Sex in Zeiten der Korrektheit
Dank Kinsey, der Pille und einer umsatzfördernden Liberalisierung vieler Sexualnormen schien es in den späten 60er Jahren so, als stünde die sexuelle Befreiung, wie sie Reich und Marcuse gefordert hatten, unmittelbar bevor. Kate Millett prophezeite 1969: "Die Frauen sind in unserer Gesellschaft das am meisten entfremdete Element. Sie bilden aufgrund ihrer großen Zahl, ihrer Leidenschaftlichkeit und ihrer langen Jahre der Unterdrückung die breiteste revolutionäre Basis. Vielleicht werden die Frauen in der Revolution unserer Gesellschaft eine so tragende Rolle spielen, wie die Geschichte zuvor kein Beispiel kennt." Kate Millett, Sexus und Herrschaft, München 1974,  S. 473 Hippies, Kommunen, Promiskuität ließen biedere Illustrierten- und Zeitungsleser erschaudern: vor Neid und aus Verdrängungszwang. Bundesrichter wirkten nur mehr lächerlich, wenn sie noch 1967 urteilten: „Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt“, sie müsse vielmehr Zuneigung und Opferbereitschaft zeigen. Thomas Kleinspelm, Warum sind wir so unersättlich? Frankfurt 1987, S. 422 Zensiertes Modefoto für TWEN, 1961

Paar, 1958

Ein Mann im oberen Bett eines Schlafwagens schaut zu, wie eine alte Jungfer sich im unteren Bett auszieht. Sie schraubt einen hölzernen Arm und ein Holzbein ab, entfernt die Perücke, nimmt das falsche Gebiss und ein Glasauge heraus. Plötzlich merkt sie, dass sie beobachtet wird. "Was wollen Sie denn?" ruft sie aus. "Sie wissen ganz genau, was ich will", erwidert er. "Schrauben Sie es ab und werfen Sie es herauf."
Tatsächlich hat sich nur das sexuelle Klima ein wenig verändert. Fernsehen, Filme und Kleidung wurden freizügiger, der sexuelle Umgang unverkrampfter, bequemer. Das erste eheliche Doppelbett im amerikanischen Fernsehen wurde 1964 gezeigt, die erste Abtreibung 1972 erwähnt. Bis zum 30. 4. 1997 aber dauerte es, bis die erste Lesbierin in einer US-Fernsehhauptrolle auftreten durfte. Chrysler und GM zogen - 1997! - ihre Werbespots in der nun anrüchig gewordenen Serie zurück, der Sender selbst lehnte den Werbespot eines Reiseveranstalters ab, in dem sich zwei Frauen auf einem Kreuzfahrtschiff umarmen. NZZ v. 25.4.97, S. 37 Weniger restriktiv sind die medialen Verhältnisse in Europa, wo Fernsehzuschauer täglich mehr Geschlechtsakte sehen können als ihre bürgerlichen Großeltern in ihrem ganzen Leben. (Bei Proletariern sorgten die engen Wohnverhältnisse schon vor der Erfindung des Fernsehens für Anschauung.) Doch der Anschein der Liberalisierung trügt. Wie die dümmlichen Softpornos in den Spätprogrammen der Fernsehsender nicht Sexualität zeigen, sondern Bewegungsabläufe, bedeutet freizügige Kleidung längst noch keine Befreiung der Sexualität, sondern häufig nur die Reduzierung der Bekleideten auf ihre Geschlechtsmerkmale. Die westliche Mode wirkt zur Zeit weit weniger sexualisierend als genitalisierend. Filmfoto, von der FSK 1953 nicht zum Aushang freigegeben

