Sittsam dem Markt ergeben
Kurz nur währte die Zeit sexueller Anarchie nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches. Hungernde Frauen, allein erziehende Mütter schenkten für ein paar Zigaretten, ein wenig Schokolade oder ein Paar Strümpfe westlichen Besatzungssoldaten, was sich deren sowjetische Kameraden mit Gewalt genommen hatten. Doch schnell gewannen kleinbürgerliche Zucht und Ordnung in Europa wieder an Einfluss, am rigidesten dort, wo die menschenverachtende Barbarei am brutalsten gewesen war, als wolle man die Verbrechen des Krieges durch Sittsamkeit kompensieren.
In der Bundesrepublik der 50er Jahre war Nacktheit absolut tabu, Selbstbefriedigung ein schweres Vergehen und - wenn auch nicht mehr körperlich, so doch geistig - grausam schädlich. Die Aufklärungsliteratur - zumeist kaum veränderte Abschriften von Van de Veldes Bestseller "Die vollkommene Ehe" - festigte in aller Betulichkeit die alten Vorurteile vom überlegenen, aktiven Mann und der durch ihre Geilheit gefährdeten Frau. Van de Veldes "Die vollkommene Ehe", gleichzeitig in Holländisch und Deutsch geschrieben, hatte bereits zwischen 1926 und 1932 in Deutschland 42 Auflagen erreicht. Von der Katholischen Kirche längst auf den Index gesetzt, wurde das Buch 1933 auch von den Nationalsozialisten verboten, obwohl es sich ausschließlich an rechtmäßig verheiratete Paare richtete und der Autor den nach-viktorianischen Opfern ihrer viktorianischen Erziehung die Sexualität so beschrieb, dass sie sich weder alarmiert noch abgestoßen fühlen konnten. Edward M. Brecher, Vom Tabu zum Sexlabor, Reinbek 1971,  S. 99

Beim Frühstück nach der Hochzeitsnacht entdeckt der junge Ehemann, dass seine Frau ihm einen Salatkopf auf den Teller gelegt hat und sonst gar nichts. "Ich wollte nur sehen, ob Du auch wie ein Karnickel isst", erklärt sie.

Schon van de Velde hatte die Männer davor gewarnt, ihre Frauen sexuell zu sehr verwöhnen, da Frauen dadurch unersättlich würden: „Ihre Leistungsfähigkeit übertrifft dann meistens die des Mannes ... Ich rate dem Gatten, seine Frau nicht in unüberlegter Weise an Höchstleistungen zu gewöhnen, denen sie auf die Dauer wohl, er aber nicht gewachsen sein würde.“ Van de Velde, Die vollkommene Ehe, Leipzig 1929, S. 249f. Seine bundesdeutschen Nachfolger wiesen auf die Gefahr jedes Liebesvorspiels hin: "Wenn dann nämlich der Mann das Liebesvorspiel derartig mit seiner jungen Gattin betreibt, dass diese bei den ersten Zusammenkünften den Orgasmus erreicht, ohne dass eine Immissio penis stattgefunden hat, dann besteht die Möglichkeit - und das ist nicht allzu selten erwiesen - dass sie zur Onanistin wird." Dr. Rolf Rother, Das Intimste der Liebe und Erotik, Dischingen 1951,  S. 44 Noch der harmloseste Vorschlag droht mit der Geilheit der natürlich passiven Frau: "Es kann für eine Ehe verhängnisvoll sein, vergisst der Mann, dass er seine Frau immer neu erobern muss. Jede Frau braucht ihren Don Juan, ihren Eroberer, ihren Verführer. Und es ist gut, wenn der eigene Mann diese Rolle im Stück des Lebens, im Stück der Ehe übernimmt. Sie wird dann durch niemand anderen besetzt." Hans J. Jörgensen, Die Praxis der weiblichen Triebbefriedigung, Stuttgart 1964,  S. 45

Jugendliche sollten - wie bei Rousseau - mit dem Thema Sexualität am besten überhaupt nicht in Berührung kommen. Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 170 Der von vielen hochgeschätzte Soziologe Helmut Schelsky hält noch 1955 die Unwissenheit über sexuelle Probleme bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen für wünschenswert. Andererseits lassen die Medien und eine konservative Öffentlichkeit keine Gelegenheit aus, Sexualverbrechen an Jugendlichen so drastisch aufzubauschen, dass Kindern Sexualität als eine überall lauernde tödliche Gefahr erscheinen muss. Tatsächlich fallen in Deutschland jährlich sechs bis acht Kinder Sexualmördern zum Opfer, aber die Zahl jener Kinder, die von ihren eigenen Eltern umgebracht werden, ist größer. Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990,  S. 230

Pornographische Postkartenserie, Paris um 1950.

