dass Hitler selbst sich nicht einmal vor seinen Ärzten nackt zeigte. Katz, Ottmar, Prof. Dr. med. Theo Morell, Bayreuth 1982, S. 122 Katalogtitel der Firma Thalysia, 1933

KDF-Badebetrieb

Hitler mit Eva Braun

Im Zentrum nationalsozialistischer Sexualpolitik stand die Erzeugung von Kindern, also künftigen Arbeitskräften und Soldaten. Anm. Schon 1908 hatte der Philosoph von Ehrenfels die Einrichtung einer Art Großbordells vorgeschlagen, in dem sich Mädchen und Frauen im Dienste einer Rassengenese kasernieren lassen müssen, um besser selektierte Kinder zu erzeugen. Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 203 Einen anderen Weg zur Erneuerung der germanischen Rasse hatte Willibald Hentschel propagierte, die Mittgartehe. Jede Mittgartsiedlung sollte aus 100 Männern und 1000 Frauen bestehen. Eine Mittgartehe dauert nur so lange, bis die Frau schwanger ist, höchstens drei Monate. Dann muss der Mann eine neue Ehe eingehen. Otto Rühle, Die Sozialisierung der Frau, Dresden 1922,  S. 39
Für die Produktion von Arbeitern entwickelte kurz vor dem 1. Weltkrieg der Berliner Biologe Dr. Hermann Klaatsch den Plan, Gorillas und Eingeborene aus Deutsch-Südwestafrika zu kreuzen, dadurch wollte er "auf breiter Basis Arbeiter produzieren, die über mehr Muskelkraft als jeder noch so gut entwickelte Mensch verfügen und dank ihrer primitiven Geistesverfassung bestens dazu geeignet wären, ausgebeutet zu werden". R. E. L. Masters, Abnorme Triebhaftigkeit, München 1969,  S. 256 Auch ernster zu nehmende Wissenschaftler wie der Zoologe Ernst Haeckel phantasierten über eine Affenmenschenzucht: „Die physiologischen Experimente, insbesonderheit die Kreuzung niederer Menschenrassen (Neger) und Menschenaffen ... wären bei positiven Resultaten natürlich sehr interessant. Ich halte das Gelingen dieser Versuche für möglich ... Aufgrund zahlreicher, jüngerer Versuche scheint sich herauszustellen, dass Mischlinge sogar aus verschiedenen Arten erzielt werden können, die sich im biologischen System sehr weit voneinander entfernt haben - vielleicht noch weiter als Neger und Gorilla oder Schimpanse.“ Midas Dekkers, Geliebtes Tier, München 1994, S. 120f.
Schon diese wenigen vorfaschistischen Beispiele zeigen die Relativität jeder Sexualmoral. Allein die Nützlichkeit bestimmt letztlich ihre Form.
Ideal des nordischen Schönheitskanons, 1941

Richard Klein: Die Ruhe, 1939

Anfangs gaben sich die Nationalsozialisten in ihrer Frauenpolitik ganz konventionell. Arbeitsplatzbesitzerinnen wurden zugunsten der Männer in ihre Familien zurückgeschickt, Ehestandsdarlehen, die durch Gebärleistungen abgegolten werden konnten, sollten die Familienbildung fördern, der Bund Deutscher Mädchen verstand sich als Schule der Fraulichkeit, die allerdings von vielen Eltern, die den Platz ihrer Tochter zu Hause sahen, argwöhnisch beobachtet wurde. Sie fürchteten, dass gründliches Waschen des eigenen Körpers, ein Erziehungsziel der Hitlerjugend, wie die ungewöhnlich freizügige Turnkleidung zu verderblichen sexuellen Phantasien führen könnten. Die Abkürzung BdM wurde anzüglich übersetzt mit "Bald deutsche Mutter" oder "Bedarfsartikel deutscher Männer".

"Ein junger Lehrer, der sich NS-Sporen verdienen möchte, stellt folgendes Aufsatzthema: Hätte Werther Selbstmord begangen, wenn er in der HJ gewesen wäre? Daraufhin soll eine Lehrerin einer Mädchenklasse in edlem Wetteifer das Thema gegeben haben: Wäre die Jungfrau von Orleans Jungfrau geblieben, wenn sie im BdM gewesen wäre?"

In Erwartung Hitlers, 1938
Für Hitler und die meisten Deutschen war die Frauenemanzipation eine Erfindung des jüdischen Intellekts und gemeingefährlich: „Die Verjudung unseres Seelenlebens und Mammonisierung unseres Paarungstriebes werden früher oder später unseren gesamten Nachwuchs verderben.“ NS-Frauenwarte, Oktober 1934, S. 210 Adolf Ziegler, Die vier Elemente, 1937
Willig folgte die deutsche Frau ihren Führern, 1935 stieg die Geburtenrate in den Städten um 37%. Mitgetragen vom überwiegenden Teil der Bevölkerung, erst recht von der Ärzteschaft, sollte nun nach der Quantität auch die Qualität des Nachwuchses verbessert werden. Das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre verbot alle Ehen zwischen Juden oder Zigeunern und Deutschen. Der Rassenwahn der Nazis war allerdings genauso wenig neu wie seine sexualtheoretische Begründung durch den Gauleiter Julius Streicher: "Artfremdes Eiweiß ist der Same eines Mannes von anderer Rasse. Der männliche Same wird bei der Begattung ganz oder teilweise von dem weiblichen Mutterboden aufgesogen und geht so in das Blut über. Ein einziger Beischlaf eines Juden bei einer arischen Frau genügt, um deren Blut für immer zu vergiften. Sie hat mit dem artfremden Eiweiß auch die fremde Seele in sich aufgenommen. Sie kann nie mehr, auch wenn sie einen arischen Mann heiratet, rein arische Kinder bekommen, sondern nur Bastarde, in deren Brust zwei Seelen wohnen und denen man körperlich die Mischrasse ansieht." Anm. Luftschutzübung 1939