Und das blieb von der sexuellen Befreiung übrig: Mallorca-Postkarte von 1987

Wohnen um 1960

Gewiss, Menschen schlafen heute eher miteinander, ohne verheiratet zu sein oder heiraten zu wollen, vor allem Frauen leben ihre Sexualität - und sei es nur durch Selbstbefriedigung - häufiger und selbstbewusster aus, und Männer haben das sexuelle Vorspiel als Notwendigkeit akzeptiert und ritualisiert, weil es ihnen häufig die einzige Chance bietet, das eigentliche Triebziel, den genitalen Geschlechtsakt zu erreichen. Aber LeVay, selbst schwul, schätzt seine heterosexuellen Geschlechtsgenossen durchaus richtig ein: „... vom weiblichen Standpunkt aus gesehen (ist) das männliche Lebewesen wenig mehr als ein Parasit, der aus dem weiblichen Fortpflanzungsbestreben Vorteil zieht“. Simon LeVay, Keimzellen der Lust, Heidelberg 1994, S. 25 Martin Dannecker meint, die Vergesellschaftung der Sexualität habe ihr jenen Schuss Unanständigkeit geraubt, die ihr erst Glanz und Leben verleiht: "Die verbotene sexuelle Handlung, die wir uns erlauben, wird durch die Existenz des Verbotes zu einem besonderen Vorgang." Volkmar Sigusch u. a., Sexualität konkret, Frankfurt 1984,  S. 431 Gunter Schmidt geht noch einen Schritt weiter: "Die Sexualität ist nicht an sich von subversiver Sprengkraft; sie bekommt diese Qualität erst durch ihre Unterdrückung." Zit. n. Helmut Kentler, Sexualwesen Mensch, Hamburg 1984,  S. 304 Ohne Risiko, Angst, ja Feindseligkeit verkomme Sex zur kuscheligen Langeweile: "Dieses Bild von Erotik ist schockierend und zeigt zugleich, dass die Vorstellung einer nur zärtlichen, friedfertig-lustvollen Sexualität irreal, ja beinahe antisexuell ist." Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S. 115 FKK (Adolf-Koch-Gymnasium), 1959
Liberalisierung bedeutet noch keine Revolution. Wenn Foucault in seiner viel gelesenen und noch häufiger zitierten Kampfschrift zur Durchsetzung des Begriffes "Diskurs" ("Sexualität und Wahrheit") aufgrund einiger Verhaltensänderungen und unzähliger Veröffentlichungen zum Thema Sexualität die Unterdrückung der Sexualität seit dem 17. Jahrhundert leugnet, ist dies nur albern. Ein Blick in die aktuelle Rechtsprechung sollte genügen: In den USA ist mit Ausnahme von Nevada die Prostitution in allen Bundesstaaten verboten, werden über 2 Millionen Prostituierte von der Polizei gejagt (und häufig erpresst). In den meisten Neuenglandstaaten, in Nevada, Nebraska, Kansas und in fast allen Südstaaten ist jeder außereheliche Geschlechtsverkehr strafbar, in Arizona, Florida, Idaho, Mississippi, New Mexico und North Carolina dürfen Unverheiratete nicht zusammenleben. In Kalifornien wurde ein Mann zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er Oralverkehr hatte mit seiner Ehefrau, in Idaho kann Analverkehr mit lebenslanger Haft bestraft werden und Michigan, dessen Bürger, wären sie nicht Heuchler, fast alle im Gefängnis sitzen müssten, bedroht jede Masturbation mit fünf Jahren Haft. In Schweden machen sich Kunden von Prostituierten strafbar und in Deutschland genügt schon ein vager Verdacht des sexuellen Umgangs mit Kindern, um alle rechtsstaatlichen Prinzipien außer Kraft zu setzen. Und nur sexuelle Unterdrückung kann zwei Bundeswehrsanitäterinnen veranlasst haben, eine Kameradin und ihren Freund wegen Geschlechtsverkehrs in ihrer Anwesenheit anzuzeigen. FAZ v. 30.7.1996, S. 5 Der Kompaniechef sah nicht in der Denunziation, sondern im sexuellen Umgang ein Dienstvergehen, das er mit 7 Tagen Arrest bestrafen wollte.
Nein, das häufige Sprechen über, das Abbilden von Sexualität ist nur ein Ventil einer sich liberal gebenden, doch immer rigider werdenden Sexualmoral. Noch nie in der Geschichte hat die sexuelle Berührung eines Kindes, einer Frau oder eines Mannes ähnlich schwerwiegende Folgen gehabt wie zu Zeiten der neu nur genannten französischen Philosophen. Unser Umgang mit der Sexualität wurde nicht freier, nur zutiefst egoistisch und bequem. Erpicht auf den eigenen, risikolosen Lustgewinn reduzieren die meisten Sexualität auf eine letztlich masturbatorische Lustversorgung. Jeder holt sich, was er braucht. Und wenn Sex noch nie so viel besprochen, gezeigt und vielleicht sogar praktiziert wurde wie heute, war er wohl noch nie so langweilig, unerotisch, kraftlos. Trotzdem sind Teile der Gesellschaft - vor allem in den USA - heftig bemüht, die Sexualität weiter zu säubern, zurückzudrängen in die Harmlosigkeit.

Bereits in den 80er Jahren setzte, ausgehend von den USA, eine antisexuelle Gegenbewegung ein. PorNo-Aktivistinnen wie Andrea Dworkin und Catharine MacKinnow verstanden es, konservative Zensurbestrebungen mit feministischen, auf das Geschlecht reduzierte Vorstellungen von der Würde der Frau in der Forderung nach zunächst sexueller, dann auch politischer Korrektheit (der Bananenschale unter dem Fuß der Wahrheit, wie es in der "Serenade zu Dritt" so schön heißt) zu verbinden. Ihr Versprechen, ein Verbot der Pornographie könne sexuelle Gewalt verhindern oder zumindest reduzieren, schien - obwohl historisch leicht widerlegbar - vielen so attraktiv, dass die PorNo-Kampagne vor allem im Bildungsbürgertum zahlreiche Mitstreiter(innen) fand. Die Auswirkungen sind teils lächerlich, teils tragisch, in jedem Fall politisch gefährlich.