Jugendliche vor einem Kiosk, 1950

Doch Hollywood, Häschen und ein Gallwespenforscher störten diese asexuelle Idylle. Amerikanische Filmproduzenten und Verleger nutzten skrupellos die verkaufsfördernde Wirkung sexueller Symbole, und alles Lamentieren abendländischer Kulturpessimisten konnte nicht verhindern, dass dieser "Amischund" auch nach Westeuropa kam und vor allem bei Jugendlichen die Ahnung weckte, dass es neben Mutterliebe und Bienenfleiß noch andere Formen der Lust gibt. Sie untersuchte der Biologe Alfred Kinsey. Was er über "Das sexuelle Verhalten des Mannes" (1948) und der Frau (1953) herausfand, erschütterte die Fassaden der bürgerlichen Moral: 90% aller Männer masturbieren, 30% haben homosexuelle Erfahrungen, 50% aller Bräute sind keine Jungfrauen mehr, 25% aller Ehefrauen sind auch außerhalb ihrer Ehe geschlechtlich aktiv June M. Reinisch und Ruth Beasley, Der neue Kinsey Institut Report, München 1991,  S. 14 , 8% aller Männer (50% der Männer auf dem Land) und 3,5% aller Frauen haben sogar gelegentlich Sex mit Tieren. Midas Dekkers, Geliebtes Tier, München 1994, S. 178 Kinsey bewies freilich nur, was jeder wissen konnte: „Das tatsächliche menschliche Sexualverhalten stimmt nicht mit den von der öffentlichen Moral, der Religion oder dem Gesetz vorgeschriebenen Normen überein.“ Simon LeVay, Keimzellen der Lust, Heidelberg 1994, S. 150 Marilyn Monroe als Playmate oft the month, 1953

Schäferstündchen. Aus Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, Allen, 1972

Korsage, 1952

Dennoch blieb so viel Empirie nicht ungestraft. Nach der Veröffentlichung des Kinsey-Reports über Frauen strich die Rockefeller-Stiftung den 100 000-Dollar-Zuschuss für sein Institut, Bücher, die im New Yorker Hafen für Kinsey ankamen, wurde von der Hafenbehörde "wegen ihres unsittlichen Inhalts" verbrannt. Herbert Lewandowski, Ferne Länder, fremde Sitten, Stuttgart 1958,  S. 61 Die Versuche, Kinsey als perversen Wüstling zu denunzieren, reißen bis heute nicht ab. James H. Jones beschreibt den Sexualwissenschaftler 1997 als bisexuellen Masochisten, der als Zeremonienmeister bei Gruppensexorgien fungiert haben soll. James H. Jones, Alfred C. Kinsey, NY 1997 Wenn es auch wahr ist, so ist es doch irrelevant für den Wert der wissenschaftlichen Arbeiten Kinseys, die freilich provozieren. Der deutsche Sexualpädagoge Hans Müller-Eckhardt brachte das Ärgernis auf den Punkt. Er warf Kinsey vor, "die Seele zu vergessen" und sah in dem Report "nur ein betrübliches Kapitel der Aufklärung". Müller-Eckhardt, Hans, Grundlagen der Geschlechtserziehung, Stuttgart 1956 Schlammcatchen, 1960
Noch einen Schritt weiter als Kinsey gingen Masters und Johnson. Sie beobachteten die Sexualorgane von Männern und Frauen während des Geschlechtsaktes Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 5, S. 310 , maßen und fotografierten alle Vorgänge Mary Jane Sherfey, Die Potenz der Frau, Luxembourg 1974,  S. 99f. und gewannen damit nach Millionen Jahren Menschheitsgeschichte die ersten wirklich fundierten Erkenntnisse über den Ablauf sexueller Reaktionen. Die gewonnenen Daten bargen freilich die Gefahr in sich, zur Norm erhoben zu werden. Germaine Greers Einwand gegen die Arbeit von Masters und Johnson erwies sich als berechtigt: "Die sexuelle Persönlichkeit ist grundsätzlich antiautoritär. Wenn ein System seine Untertanen vollkommen manipulieren will, muss es den Sex zähmen. Masters und Johnson haben das Rezept für die normierte, reibungslose unterkühlte Monogamie geliefert." Germaine Greer, der weibliche Eunuch, Frankfurt 1971,  S. 44
Bedeutsamer aber als der wissenschaftliche Wert dieser Untersuchungen war ihre massenhafte Verbreitung. Sie befreite die Sexualität aus der Intimität, machte sie zu einem öffentlichen Thema. Das großbürgerliche Verwertungsinteresse sprengte die Fesseln der kleinbürgerlichen Moral.
Sogenannte Normallage mit besonders gefährlichem Einfallswinkel, 1900