Julius Streicher, Lehrer und Gauleiter

Frau, 1941

Ist es auch Unsinn, so hat er doch Tradition. Wer die Frau als Gefäß sieht, als Gebärmutter, den männlichen Samen dagegen in Anlehnung an klassische Philosophen und Kirchenväter als schöpferischen Erzeuger, muss so denken. Einmal mehr erweisen sich hier die Nazis nur als radikale Interpreten abendländischen Kulturmülls.
Allmählich aber durchstieß der Nationalsozialismus in seinem Drang, Deutschland tatsächlich zu einem Volk ohne genügend Raum zu machen, die Grenzen der bürgerlichen Moral. In den insgesamt zwanzig Heimen des längst nicht so bedeutenden wie berüchtigten Vereins "Lebensborn" sollten auch uneheliche Kinder gezeugt werden, der voreheliche Geschlechtsverkehr unter Jugendlichen im Elternhaus wurde entkriminalisiert in der Hoffnung auf Nachwuchs. Aber auch das war nicht neu, denn in allen Gesellschaften zu allen Zeiten nimmt, wenn nur Arbeitskräftemangel besteht, die Toleranz der Gesellschaft gegenüber illegitimen Sexualbeziehungen zu. Eduard Peter Becker, Leben und Lieben in einem kalten Land, Frankfurt 1990, S. 271 Moral ist eben nur eine Variable des Zwecks. Daher wurde auch die kontraproduktive Masturbation bei Jugendlichen nicht geduldet, denn - wie NS-Landjugendführer Hermansen in dem Buch „Geschlechtliche Jugenderziehung“ den Pimpfen einbleute: „Dein Körper gehört nicht Dir! Dein Körper gehört Deinem Volk!“ Zit. n. Friedrich W. Doucet, Moderne Liebesspiele, München 1968, S. 22 Unfruchtbarkeit galt den Nationalsozialisten (wie übrigens auch der Katholischen Kirche) als Scheidungsgrund, Mütter unehelicher Kinder dagegen durften nicht länger Fräulein, mussten Frau genannt werden. Gleichzeitig aber wurden Zehntausende Frauen wegen Geschlechtsverkehrs mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern eingesperrt, bis der Staat Bordelle für Ausländer einrichtete und zum Schutz der deutschen Frau selbst zum Zuhälter wurde und dabei nicht wenig kassierte.
Weihnachten 1940

Nordisch, 1941

Nordisch, 1941

Die deutsche Frau, eben erst ihrer angeblichen Natur entsprechend an den heimischen Herd geschickt, wurde bald in die Produktion und zum Militär gedrängt, nichts ändert Rollen- und Moralklischees so schnell wie ein Krieg. Nach dem Sieg wollten die Nazis zwecks Behebung des zu erwartenden Männermangels alle erbgesunden, aber kinderlosen Frauen unter 35 verpflichten, sich von auserwählten Männern befruchten zu lassen. Deutsche Chronik, Berlin 1982, S. 103 Himmler schlug vor, eine angeblich germanische Sitte wiederzubeleben und junge Frauen ohne Freund oder Bräutigam auf dem Ahnengrab ihres Ortes anonym zu begatten. FAZ 14.2.98, S 11 Frauen lehren Frauen das Schießen mit Pistolen, 1938

Wehrmachtsbordell, 1940

Doch es kam anders. Statt ihren Führern zu Willen sein zu dürfen, wurden mehr als hunderttausend Frauen von den Siegern, vor allem von Rotarmisten, vergewaltigt. Solche Massenvergewaltigungen sind nichts ungewöhnliches, sie gab, gibt und wird es geben in jedem Krieg, weil Vergewaltigung nur eine individuelle Form kollektiver Gewaltanwendung zwecks Bestrafung oder Aneignung ist. Anm. Für Sowjetsoldaten aber kam hinzu, dass jeder Missbrauch einer deutschen Frau auch ein persönlichen Triumph über den für Millionen Sowjetbürger tödlichen deutschen Rassenwahn war. Umgekehrt empfanden deutsche Frauen die Vergewaltigung durch Männer, die ihnen jahrelang nur als Untermenschen beschrieben worden waren, als doppelt schändlich. Nur so ist zu verstehen, warum die Vergewaltigungen in der Erinnerung der Deutschen jene ungeheure Bedeutung bekamen, die in keinem Verhältnis steht zum tatsächlichen Geschehen. Denn wer den Sowjetsoldaten offen und mutig entgegentrat, hatte wenig zu befürchten. Und etwaige Folgen waren behebbar. Es gab fast keine Russenkinder aus Vergewaltigungen. Stillschweigend und nur aus rassischen Gründen wurde in diesen Fällen sogar das immer noch geltende Abtreibungsverbot außer Kraft gesetzt.
© 2001 Karl Pawek pawek@web.de
Leibesvisitation durch deutschen Herrenmenschen

Vergewaltigung im Mannöver/Krieg, aus L´Assiette au beurre

Zum nächsten Kapitel