Mein Pappi mag keine Pornographie, Schweden, um 1980
Absurde Auswüchse zeigte der Kampf gegen sexuelle Belästigung in den USA. Frau Prof. Sturmhofer z. B. musste gelegentlich in einem Seminarraum unterrichten, in dem neben anderen Bildern auch eine Reproduktion von Gojas „Maja Desnuda“ hing. Da sich Frau Professor beim Anblick des Gemäldes unbehaglich fühlte, verlangte sie die Entfernung dieses und weiterer sexuell nicht korrekter Bilder aus den Räumen der Universität. Eine Dokumentation dieser Bilder in ihrer Beschwerdeschrift kam zwei Studenten zu Gesicht, die sich nun ihrerseits durch die geballte Ansammlung unzüchtiger Kunst sexuell belästigt fühlten und Frau Professor verklagten. Nadine Strossen, Zur Verteidigung der Pornographie, Zürich 1997, S. 20
Professor Graydon Snyder dagegen, Priester und Dozent am Theologischen Seminar in Chicago, pflegte seit 30 Jahren seinen Studenten und Studentinnen eine Geschichte aus dem Talmud zu erzählen: Ein Mann fällt vom Dach eines Hauses und landet auf einer Frau, mit der er sich versehentlich geschlechtlich vereint. (Das theologische Problem besteht in der Frage, ob solch ein unbeabsichtigter Geschlechtsverkehr sündhaft ist.) Einer Studentin gefiel diese Geschichte gar nicht, sie klagte den Herrn Professor wegen sexueller Belästigung an. Snyder erhielt einen offiziellen Verweis, dessen Erteilung allen Studenten/Studentinnen und Dozenten/Dozentinnen schriftlich bestätigt wurde. Seither muss er in Anwesenheit eines Seminarangestellten lehren, der alle Aussagen Snyders zur Kontrolle auf Tonband mitschneidet. Nadine Strossen, Zur Verteidigung der Pornographie, Zürich 1997, S. 27
Und nicht einmal mehr der angeblich mächtigste Mann der Welt, der Präsident der USA, kann es sich leisten, eine öffentliche Rechtfertigung seines recht normalen Sexualverhaltens zu verweigern, das Recht auf Privatheit einzufordern. Er muss vor laufender Kamera seine Hosen herunterlassen, damit die Medien die Politstrategien der wirklich Mächtigen ebenso bedienen können wie die Geilheit des Publikums.
Wer wegen sexueller Belästigung klagt, um eine bessere Abfindung zu erhalten oder eine(n) lästige(n) Mitbewerber(in) im Karrierewettkampf auszuschalten, handelt zwar schäbig, aber immerhin rational. Sehr viel problematischer sind jene Klagen, die auf der Befindlichkeit der Kläger(innen) beruhen. Merilyn French z. B. fühlt sich sogar durch abstrakte Kunst belästigt: „Wenn ich durch die Museen und Kunstgalerien wandere (vor allem in Centre Pompidou in Paris), dann fühle ich mich durch die abstrakten Skulpturen des 20. Jahrhunderts beleidigt, da sie übertriebenen weiblichen Körperteilen ähneln, vor allem Brüsten.“ Marilyn French, The War Against Women, New York 1992, S. 163
Man stelle sich nur vor, eine Sensibilisierung für Busen-, Vagina- und Phallussymbole wäre tatsächlich erfolgreich: Sie hätte die bisher umfassendste Säuberung in der Geschichte von Kunst und Architektur zur Folge.
Wer Empfindungen als Maßstab akzeptiert, liefert sich den Empfindsamsten aus. Gewiss kann von ihnen gelernt werden. So kommt dem Feminismus das bleibende Verdienst zu, auch patriarchalisch beschränkten Männern die Augen geöffnet zu haben für vorher gar nicht wahrgenommene Formen sexueller Unterdrückung und Gewalt. Aber Empfindsamkeiten sind zahlreich, und häufig haben sie biographische Ursachen. So gibt es Menschen, die sich durch den Anblick eines nackten Geschlechts nicht im geringsten belästigt fühlen, dafür aber unter lauter Musik oder hohen Geschwindigkeiten oder dem Geruch von Parfum, Zigarettenrauch, Kohl oder unter Feuerwerken leiden, weil sie den letzten Krieg nicht vergessen können. Ihnen allen steht jeder psychologische Beistand zu, aber nicht das Recht, den Verursacher ihrer Belästigung zu verklagen, die Belästigung verbieten zu lassen. Sie haben nur Anspruch auf Rücksichtnahme, also z. B. auf den Hinweis, ob ein Buch, ein Film, ein Museum etc. sexuell "korrekt" ist oder nicht. Was sie sich zumuten, muss ihre Entscheidung sein, nicht aber, was sie anderen erlauben. Denn jede Zensur ist gefährlicher als es zensierte Inhalte je sein können.
Dworkin selbst sollte dies wissen. Zusammen mit ihrer Mitstreiterin Catharine MacKinnow hatte sie 1983 ein Anti-Pornographie-Gesetz entworfen, das zuerst im Stadtrat von Minneapolis verabschiedet und 1992 in das Kanadische Obszönitätsgesetz eingearbeitet wurde. Auf Grund dieses Gesetzes haben die Kanadischen Behörden seither unzählige Bücher beschlagnahmt, u. a. auch „PorNographie“ von Andrea Dworkin. Nadine Strossen, Zur Verteidigung der Pornographie, Zürich 1997, S. 83ff.