Durch Beckenhebung verringerter Einfallswinkel, 1900

Durch Beckenhebung und Anziehen der Beine weiter verringerter Einfallswinkel, 1900

Vierfüßerstellung mit dem geringsten Einfallswinkel, 1900

Dies gilt auch für die bedeutendste Erfindung in der Geschichte der Sexualität, die "Antibabypille“, denn sie erst macht wirklich die „größte Geschlechtskrankheit, die Schwangerschaft“ (Brecht) beherrschbar. Obwohl letztlich nur ein Koitus von 1000 zur Befruchtung führt Jos van Ussel, Sexualunterdrückung. Geschichte der Sexualfeindschaft, Gießen 1977,  S. 221 , war die Empfängnisverhütung für Frauen das bedrückendste sexuelle Problem, mit dem sie meist allein gelassen wurden. Noch im 19. Jahrhundert hatten ihnen Ärzte wie Capellmann vorgeschlagen, die unfruchtbaren Tage zu nutzen und dafür den Koitus ab der dritten Woche nach Beginn einer Menstruation empfohlen Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 277 , also just zu einem Zeitpunkt, an dem eine Befruchtung am wahrscheinlichsten ist. Sinnvoller waren schon Vaginalspülungen mit warmem Essigwasser oder ein Pessar aus einer Gummimembrane, die von einem bleiernen Ring umschlossen war. Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 4, S. 562 Um 1900 haben sich allein in Paris 30 - 40000 Frauen sterilisieren oder - medizinisch unverantwortlich - eine künstliche Vagina aus Dünn- oder Mastdarm einsetzen lassen.Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 4, S. 563, s. a. J. R. Spinner, Die Jungfernschaft, Leipzig 1931, S. 321ff. Als endlich Kondome zwar noch nicht sicher, aber erschwinglich wurden Anm., verboten viele Länder - z.B. Italien bis 1975 Philippe Ariès und Georges Duby, Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt 1989,  Bd. 5, S. 542 - ihren Verkauf. Daher ist es nicht verwunderlich, dass um 1910 in Großstädten wie Berlin 41 von 100 Arbeiterinnen eine oder mehrere Abtreibungen hinter sich hatten. Während eines Abtreibungsversuches mittels einer Ballonspritze starb z. B. am 24. 11. 1908 Anna W. Neben der Toten fand sich die Gebrauchsanweisung für die Spritze: „Wertes Fräulein, anbei übersende ich Ihnen die Mutterspritze. Sie nehmen auf 1 Liter gut warmes Wasser 1 Teelöffel Holzessig, dann füllen Sie die Spritze und führen sie in die Gebärmutter ein. Selbige finden Sie im Geschlechtsteil mehr nach links, aber das Rohr dürfen Sie nicht weiter als ½ cm im Muttermund einführen. Sollten Sie nicht zurecht kommen, dann kommen Sie, wenn Sie ausgehen, zu mir, dass ich es selbst Ihnen noch einmal erkläre. Bitte den Brief verbrennen.“ Anna Bergmann, Die verhinderte Sexualität, Hamburg 1992, S. 183  Rund ein Drittel der wegen missglückter Abtreibung in ein Krankenhaus eingelieferten Frauen starben an ihren inneren Verletzungen. Näherin um 1920