Man muss daher Pornographie gar nicht etwas künstlerisch Wertvolles, sexuelle Befreiendes etc. abgewinnen, um ihr Verbot, das in der Geschichte immer dazu missbraucht wurde, auch schlicht Missfallendes auszumerzen, zu bekämpfen. In ihrem Buch „Zur Verteidigung der Pornographie“ versammelte Nadine Strossen, Juristin und Präsidentin der American Civil Liberties Union, die wichtigsten Argumente gegen ein Pornoverbot:
- Es gibt trotz aller Schutzbehauptungen von Straftätern keinen Beweis, dass der Konsum von „Pornographie“ gewalttätig macht, im Gegenteil, in Ländern mit hohem Pornokonsum tritt sexuelle Gewalt seltener auf als unter den Bedingungen der Zensur. (Im Mittelalter gab es, sieht man von Kreuzigungsbildern einmal ab, kaum „Pornographie“, und trotzdem - wie Jacques Rossiaud nachwies - sehr viel sexuelle Gewalt.)
- Auch eine „Diktatur der Tugend“ ist nur eine Diktatur. Mögen ihre Regeln zum Schutz von Minderheiten, Schwachen, Unterdrückten noch so gut gemeint sein, festigen sie doch nur deren Status, dienen sie nicht der Befreiung, sondern der Disziplinierung, denn Schutz über ein notwendiges Maß hinaus lähmt.
- Richard Nixon, aus dem Amt gejagter US-Präsident, behauptete: „Wenn wir gegenüber der Pornographie eine nachgiebige Haltung einnehmen, würde dies zu einer Atmosphäre beitragen, die der Anarchie in allen Bereichen Tür und Tor öffnet.“ Walter Kendrick, The Secret Museum: Pornography in Modern Culture, New York 1987, S. 219 Die - selbstverständlich völlig unbegründete Angst - vor sexueller Anarchie wird häufig als Vorwand genutzt, mittels sexuell begründeter Zensur politische Zensur zu rechtfertigen. Nicht nur in arabischen Ländern oder China oder Singapur diffamieren die Herrschenden gerne als pornographisch, was in Wahrheit nur systemkritisch ist.
- Unsinnig ist auch der Verbotsvorwand, man wolle Pornodarsteller vor einem Mißbrauch schützen, denn ein Verbot der „Pornographie“ wäre im Gegenteil gefährlich für alle Beteiligten, würde die Pornoindustrie nur wieder in den brutalen Untergrund zurückdrängen. Unter den Bedingungen der Illegalität - ähnliches gilt für die Prostitution - würde sich die Lage der an der Herstellung von „Pornographie“ beteiligten Sexarbeiter/innen, deren Berufsrisiko zur Zeit geringer ist als das von Industriearbeiter/innen, wesentlich verschlechtern.
Es ist schlicht verlogen, wenn Feministen/innen, Menschenrechtler/innen und Staatsanwälte/innen den Schutz vor sexuellem Missbrauch für Menschen fordern, die ungeschützt vor den ökonomischen Gewalten dem Hunger, der Verelendung ausgesetzt sind. Der Zweck solcher Schutzbehauptungen ist ein anderer: In der Schweiz wie in den meisten Industriestaaten wird bestraft, wer pornographische Gegenstände oder Vorführungen, „die sexuelle Handlungen mit Kindern oder mit Tieren ... zum Inhalt haben, herstellt, einführt, lagert, in Verkehr bringt, anpreist, ausstellt, anbietet, zeigt, überlässt oder zugänglich macht“. (Art. 197/3 Strafgesetzbuch Schweiz)
Unter der Annahme, die Darstellung von Sex mit Kindern oder Tieren sei sittlich schwer gefährdend (darüber gleich mehr), ist das Gesetz tadellos. Es bestraft jene, die aus den krankhaften Neigungen ihrer Mitmenschen ein Geschäft machen, erlaubt aber noch (eine Gesetzesänderung ist in Vorbereitung) den Bedürftigen den Erwerb, Besitz und Konsum harter Pornographie. Nun aber wurde ein 58jähriger Mann zu 200 Franken Geldstrafe verurteilt, weil er sich in Holland eine Videokassette bestellt hatte, die Geschlechtsverkehr zwischen Menschen und Pferden zeigt. Das Bezirksgericht als erste Instanz hatte noch nüchtern festgestellt: „Wenn Besitz und Erwerb erlaubt sind, dann lässt sich schwerlich eine plausible Erklärung für die Strafbarkeit der Einfuhr zum Eigengebrauch finden.“ Das Obergericht als 2. Instanz aber berief sich auf ein Bundesgerichtsurteil, das den Pornographie-Artikel anders auslegt. Er solle vor allem potentielle Darsteller vor Ausbeutung, Gewalt und menschenunwürdiger Behandlung bewahren. NZZ v. 10. 9. 98 Darüber steht zwar kein Wort im Gesetz, aber der Zeitgeist rechtfertigt die Interpretation. Hieran werden die Wucherungen erkennbar, die Zensurgesetzen eigen sind. Je mehr aber verboten wird, je restriktiver die sexuellen Verhältnisse sind, desto sexbesessener wird die Phantasie, bis - wie im 19. Jh. - ein Hühnerbein wieder obszön erscheint oder - wie im 20. Jh. - der Zensor die Frage, „Hältst du das Essen von Austern für moralisch und das Essen von Schnecken für unmoralisch?“ aus dem Film „Spartacus“ herausschneiden lässt. (Sie verstehen nicht, was daran obszön sein soll? Nun, warten Sie noch ein paar Jahre.)
Tierliebe, 1830

Frauchen mit Hund, 19. Jh.

Soldat mit Esel, 19. Jh.

Frau mit Hengst, 1705

Pornophobie wurzelt in einem tiefen Misstrauen gegen Sex, in der Angst vor Sexualität und ist ebenso konservativ wie apolitisch und kulturfeindlich. Es sind doch ökonomische, soziale, rechtliche, familiäre Verhältnisse und nicht vordergründige Männerphantasien (die übrigens von immer mehr Frauen geteilt werden), die Gewalt und Diskriminierung hervorrufen. Wer das Geschlechterverhältnis durch ein Pornoverbot verändern will, merkt gar nicht, dass er damit den Menschen auf sein Geschlecht reduziert. Nur wer die Menschenwürde im Geschlecht lokalisiert, kann einen Angriff auf das Geschlecht als einen Angriff auf die Würde missverstehen. Zurecht haben Susan Brownmiller und andere darauf hingewiesen, dass Vergewaltigung nicht ein Verbrechen ist, in dem es um Sex geht, sondern um Gewalt Susan Brownmiller, Against Our Will: Men, Women and Rape, New York 1975 , und alle Formen des gewalttätigen sexuellen Missbrauchs sind durch Gesetze gegen Gewalt abgedeckt. Der zivilisatorische Fortschritt besteht nicht darin, dass eine Ohrfeige gerade noch durchgeht, ein Griff an den Hintern aber strafwürdig ist, sondern im Schutz jedes Einzelnen vor jedem unerwünschten gewalttätigen Angriff. Aus einem spanischen Gewaltporno, Ende der 70er Jahre