Operation einer künstlichen Vagina, 1900

Operation einer künstlichen Vagina, 1900
 

Obwohl die Abtreibung, wie Anna Bergmann feststellt, nur verurteilt werden kann als „Konkurrenzunternehmen zu einer Männergesellschaft, in der sich allein staatliche und wissenschaftliche Institutionen das Recht angeeignet haben, über Leben und Tod zu entscheiden“ Anna Bergmann, Die verhinderte Sexualität, Hamburg 1992, S. 240 , und trotz allen Abtreibungselends lehnte die Mehrheit des Bundes deutscher Frauenvereine eine Reform des Abtreibungsparagraphen weiterhin ab, weil das Gebären rassehygienische Pflicht der Frau sei und weil der Frau die Selbstverwirklichung in der Mutterschaft - auch gegen ihren Willen - nicht genommen werden dürfe. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985, S. 330
Um 1930 gelang es endlich den Wissenschaftlern Knaus und Ogino unabhängig voneinander, die Zeitspanne der Empfängnisfähigkeit der Frau so weit einzugrenzen, dass zur Empfängnisverhütung theoretisch nur mehr der Verzicht auf Geschlechtsverkehr an drei Tagen um den Eibläschensprung (Ovulation) notwendig ist. H. J. Gerster, Kinderzahl nach Wunsch und Willen, Zürich 1955,  S. 36 Da allerdings der Eibläschensprung spontan und nicht immer in gleichen Zeitabständen erfolgt (am 15. Tag vor der nächsten Menstruation E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985, S. 102 )und die Schwankungsbreite durchschnittlich sechs Tage beträgt, ist nicht nur eine mindestens einjährige Beobachtung des Zyklus notwendig, sondern eine Verlängerung der Enthaltsamkeit auf mindestens sieben Tage. Durch Temperaturmessung (vor jeder Ovulation kommt es zum geringfügigen Absinken der Körpertemperatur) kann dieser Zeitraum exakter bestimmt werden, doch bleibt immer noch ein Risikofaktor. Anm. CD-Indikator zur Berechnung der fruchtbaren Tage, 1954
Erst die ovulationshemmende Pille, die 1960 in den USA June M. Reinisch und Ruth Beasley, Der neue Kinsey Institut Report, München 1991,  S. 363 und ein Jahr später in Deutschland angeboten wurde Anm., gewährt durch die Verhinderung der Eireifung und -freisetzung in den Ovarien sicheren Schutz, der allerdings durch die Aufnahme synthetisch hergestellter Hormone erkauft wird. Die Nebenwirkungen sind nicht unbeträchtlich, halten sich aber in einem vertretbaren Rahmen.
Kirchen und Konservative erkannten sofort die moralische Sprengkraft der Pille. Die Katholische wie die Evangelische Kirche sahen in der Antibabypille eine Entweihung der Ehe- und Familienordnung. Nach sieben langen Jahren des Nachdenkens untersagte schließlich der Papst in seiner Enzyklika „Humanae Vitae“ ihren Gebrauch. Pragmatischer argumentierte die Wochenzeitung "Die Zeit": "Auch ist die Angst vor ... der "Schande" noch immer ein kräftiges Regulativ in unserer so toleranten Gesellschaft. Sie zu beseitigen hieße, für viele die letzten Schranken einreißen, die den Weg in einen zweifelhaften Lebenswandel mit seinen Folgen versperren." Soltau, Heide, Eine Revolution hat Jubiläum, in: Frankfurter Rundschau v. 10. 8. 1991, ZB5Weniger schwatzhaft äußerte sich der Berliner Gynäkologe Schätzing gegen die Pille: "Außerdem ist die Angst die Vorstufe der Moral, weshalb man sie nicht ganz abschaffen sollte." Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990, S. 192
Ärzte, die jahrelang zu den für 1000 Kinder tödlichen und 6000 Kinder verstümmelnden Nebenwirkungen des Schlafmittels Contergan trotz deutlicher Hinweise geschwiegen hatten, warnten die Frauen vor den gefährlichen Folgen dieses Verhütungsmittels und behalten sich bis heute in vielen Ländern das Recht vor, über ihre Vergabe per Rezept - anfangs nur an verheiratete Mütter - zu entscheiden. (Um so überraschender ist, dass es im katholischen Spanien die Antibabypille ohne Rezept und sehr viel billiger als in Deutschland zu kaufen gibt.) Dabei geben sie durchaus zu, dass weniger medizinische als moralische Gründe für sie ausschlaggebend sind. Anton-Andreas Guha, Die ungeliebte Lust, Frankfurt 1990, S. 203
Aktmodellwettbewerb, 1951