Aus Ein andalusischer Hund, Bunuel/Dali, 1924

Gerade diese Forderung aber macht den Umgang mit der Pädophilie so schwierig. Denn Kinder - mehr noch als Frauen - lassen aus Unsicherheit, Neugierde, Übermut oder Respekt manchmal mit sich geschehen, was sie vielleicht gar nicht geschehen lassen wollen. Pädophilie ist häufig ein Missbrauch von Kindern, der ihnen manchmal tatsächlich schadet. Die Tatsache, dass Millionen Kinder jährlich Schlimmeres ( z. B. Hunger) nicht überleben, relativiert das mögliche Vergehen nicht. Jede Gesellschaft hat das Recht, sich nach ihrem Wissen oder Interesse oder Glauben die Gesetze zu geben, die sie zu benötigen meint. Zumindest in Europa und den USA ist zur Zeit jeder sexuelle Umgang mit Kindern verboten Anm., Pädophile haben sich selbstverständlich an die entsprechenden Gesetze zu halten, sollten freilich wie bei allen, sogar den gründlichsten Gesetzen deren Änderung anstreben dürfen.
Doch Pädophilie scheint zur Zeit mehr als nur ein Gesetzesverstoß. Die Liebhaber/innen von Kindern provozieren die Gesellschaft wie einst die Hexen. Pädophilie wird nicht als Straftat gewertet und bestraft, sondern als ein Vergehen, das den Täter oder die Täterin außerhalb der menschlichen Gemeinschaft stellt.
In Anknüpfung an mittelalterliche Praktiken werden Pädophile (in den USA auch Homosexuelle Anm.) an den Pranger gestellt. In Genf wurde 1998 das Urteil gegen einen Pädophilen (18 Monate auf Bewährung) drei Monate lang öffentlich ausgehängt NZZ 22.4.98, S. 48 , für die Medien gilt längst nicht mehr die Unschuldsvermutung bis zur Verurteilung, Verdachtsmomente reichen völlig aus für die vollständige Namensnennung. Nur weil er angeblich ein „Schreibtischtäter“ der Pädophilie sei, wurde dem Sexualwissenschaftler Helmut Kentler der Magnus-Hirschfeld-Emanzipationspreis 15 Minuten vor der Verleihung aberkannt. FAZ 5.9.97, S. 43 Kentler wurde behandelt wie einst Hirschfeld von vielen seiner Kollegen, als wäre er ein Aussätziger. Wer es in Deutschland wagt, Pädophilie mehr wissenschaftlich als moralisch zu untersuchen, kann in der FAZ (".. ist das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung für Kinder von einer ganz bestimmten Forschungsrichtung erst erfunden und proklamiert worden, aus durchaus eigennützigen Motiven sogar" FAZ 13.1.98, S. 29 ) pädophiler Neigungen verdächtigt werden.
In Berlin wurde ein 54jähriger Pädagoge wegen der Herstellung und Verbreitung von Kinderpornographie verurteilt, obwohl er untertänigst jedes Bild vor der Veröffentlichung bei der zuständigen Fachdienststelle der Kriminalpolizei vorgelegt hatte. FAZ 27.11.97, S. 14 In Frankfurt forderte eine Initiative gegen sexuellen Missbrauch von Kindern das Verbot des Filmes „Lolita“ FAZ 3.1.98, S. 22 , in Oklahoma City wurde (wegen der Brausepulverszene) das Video „Die Blechtrommel“ beschlagnahmt. NZZ 29. 12. 97, S. 24 Der Internet-Provider PureTec verweigerte am 6. 9. 2000 dem Autor dieses Buches die Anmeldung des Domain-Namens "Geschichte-der-Sexualität.de" wegen des Verdachtes, unter dieser Adresse könnten pornographische und/oder erotische Inhalte ins Internet gestellt werden. Und in London sensibilisierte ein Regierungsaufruf zur öffentlichen Wachsamkeit gegenüber Pädophilen den Mitarbeiter eines Fotolabors so sehr, dass er wegen eines zufällig wahrgenommenen Fotos die Polizei alarmierte. Das Bild zeigte ein Kleinkind, das von seinen Eltern gebadet wurde. NZZ 5.5.98, S. 48
Pädophilie ist mehr ist als nur ein medizinisches oder strafrechtliches Problem. Über 60 Jahre alt sind die 14 Reliefs der Kreuzwegstationen der Katholischen Kathedrale von Westminster, und nichts an ihnen störte die Andacht der Gläubigen, bis bekannt wurde, dass ihr Schöpfer Eric Gill nicht nur Bedienstete, Tiere und seine Schwester gevögelt hat, sondern auch zwei seiner drei Töchter. Nun fordern „Christliche Überlebende des Sexualmissbrauchs“ die Entfernung der Kreuzwegstationen. FAZ 20.4.98, S. 43 Was aber, so wäre zu fragen, soll mit den Werken Vivaldis, Oscar Wildes, Pasolinis oder mit Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ geschehen? (Carroll fotografierte gerne kleine nackte Mädchen.) NZZ 10.1.98, S. 49 Auf den Scheiterhaufen mit diesem Schund? Um 1900
Wo nicht mehr das Werk, sondern die Rasse oder eine sexuelle Präferenz des Schöpfers den Wert bestimmt, ist höchste Vorsicht angebracht. Die Motive der PorNo-Aktivisten/innen, der Kindersexverfolger/innen mögen noch so lauter sein, das Ergebnis ihrer Tätigkeiten muss erschrecken. Die (Schein-)Liberalisierung im Umgang mit Sexualität wird nicht nur, was noch zu verschmerzen wäre, rückgängig gemacht, sondern wir erleben die Wiederkehr einer rigiden Sexualmoral, die nicht weniger menschenfreundlich sein will als der Viktorianismus, und nicht weniger zerstörerisch sein wird.
Wie tiefgreifend dieser Wandel ist, zeigt unser Umgang mit AIDS. Diese schreckliche, auch sexuell übertragbare Immunkrankheit, die immerhin ein Zehntel so viel Opfer fordert wie die Tuberkulose Der Spiegel, Heft 9, 1996, S. 223 , wurde für eine Angstkampagne missbraucht Gunter Schmidt, Das große Der Die Das, Reinbek 1988,  S. 180Anm., deren Ziel weniger Gesundheit als Moral ist. Um welche abgestandene Moral es sich im Umgang mit AIDS handelt, zeigt die 1988 in Deutschland aufgestellte Behauptung, AIDS sei von schwarzen Frauen verbreitet worden, die Geschlechtsverkehr mit Affen hatten. Sander L. Gilman, Rasse, Sexualität und Seuche, Reinbek 1992, S. 295
Keine Krankheit kann so schlimm sein, dass sie Enthaltsamkeit oder ausschließliche Masturbation oder Monogamie oder die regelmäßige Benutzung eines Kondoms rechtfertigt, denn Enthaltsamkeit macht verrückt, Masturbation einsam, Monogamie wunschlos glücklich. Der selbstverständliche Gebrauch des Kondoms aber wäre nach Besteck, Deodorant und Wangenreiben nur der nächste Zivilisationsschritt zur Entsinnlichung des Lebens, zur Entfremdung des Menschen nicht nur von der Arbeit, sondern von seinen Mitmenschen.
Andererseits könnte Aids, bis in absehbarer Zeit das Problem medizinisch gelöst sein wird, uns wieder bewusst machen, dass es kein Leben, bestenfalls ein Vegetieren ohne Risiko gibt, also auch keine Sexualität, höchstens Befriedigung. Befriedigung bei gleichzeitiger Risikovermeidung muss freilich bis zur Lächerlichkeit reglementiert werden.
Vieles deutet darauf hin, dass in hochentwickelten Industriestaaten nicht zuletzt zur Konfliktvermeidung die Sexualität zur medialen Triebbefriedigung verkommt. Telefonsex, Fernsehvoyeurismus, Cyberspacesex sind die trostlosen Vorzeichen der Entsozialisierung auch in der Sexualität.
Seitdem und solange Sex und Fortpflanzung, Vergnügen und Reproduktion unlösbar miteinander verbunden waren, kämpften zwei Gruppen um die immer wieder wechselnde Vorherrschaft. Dem Versuch der einen, sexuelles Vergnügen ohne Folgen auszuleben, stand der Versuch der anderen gegenüber, die Sexualität auf die Fortpflanzung zu beschränken, wobei die Durchsetzung des jeweiligen Prinzips von wirtschaftlichen und somit politisch-religiösen Verhältnissen abhängig war.
In der Geschichte der Sexualität stießen wir auf eine eher restriktive Sexualmoral in Phasen angestrebter Vermehrung der Bevölkerung bzw. der Eroberung fremder Reiche. Restriktiv verhielten sich die Juden, um ihr Überleben in einer feindseligen Umwelt zu sichern, die Griechen und Römer, bis ihre Vorherrschaft gefestigt war (ähnliches gilt heute wieder für den Islam), die Christen in der Durchsetzung ihres Absolutheitsanspruches, der Frühkapitalismus in seiner vom Protestantismus begleiteten Entstehungszeit, der Hochkapitalismus in der viktorianischen Epoche, als es an Arbeitskräften mangelte, und alle Mächte in der Vorbereitung menschenverschlingender Volkskriege. Sexuell großzügig waren Gesellschaften eigentlich nur in Endphasen, Griechen und Römer auf dem Höhepunkt ihrer Macht, die höfische Gesellschaft im blinden Selbstvertrauen des Absolutismus. Was für Epochen gilt, lässt sich auch an historisch kurzen Zeitabschnitten beobachten: Die rigide Sexualmoral Nachkriegsdeutschlands wich der Libertinage, als der Wiederaufbau geschafft war.
Diese Wellenbewegungen der Sexualmoral sind nicht verwunderlich. Zum überlebensnotwendigen Essen und Schlafen zwecks Regeneration müssen Menschen nicht angehalten werden, sie tun es allein schon aus egoistischen Gründen, wobei sich der biologische Zwang mit genussvollem Vergnügen verbinden kann, wenn es die wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben. Sexualität dagegen dient nicht der Erhaltung der einzelnen Menschen, sondern der Menschheit. Fortpflanzung ist daher nicht egoistisch, nur sozial zu gewährleisten. In der lustvoll erlebten Sexualität verführt uns die Natur zwar zu tun, was viele von uns vielleicht gar nicht tun wollen: Kinder in die Welt zu setzen. Der Sinn des Geschlechtsaktes, Sonneberg sah es völlig richtig, liegt darin, ihn auszuführen (und die sozialen Folgen des egoistischen Handelns in Kauf zu nehmen). Wir glauben, wir würden zum Vergnügen bumsen, in Wirklichkeit tun wir es, um die Menschheit zu erhalten und durch unbewusste pränatale Selektion bei der Partnersuche ihre Überlebenschance zu verbessern.
Moraltheologen und Staatsmänner aber rufen uns durch rigide Sexualmoral die Pflicht zur Reproduktion in Erinnerung. Sie handeln als Korrektiv menschlicher Ichsucht, als Erzieher des Volkes, als Ideologen der Fortpflanzung, die diese nicht dem Zufall überlassen wollen und schon gar nicht menschlicher Willkür. Sexualmoral ist also nicht nur ein äußerst effektives Disziplinierungsinstrument, denn Untertanen, die ihre Sexualität regulieren können, sind auch fast jeder anderen Anpassung fähig. Zugleich ist die Sexualmoral auch ein Steuerungsinstrument zur Vermehrung, gelegentlich auch zur Reduzierung der Staats- oder Religionsangehörigen.
Zumindest gilt letzteres für die Fortpflanzungssexualität. Nun aber scheint sich trotz der Entsinnlichung der Sexualität, trotz neuer Prüderie und Rufen nach dem Zensor die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung anzubahnen. Erlaubte die Antibabypille schon die Regulierung einer Empfängnis, wird die Reproduktionsmedizin nicht nur die Belastung der Frau durch die Schwangerschaft reduzieren, sondern eines Tages die Schwangerschaft aus dem Körper der Frau ins Labor verlagern. Damit wird die Reproduktion organisierbar und bedarf keiner Moral mehr.