Korrekter Sitz, 1956

Triumph-Petticoat, 1960

Moorbad, 1959

Auch die Ideologen der DDR hatten Schwierigkeiten mit der Pille. Einerseits brauchte man weibliche Arbeitskräfte, was der Emanzipation der Frau förderlicher war als jede Kampagne, und ihr eine Stellung in der Gesellschaft sicherte, deren Wert viele Frauen erst nach der Wiedervereinigung erkannten. Andererseits benötigte der Staat Bürgernachwuchs, um durch den Exodus in den Westen nicht entvölkert zu werden. Daher kam die Pille unter dem Namen „Ovositon“ erst 1965 zur Produktion, zunächst noch nicht aus synthetischen Hormonen hergestellt, sondern aus republikweit gesammelter Schweinegalle. Seit Anfang der 70er Jahre wurde sie der mehr kleinbürgerlichen als sozialistischen Moral gemäß als „Wunschkindpille“ zwar kostenlos, freilich nur auf Rezept abgegeben. Demonstration in Ost-Berlin, 1955
Mit der Pille, die in Deutschland von fast einem Drittel aller Frauen zwischen 14 und 44 Jahren eingenommen wird, ist die früher unlösbare Verbindung zwischen Sexualität und Zeugung aufgehoben worden - zumindest für Frauen in den hochentwickelten Industriestaaten. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 98; Richard Lewinsohn (Morus), Eine Weltgeschichte der Sexualität, Hamburg 1956,  S. 356Anm. Nun endlich können diese Frauen koitale Sexualität ohne Angst vor einer Schwangerschaft erleben, über ihre Sexualität und Schwangerschaft selbst bestimmen. Vorschläge, durch die Pille für den Mann bzw. durch Vasektomie die Verantwortung für eine Empfängnisverhütung zu teilen, sind gutgemeint und als ergänzende Maßnahme bedenkenswert, würden aber nur die alte Abhängigkeit der Frau vom Mann wieder herstellen, da ein unfruchtbarer Gatte erst recht Exklusivität beanspruchen und kontrollieren kann. Party, 1962
Sinnvoller als die jahrzehntelange Hormonzufuhr wäre es, die Antibabypille durch die „Pille danach“ zu ersetzen. Sie gibt es schon seit Generationen. So inserierten Apotheker Ende des 19. Jahrhunderts in amerikanischen Zeitschriften: "Pillen zur Regulierung der Periode. Frauen in anderen Umständen werden gewarnt, dieselben zu gebrauchen, da sonst unfehlbar Abort erfolgen müsste." E. Heinrich Kisch, Das Geschlechtsleben des Weibes, Berlin 1907, S. 443 In Frankreich ist die Abtreibungspille unter der Bezeichnung RU486 seit 1989 auf dem Markt. Obwohl sie kaum Nebenwirkungen hat, hielt sie die Herstellerfirma Hoechst aus moralischen Erwägungen in Deutschland zurück und verzichtete schließlich sogar an den Rechten an der von der Firma finanzierten Erfindung. Seit 1999 darf die „Pille danach“ auch in Deutschland verschrieben werden. Ärzte und Apotheker sind freilich angewiesen, sie wie Morphium unter besonderem Verschluss zu halten.
Sinnvoller wäre auch die in den USA gebräuchliche „Menstruationsregulierung“: Wenn eine Frau nicht 40 Tage auf das Ergebnis eines Schwangerschaftstestes warten will, kann sie sich in einem nur wenige Minuten dauernden Vorgang die Uterusschleimhaut mit einem eventuell befruchteten Ei absaugen lassen. E. J. Haeberle, Die Sexualität des Menschen, Berlin 1985,  S. 116
Doch wie bei der Abtreibungsdiskussion geht es auch in Fragen der Empfängnisverhütung nicht um Moral, sondern um Interessen. Anm. Durch die wirtschaftliche und in deren Folge rechtliche Entwicklung haben Frauen in den meisten Industriestaaten eine zumindest seit Jahrtausenden nicht mehr gekannte Gleichberechtigung gewonnen. Das letzte Mittel des Patriarchats, über die sexuelle und damit auch intellektuelle Potenz der Frau zu bestimmen, ist die Verfügungsgewalt über ihren Bauch. Frauen, die hierbei mit Männern kollaborieren, verraten ihr eigenes Geschlecht.
© 2001 Karl Pawek pawek@web.de
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