Noch mag die Vorstellung einer außerkörperlichen Reproduktion des Menschen viele erschrecken und ihnen männlich absurd erscheinen, beraubt sie doch Frauen ihrer vermeintlich wichtigsten Funktion als Gebärerin. Auch fehlt unserer Gesellschaft noch die politische Reife, die Reproduktionsmedizin (gleiches gilt für die Gentechnologie) verantwortlich herrschaftsfrei und menschenwürdig zu betreiben. Und doch ist sie die vielleicht wichtigste Voraussetzung für die Überwindung des eben doch nicht nur gesellschaftlich, sondern ursprünglich biologisch geprägten männlichen und weiblichen Rollenverhaltens. Die Emanzipation von Männern und Frauen zu Menschen, die nicht durch geschlechtsspezifisch unterschiedliche Interessen den andersgeschlechtlichen Teil dominieren wollen, kann nur gelingen, wenn nicht mehr allein die Frauen Kinder austragen und gebären müssen. Das Männerkindbett hilft, wie wir sahen, dabei nicht weiter, war nur eine Anmaßung männlichen Wahns. So zu tun als ob, verändert, wie das Bemühen um mannigfaltige Korrektheiten zeigt, nichts. Doch wie es uns mühsam gelingt, den alttestamentarischen Fluch der Arbeit zu überwinden durch Technologie (noch scheitern wir allerdings an der Umverteilung der verbliebenen Arbeit, an der Loslösung von einem längst überholten Arbeitsethos), wird Technologie auch den göttlichen Fluch des Gebärens vergessen machen. Und Gebären ist allen feministischen Mutterideologen/innen zum Trotz ein Fluch: Unter allen Männerträumen zählt die Sehnsucht nach dem Erleben einer Schwangerschaft zu den außergewöhnlichsten. Frauen, die ihr Glück im Gebären finden, haben sich nur mit dem Schicksal abgefunden und erleiden die Freuden des Masochismus.
Es ist durchaus möglich, dass solche Überlegungen voreilig sind, dass Frauen sich wieder in ihre überkommene Frauenrolle zurückdrängen (vielleicht auch zurückfallen) lassen oder ihre Herrschaft über die Männer zurückerobern. Aber die Tendenz der Angleichung von Mann und Frau ist unübersehbar nicht nur im Körperbau, in der Mode, im Umgang mit Schmuck und Parfum. Viel entscheidender ist, dass heute schon die Befreiung der Lust von ihrer Zeugungsfunktion Frauen zumindest in den wirtschaftlich höher entwickelten Ländern nach der ökonomischen und somit politisch-religiösen auch die sexuelle Emanzipation ermöglicht. Sex wird auch für Frauen wieder, was er für Männer immer war: ein egoistisches Vergnügen. Die damit verbundene Entsozialisierung nun auch der weiblichen Sexualität darf und wird nur ein Zwischenstadium sein, denn nur als soziales Wesen ist der Mensch überlebensfähig. Auf das Chaos, das jede Befreiung von Zwängen hervorruft, folgt die freiwillige Bindung unter Gleichwertigen, und Entsozialisierung ist nur eine weitere Voraussetzung zur Überwindung sozial geprägter Rollenklischees. Sexualität wird sich dabei zu der intensivsten Form der Kommunikation unter Menschen fort- und zugleich zurückentwickeln, an der auch Kinder und Alte, für die heute noch sexuelle Tabus gelten, teilhaben dürfen. Unaufhaltsam scheint damit auch eine Entmännlichung der Sexualität, die Rückkehr zur Bisexualität, zum Sex als einem freudigen, gewaltigen Erlebnis, dessen Formen nicht durch wechselnde Nützlichkeitsmoral, sondern durch die Würde des Menschen und seiner geschlechterunabhängigen Achtung des anderen bestimmt werden wird. Noch 1903 konnte der Psychiater Paul Julius Möbius dekretieren: „Je gesünder der Mensch ist, um so entschiedener ist er Mann oder Weib.“ Zit. n. Anna Bergmann, Die verhinderte Sexualität, Hamburg 1992, S. 246 Heute können wir nicht zuletzt aus den Erfahrungen mit dem Faschismus wissen: „...der Versuch, dem Manne eine ausschließlich „männliche“ und der Frau eine ausschließlich „weibliche“ Rolle zuzuweisen, tritt nur in repressiven Gesellschaftsordnungen auf und ist ein sicheres Barometer für die Klassenunterdrückung, die sie widerspiegelt.“ Ernest Borneman, Sexuelle Marktwirtschaft, Wien 1992, S. 254 Ob die Klassenunterdrückung in absehbarer Zeit überwunden werden kann, sei dahingestellt, doch die Geschlechterhierarchie wird sogar in Afghanistan auf Dauer nicht konservierbar sein. Fällt aber das Fundament, bricht mehr zusammen als nur der seit 10 000 Jahre herrschende Männerwahn. In einer Gesellschaft, in der Männer nicht mehr nur Männer und Frauen nicht mehr nur Frauen sind, werden auch Unterdrückung und Ausbeutung überwindbar. Denn die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, die in Wahrheit eine sehr ungleichwertige Herrschaftsteilung war, prägt Denken, Wirtschaft und Politik. Verglichen mit der Revolutionierung des Geschlechterverhältnisses werden die Revolutionen der Männergeschichte wie harmlose Schluckaufanfälle erscheinen.
© 2001 Karl Pawek pawek@web.de
Jantzen-Bade-Werbung, 1940
 
 
 
 

1936

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